Euro für Litauen: Währung mit Minderheitskomplex

Artikel veröffentlicht am 24. September 2014
Artikel veröffentlicht am 24. September 2014

Ab dem 1. Januar 2015 soll nun auch der ehemalige baltische Tiger Litauen die Euro-Bankarena von Frankfurt bereichern. Wie sieht es hinter den Kulissen zur Einführung der europäischen Einheitswährung in Litauen aus? Auf den Spuren des Euro in Kaunas.

Inflation, Aufschwung, Identitätsverlust, Öffnung für den europäischen Binnenmarkt - all diese Ideen geistern aktuell in litauischen Köpfen herum, wenn man nach dem Beitritt zur Währungsunion fragt. In Kaunas, der zweitgrößten Stadt des Landes, steht der Stichtag für das Beitrittsdatum: Am 1. Januar 2015 soll es soweit sein. Trotzdem ist es bereits jetzt möglich, auf dem Markt in Kaunas mit Euro zu bezahlen. Der Honig-Verkäufer akzeptiert ohne mit der Wimper zu zucken Euros. Er zückt seinen Taschenrechner und berechnet die Summe im Handumdrehen: 8 Litas (2 Euro 30) bitte. Die Gemüsehändlerin, bei der wir Pilze kaufen wollen, sagt ihrerseits: „Das hängt ganz davon ab, wieviel sie kaufen.“

Laut der Gemüseverkäuferin hätte der Direktor der Markthalle erklärt, dass es bereits erlaubt sei, in Euro zu bezahlen. Uns erklärt Letzterer aber folgend, dass der Euro erst ab 1. Januar 2015 in Umlauf gebracht werden darf. Theorie und Praxis lagen schon immer weit auseinander.

Die Banken bereiten sich ihrerseits auch auf den großen Wandel vor. Schon jetzt gibt es in den größten Bankfilialen von Kaunas Geldautomaten zum Abheben von Euro. Die Regierung und die litauische Zentralbank organisieren Informationstreffen in den umliegenden Dörfern. Auch ein Bus fährt auf Tournee in alle Ecken des Landes, um auf die Fragen der Bürger zur Währungsunion zu antworten.

Eine Webseite zum Euro für Litauen fasst alle verfügbaren praktischen und theoretischen Informationen über den Euro zusammen. Kurz und gut, Infos gibt es zu hauf, man muss sie nur wollen. „Ich sehe nicht fern und höre kein Radio, habe aber aus meinem Umfeld genügend Informationen erhalten“, erklärt ein 23-jähriger Student. Eine kurze Umfrage in den Straßen von Kaunas zeigt: Alle zehn Befragten kennen bereits den Wechselkurs (3,4528 Litas/ 1 Euro).

Vertrauen in der Warteschleife

In Litauen waltet eine Kultur der Geduld. Die Bevölkerung ist wechselnde Währungen gewohnt. In 25 Jahren kann das Land vier verschiedene Währungen Revue passieren lassen: den Rubel (1940-1991), den Talon (1991-1993), den Litas (1993-2014) und den Euro (ab 2015).

Der Eurobarometer-Studie von Juni 2014 zufolge schätzen 35 Prozent der Litauer, dass die Einheitswährung positive Konsequenzen für ihr persönliches Leben haben wird, 44 Prozent glauben, dass der Euro sich negativ auswirken wird. „Wir brauchen Beweise: sobald wir den Euro in den Händen halten“, so Rytis Krušinskas und Daiva Dumčiuvienė von der technischen Universität Kaunas (KTU), „wird auch das Vertrauen kommen.“

