“Europa bringt das Verhältnis zwischen Staat und Kirche durcheinander”

Artikel veröffentlicht am 8. Dezember 2003
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Artikel veröffentlicht am 8. Dezember 2003

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Der Islamforscher Professor Mahmoud Salem Elsheikh verteidigt in einem Interview mit café babel den Islam gegen seine Darstellung in den westlichen Medien.

Professor Elsheikh, wie ist das momentane Verhältnis zwischen Staat und Religion in Europa?

Es handelt sich offensichtlich um eine Machtüberlagerung. Nehmen wir zum Beispiel Italien. Während seiner in der Paulskirche gehaltenen Predigt für die in Nassiriya gestorbenen Italiener hat sich Monsignor Ruini angemaßt, im Namen des italienischen Parlaments und somit im Namen des italienischen Volkes zu sprechen. Kurz zuvor hat der italienische Präsident Ciampi das Kruzifix zum Symbol der italienischen Nation erklärt. Doch sollte das Kreuz nicht für die Rettung und das Heil der Menschheit im Allgemeinen stehen? Das alles schafft keine Klarheit. In der westlichen Welt herrscht eine viel größere Verwirrung als in der arabischen. Man braucht nur noch anzufügen, dass das Oberhaupt der anglikanischen Kirche die Königin ist oder dass diese Rolle auch in Dänemark vom Monarchen übernommen wird.

Und der Islam?

Dem Islam wird immer vorgeworfen, die beiden Elemente [Staat und Religion] miteinander zu vermischen. Es wird aber dabei stets vergessen, dass es in der moslemischen Religion keine Kirche als Institution mit Herrschaftsstrukturen gibt, in der Personen – wie etwa in der christlichen Kirche – geweihte Ämter bekleiden und an deren Spitze ein Oberhaupt wie “der unfehlbare Papst” steht: die höchste Autorität, die als letzte Instanz Entscheidungen trifft und den kirchlichen Apparat leitet. Im Islam gibt es keine Sakramente; jeder, der will und der mit den Bräuchen vertraut ist, darf an den Glaubensakten teilnehmen. Die Glaubensgemeinschaft kennt keine Priester. Und die Zeremonien, wie zum Beispiel das Freitagsgebet, können von jedwedem Gläubigen geleitet werden, solange gewährleistet ist, dass dieser weiß, was zu tun ist. Es existiert also kein Klerus, der sich wie in der christlichen Kirche von den Laien abhebt und unterscheidet.

Wie hält es die moslemische Religion dann mit dem Laientum?

Es gibt kein Laientum. Man redet oft vom “weltlichen” im Gegensatz zum religiösen Islam. Aber da zwischen den beiden kein religiöser Unterschied besteht, kann man auch nicht von einem Gegensatz reden. Wem oder was sollte man sich da widersetzen? Das, was man fälschlicherweise als “klerikalen Islam” bezeichnet, ist nichts anderes als die Gesamtheit derjenigen Personen, die –teilweise dauerhaft – rein administrative Aufgaben übernehmen und die mit der Pflege der jeweiligen Moscheen betraut sind.

Wer ist dann also der Imam von Carmagnola?

Der angebliche Imam von Carmagnola, der vor kurzem [wegen Störung der öffentlichen Ordnung und Gefährdung der Staatssicherheit, Anm. d. Red.] unter dem Beifall der Opposition von der italienischen Regierung ausgewiesen wurde, ist nichts anderes als eine Erfindung. In dem Moment, in dem es im Islam keine Geistlichkeit gibt, existieren auch keine Führer. Mir scheint es, dass sich hinter dieser Idee der Selbstdefinition als “Imam” der Willen der zum Islam Konvertierten versteckt, im Islam eine Struktur analog der ursprünglichen Religion dieser Leute, also in Analogie zum Christentum zu errichten. Diese Konvertierten wollen den Islam christianisieren und somit einen “Islam sui generis” schaffen, den sie dann “italienischen Islam” nennen.

Inwiefern haben die Massemedien diese Episoden instrumentalisiert?

