Eurodistrikt auf Abwegen

Artikel veröffentlicht am 3. September 2015
Artikel veröffentlicht am 3. September 2015

Als Pilotprojekt an der Grenze zwischen Frankreich und Deutschland ermöglicht der Eurodistrikt Straßburg-Ortenau duale Berufsausbildungen und bietet Erasmus-Studierenden interkulturelle Praktika.  Aber warum kennt kaum einer in der Region dann das Projekt?

Nicht viele wissen, was ein Eurodistrikt eigentlich ist. Das zumindest hatte eine Umfrage aus dem Jahr 2010 ergeben, der zufolge gerade einmal 10% der Bevölkerung überhaupt von der Existenz des Eurodistrikts wussten. Und wie sieht die Lage heute, fünf Jahre später aus? Nicht viel anders.

Ein Grund mag wohl darin liegen, dass der Begriff noch nicht von europäischen Institutionen definiert worden ist. Seinen Ursprung hat er in dem Verein Initiative Eurodistrict e. V. 1989, der sich für die Schaffung von Arbeitsmodellen für Städte an der Grenze zwischen Deutschland und Frankreich einsetzte, die ihre kommunalen Aufgaben gemeinsam lösen wollten.

Der erste Eurodistrikt entstand 2005 unter dem Namen Straßburg-Ortenau. Neben Offenburg, dem Wahlkreis von Finanzminister Wolfgang Schäuble, gehören auf deutscher Seite der Ortenaukreis und die vier großen Kreisstädte Achern, Kehl, Lahr und Oberkirch, auf französischer Seite der Gemeindeverband Erstein, Benfeld und Rhein sowie Straßburg zum Eurodistrikt. In ganz Europa hat das Konzept mit aktuell sechs Eurodistrikten mittlerweile Wurzeln geschlagen.

Marathon-Projekt

Der Eurodistrikt Straßburg-Ortenau kommt meistens sporadisch in den Medien zur Sprache. Dann zum Beispiel, wenn einmal im Jahr, im Oktober, über den grenzüberschreitenden Marathonlauf berichtet wird. Aber das war es dann auch schon fast mit der medialen Aufmerksamkeit. Eher selten beschäftigt man sich in der Öffentlichkeit hingegen mit den Herausforderungen, vor die Institutionen und Menschen in transnationalen Programmen gestellt werden, wenn Kooperationsprogramme in die Tat umgesetzt werden.

Der Verbund für territoriale Zusammenarbeit zum Beispiel. Er zielt als Pilotprojekt unter anderem darauf ab, dafür zu sorgen, dass jüngere Generationen eine Rolle spielen und sich an den Aufgaben und Zielen des Kooperationsraumes beteiligen können. Aber wird er dem auch gerecht?

Zweisprachigkeit und der holprige Weg zur dualen Ausbildung

Junge Leute aus dem Eurodistrikt können sowohl als Praktikant als auch als Azubi an dem Pilotprojekt teilhaben. Ziel einer dualen Ausbildung ist es, mit guten Kenntnissen der Sprache und der Arbeitswelt der Nachbarn nach der Ausbildung bestens ausgerüstet zu sein, um einen grenzüberschreitenden Start in die Arbeitswelt zu wagen.

Das, was sich als erfrischende internationale Chance anhört, kann aber die jungen Teilnehmer auch manchmal überfordern. Im Eurodistrikt scheint sich eine Tendenz abzuzeichnen, die aus Erfahrungsberichten und Foren hervorgeht: Azubis haben oft unter den kulturellen Unterschieden und Sprachbarrieren zu leiden.

Laut der Arbeitsagentur in Offenburg sei das Konzept bei jungen deutschen Azubis  beliebter als bei ihren französischen Nachbarn, die in den meisten Fällen kein Deutsch sprechen. Aus dem 3. Forum des Eurodistrikts im Jahr 2013 ging hervor, dass Lehrlinge aus dem Elsass bereits bei der Bewerbung um eine duale Berufsausbildung an den Grenzen ihrer Sprachkenntnisse scheitern. Dieser Fremdsprachenmangel bringt sie davon ab, die berufliche Chance jenseits der Grenze ernst zu nehmen.

Der Vertreter der elsässischen Industrie- und Handelskammer Frank Rotter machte auf dem Forum darauf aufmerksam, dass von den insgesamt 1 400 elsässischen Auszubildenden es nur 12 Jugendliche gab, die sich für Deutschkurse interessiert und nur 6, die die Kurse auch belegt haben. Als Problem wurden der Mangel an innovativem Unterrichtsmaterial sowie ein allgemein unklares und negatives Bild der deutschen Nachbarn angegeben. Außerdem verfügen die Auszubildenden in Elsass über zu wenige Kenntnisse des deutschen Arbeitsmarktes, so Rotter.

Darüber hinaus sei es laut der Arbeitsagentur in Offenburg auf der anderen Seite schwierig, Firmen in Frankreich zu finden, die sich an dem Konzept beteiligen, so dass es trotz Interesse auch nur wenige Deutsche schaffen, die Berufspraxis in Frankreich zu erlernen.

Eurodistrikt-Bashing

Der Eurodistrikt musste in den letzten Jahren viel Kritik einstecken. Vor allem wird dem Verbund vorgeworfen, als einziges Ziel zu haben, sich selbst zu verwalten. Er soll damit gescheitert sein, Bürgernähe hinzubekommen, so Kai Littmann im März dieses Jahres auf der deutsch-französischen Online-Zeitung eurojournalist.

Wozu also der bürokratische Aufwand, wenn die Bewohner nicht davon profitieren, der Eurodistrikt im Jahr aber 850 000 Euro kostet? Ob Imagekampagnen reichen werden, wird sich in den kommenden Jahren herausstellen. Fest steht, dass auch die Eltern der Azubis aus dem Elsass angesprochen werden sollen, damit Vorurteile in den Familien abgebaut werden können.

Als Pilotprojekt scheint der Eurodistrikt Straßburg–Ortenau trotz aller Bemühungen nur schleppend seinem Ziel näher zu kommen.    

+++ Facebook-Seite des Eurodistrikt Straßburg-Ortenau