Euro-Mobbing und PIIGS-Staaten: Politische Schweinereien

Artikel veröffentlicht am 7. Mai 2010
Artikel veröffentlicht am 7. Mai 2010
Das Akronym „PIIGS“ beschreibt die fünf Eurozonenverlierer, als ob es sich um eine Gruppe unbeliebter Schüler handeln würde. Seitdem sich die Lage an der finanziellen Front Europas verdunkelt, veranstaltet die EU ein regelrechtes Euro-Mobbing - eine Einstellung, die nur schwer mit der gemeinsamen Vision, die der Union zugrunde liegt, zu vereinbaren ist.

Das bezaubernde kleine Akronym PIIGS, eine recht ungeglückte weil abwertende Bezeichnung für die geschwächten Volkswirtschaften Portugals, Irlands, Italiens, Griechenlands und Spaniens, erinnert weniger an die bis über beide Ohren verschuldeten Staaten, als an schmierige Anzugträger, die diesen Begriff tagtäglich in Brüsseler Sitzungssälen verwenden. Tatsächlich dient der Term in letzter Zeit vor allem dazu, diese Länder als eine Gruppe von Außenseitern abzustempeln, die - als wären wir auf jedem x-beliebigen Schulhof - allseits verachtet werden. Seitdem sich die Lage an Europas finanzieller Front verdunkelt, zeigt sich die Europäische Gemeinschaft von ihrer fiesen Seite. Die Einstellung hinter der PIIGS-Rhetorik ist nur schwer mit der gemeinsamen Vision, auf deren Grundlage die EU gegründet wurde, zu vereinbaren. Sie fördert die Wahrnehmung der betroffenen Länder als definitiv „uncoole“ Gruppe an der wirtschaftlichen Front, während die beliebteren Kids die Augen verdrehen und entscheiden, wer nun tatsächlich in ihrer Clique namens Eurozone bleiben darf und wer nicht.

Spanien war das jüngste Opfer der Euro-Mobbingrunde. „Es ist nicht so, als ob wir dich nicht mögen würden, Spanien“, kündigten die angesagten Kids an, „als du noch geboomt hast, warst du echt krass und nun hast du einfach deine Glückssträhne verloren. Warum setzt du dich nicht für eine Weile an den PIIGS-Tisch, bis du dich wieder gefangen hast? Wir rufen dich irgendwann mal an.“

Spanien hat das drittgröβte Defizit in der EurozoneIn Ordnung, Irlands Ablehnung des Lissabon-Vertrags war definitiv uncool. „Oh Gott, hast du gesehen, wie Irland heute abgestimmt hat?“, konnte man überall auf dem Schulhof vernehmen. „Das ist ja sowas von daneben. Nachdem wir das ganze Geld ausgegeben haben, damit sie den Durchblick bekommen? Was denken die, wer sie sind?“ Abgesehen davon war Irlands „Nein“ zu der Zeit auch ziemlich gemein, aber damals gehörte es immerhin noch zur beliebten Clique (egal wie viel hinter ihrem Rücken gelästert wurde).

Griechenland wurde schon vor so langer Zeit aus der coolen Gang ausgeschlossen, dass geschah, was geschehen musste - es ist verärgert. Die Wirtschaftskrise und die sozialen Unruhen in Athen ähneln dem merkwürdigen Mädchen in der Ecke, das es wagte, als Super-Grufti gekleidet in die Klasse zu kommen. Der Konservatismus, der überall in der Union aufkeimt, ist symptomatisch für die gleiche angstgeleitete Ablehnung.

Gegenbewegungen zur liberalen Ideologie der mächtigen EU-Regierungen sind vergleichbar mit den Außenseitern, die ihre eigene Clique gründen. „Denkt ihr, ihr seid cool mit eurer Gleichstellungspolitik und den Umweltsanktionen?“, scheinen sie zu fragen, wobei sie die Hornbrillen auf ihren Knollnasen zurechtrücken. „Nein, seid ihr nicht. Kommt schon, Leute, wir setzen uns hierher, die haben uns nichts zu sagen.“

Das Vereinigte Königreich scheint sich seinerseits immer ein wenig von der Mehrheit zu distanzieren. Das mag zwar niemand, aber alle tun so, als sei es okay. „Das Vereinigte Königreich denkt, es sei so viel besser als wir, nur weil es im letzten Jahrhundert dieses ganze Weltreich von Ländern besaß, denen es sagen konnte, was alle zu tun und zu lassen hatten. Aber Großbritannien ist jetzt nur cool, weil es mit uns rumhängt. Seine alten Freunde sind ganz woanders.“

Jeder hegt irgendeinen Groll gegen alle anderen, der hervorgeholt wird, wenn es an der Zeit ist, Gemeinheiten auszuteilen. Deutschland bringt Griechenland mit dem Stinkefinger der Venus von Milo in Rage, während Griechenland (dem mittlerweile alles egal ist), schlagfertig mit einem Hakenkreuz auf der Siegessäule kontert. So eine Schlampe!

Letzten Endes helfen diese gemeinen Possen in der EU-Politik aber niemanden und sie werden uns sicher nicht aus der wirtschaftlichen Rezession befreien. Schlimmer noch: Nun, da der Blödsinn, der geredet wird, richtig fies wird, droht die glückliche Familie auseinanderzubrechen. Gerede, wonach gewisse, streitlustigere PIIGS aus der gesamten Union ausgeschlossen werden sollen, ist die EU-Version der einflussreichsten Schüler, die einen glücklosen Problemschüler an eine andere Schule versetzen lassen wollen.

Vielleicht ist dies unvermeidbar auf einem Kontinent, auf dem derart viele Ressentiments herrschen. Jedoch sollte jemand den europäischen Mitgliedsstaaten erklären, dass ihnen diese Gehässigkeiten wirklich nicht gut stehen.

Fotos: Homepage ©the prodigal untitled13 & ©citizenmustard.com; Spanien ©crazypete04/flickr