In diesen Tagen, in denen die europäische Identität so unsicher erscheint und in denen man sich an das Verschwinden der größten Gefahr –des Kommunismus- gewöhnen muß, frischt der Westen ein altes Feindbild wieder auf: den Islam. Und in diesen Momenten der Angst vor der islamistischen Bedrohung treten die Medien als Vorreiter der Verteidigung des Christentums, das sowohl für die Wurzeln als auch für die wichtigsten Werte des Westens steht, in Aktion. Die Medien werden einfach nicht müde, in ihren Talk-Shows erfundene und konstruierte Persönlichkeiten und Typen wie Adel Smith [der gefordert hat, das Kreuz aus den Schulzimmern zu verbannen, Anm. d. Red.] oder den angeblichen Imam von Carmagnola auftreten zu lassen. Der Sinn dieser Auftritte ist wohl, der Öffentlichkeit das fundamentalistische Gesicht des Islam zu präsentieren, um letzten Endes die absurde These von der Unvereinbarkeit des Islam mit der Moderne zu unterstützen.

Einige Staaten wie zum Beispiel Italien, Spanien und Polen würden gerne einen Verweis auf die “christlich-jüdischen Wurzeln” Europas in der künftigen europäischen Verfassung unterbringen. Was halten Sie davon?

Es ist in erster Linie Italien, das darauf besteht. Letzten Endes muß ein Unterschied zwischen den Wurzeln und der Kultur gemacht werden, denn die Auseinandersetzungen der drei monotheistischen Religionen verdecken, dass ihre wahren Wurzeln im gemarterten Nahen Osten liegen, und nicht in Europa.

Auf diese Weise wird aus kultureller Sicht auch die Rolle der griechischen Kultur für die Entwicklung Europas vergessen: sie hat sich durch die arabisch-islamische Präsenz in Europa ausgebreitet. Man muss nur daran denken, dass die heutigen Europäer ihr Wissen von Aristoteles den Arabern verdanken.

Herr Professor, in den vergangenen Tagen wurde die Türkei von terroristischen Attentaten heimgesucht. Wie sehen Sie die Situation des einzigen laizistischen Staates in der arabischen Welt? Glauben Sie, dass die Türkei einmal der Europäischen Union beitreten wird?

Mir scheint es, dass man sie nicht hereinlassen möchte, weil man sich der ungewöhnlichen Situation der Türkei bewusst ist. Frankreich, Deutschland und Schweden haben das schon ganz klar gesagt. Es handelt sich hierbei nicht ausschließlich um demographische oder ökonomische Motive, sondern auch um das Staatswesen und die Gesellschaft in der Türkei. Ich bin nicht gegen den Beitritt der Türkei, aber die Europäer sind es. Man rühmt den Laizismus der Türkei und vergisst dabei, dass diese “Demokratie” ihr demokratisches Schicksal durch den Art.5 der Verfassung in die Hände des Militärs, bzw. einer Militärdiktatur gibt. In jedem Fall ist es also nicht das religiöse Element, das dem Beitritt der Türkei im Wege steht; es handelt sich um Schwierigkeiten anderer Art und es reicht nicht aus, die Todesstrafe zu verbieten oder es den Frauen zu untersagen, ein Kopftuch zu tragen, ganz abgesehen von anderen islamischen Regeln, um die Türkei “befördert” zu sehen.

Eine Frage die Ihnen sicherlich viele Stellen wollen: Ist es möglich, den Islam mit der Demokratie zu verbinden?

Der Islam wurde durch die Demokratie geboren! Man kann das nicht laut genug sagen. Die erste politische Spaltung der Partei Alis, dem Schwiegersohn des Propheten, markiert den entscheidenden Moment der islamischen Demokratie. Ali gab vor, für die Kontinuität der Familie des Propheten zu stehen, während die Mehrheit dafür war und schließlich auch Recht bekam, dass der Kalif durch freie Wahl bestimmt werden sollte. Dass danach in den meisten islamischen Staaten die demokratische Praxis zerstört wurde ist wirklich nicht die Schuld des Islam. Die Mehrzahl der islamischen Länder hat nach dem Untergang des osmanischen Reiches in 1924 eine Militärbesatzung seitens der Kolonialmächte erlebt, die sich bis zur Mitte des 20.Jahrhunderts hinzog. Diese Kolonialmächte haben dann im Interesse der Sicherung ihrer ökonomischen, kulturellen und militärischen Herrschaft Militärdiktaturen in islamischen Ländern installiert. Das hat alles mit dem Islam nichts zu tun. Es wäre vielleicht gar nicht so schlecht, wenn sich Europa mal einem kleinen Gewissenstest und der Frage stellen würde, was es eigentlich in den vergangenen fünfzig Jahren gemacht hat, außer sich Märkte für den Waffen- und andere Händel zu erschließen, jede Entwicklungsmöglichkeit zu verschließen und jede Unabhängigkeitsforderung im Keim zu ersticken, die den Ländern auf der anderen Seite des Mittelmeers womöglich eine wirkliche Demokratie gebracht hätte.