Ein 50-jähriger Fußgänger, den wir in Kaunas treffen, ist eher geteilter Meinung: „Einerseits können wir den Euro in den anderen EU-Ländern benutzen. Andererseits werden besonders ältere Menschen Probleme haben, sich an die neue Währung zu gewöhnen. Das alles braucht seine Zeit.“  Auch die Inflation beunruhigt die Litauer. „Die Bevölkerung fürchtet vor allem, dass die Preise in die Höhe schnellen werden. Als Zentralbank versuchen wir dann natürlich zu erklären, dass die Preise tatsächlich ein wenig steigen könnten, ja, aber nicht außergewöhnlich viel“, erläutert  Marius Skuodis, Europaspezialist bei der litauischen Zentralbank. Die Identitätsfrage ist ein weiterer Stolperstein in den Köpfen der Litauer. Zum ersten Mal ging es dem Litas 1922 ziemlich übel, aber er war trotzdem noch bis zum Zweiten Weltkrieg im Umlauf. Ab Januar 2015 müssen die Litauer nun auf ihre nationale Währung verzichten, die symbolisch immer noch für die Befreiung von den Russen stand.

Auch eine andere Identitätsfrage tritt zu Tage, wenn man mit den Bewohnern von Kaunas spricht: der Minderwertigkeitskomplex gegenüber der Hauptstadt Vilnius. In der Filiale der Zentralbank in Kaunas schickt man uns lieber nach Vilnius, dort könne man die Fragen zur Währungsunion besser beantworten. Auch die Experten, die die Einführung des Euro in den Medien kommentieren, kommen überwiegend aus Vilnius. Und das obwohl Kaunas zwischen 1920 und 1930 litauische Hauptstadt war.

Wenn endlich der Euro kommt

Die Litauer werden im Januar 2 Wochen haben, um ihre letzten Litas in den Läden auszugeben. Im ersten Drittel des Jahres kann man sein Geld auch noch in den Banken umtauschen. Dafür stehen den Litauern ungefähr 700 Umtausch-Filialen zur Verfügung. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat eine Infographie veröffentlicht, um alle Etappen nochmal ausführlich zu kommentieren.

Langzeitschätzungen der Litauischen Zentralbank zufolge werden sich die Kosten für die Einführung des Euro auf 600 Millionen Euro belaufen, gleichzeitig könne man aber auch mit Gewinnen in Höhe von 11,6 Milliarden rechnen, so Marius Skuodis. „Andererseits weiß niemand so richtig, wie lange die Eurozone überlebt“, sagt Rytis Krušinskas skeptisch. „Sollte einer der großen Staaten der Eurozone entscheiden, die Währungsunion zu verlassen, kann alles wie ein Kartenhaus zusammenfallen.“

Die Regierung, Kommunen und Wirtschaftsvereine haben sich auf ein Memorandum über bewährte Verfahren geeinigt, die eine nachhaltige Umrechnung von Produktwerten und Dienstleistungen garantieren sollen. Nach Jahren, in denen der Gürtel nun enger geschnallt werden musste, in denen dem baltischen Tiger - einst berühmt-berüchtigt für seinen wirtschaftlichen Aufschwung - Renten, Gehälter und Arbeitslosengelder gekürzt wurden, hat die litauische Regierung zudem entschieden, von der Einführung des Euro zu profitieren, um den Mindestlohn von 1000 Litas (290 Euro) auf 300 Euro zu erhöhen – im europäischen Vergleich eine ziemlich mickriges Zugeständnis an die Bürger.  

Der Umtausch der Währung könnte auch eine Chance sein, die Geldwäsche auf dem Schwarzmarkt besser in den Griff zu bekommen. „Die Banken haben zugesagt, die Namen derjenigen preiszugeben, die auf einmal mehr als 20 000 Litas tauschen wollten (5800 Euro)“, erklärt Rytis Krušinskas. Allerdings gibt es keine Rechtsgrundlage für die Freigabe der persönlichen Daten. „Einige Leute fahren aufs Land, um dort illegal ihr Geld umzutauschen. Die Euro-Einführung birgt auf jeden Fall Risiken für Kriminalität und Betrügereien“, setzt der Professor an der KTU fort. Deshalb ist es wichtig, alle gesellschaftlichen Schichten mit genügend Informationen zu versorgen.

Dieser Artikel ist Teil des cafébabel-Reportagsprojekts EU in motion, mit Unterstützung des Europäischen Parlaments und der Fondation Hippocrène.