Eu(e)r Opa! Ein Treffen von 'altem' und 'jungem' Europa in Athen

Artikel veröffentlicht am 3. Juni 2009
Artikel veröffentlicht am 3. Juni 2009

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In der Bar eines zentral gelegenen Athener Hotels begegnen sich 'altes' und 'junges' Europa: Zu meinen siebenundzwanzig Gästen gehören sechs Menschen in den besten Jahren, die schon die Zeiten der Montanunion von 1950-51 erlebt haben, zwei begeisterte Kinder der EU von 2007, Mittvierziger und Mittdreißiger sowie eine junge zehnköpfige Gruppe aus dem Baltikum und aus Zentral- und Südeuropa.

Gert Solberg, 58 Jahre, berechnet seine Altersrente: 1.400 Euro. Er scheut sich, in Griechenland alt zu werden und möchte in ein paar Jahren nach Dänemark zurückkehren, wo die Sozialleistungen besser seien. „Aber ich bin froh, dass in Griechenland immer noch Lamm am Spieß gegrillt wird und dass die Leute Drachen steigen lassen“, sagt er. Der 58-jährige italienische Küchenchef Fabrizio Bugliani hat in Frankreich und Deutschland in Restaurants gearbeitet. „Seit Gründung der EU scheint, außer den fünf Erweiterungen, nichts Wichtiges passiert zu sein“, erklärt er. Seiner Meinung nach sind die Zentren der Entscheidungsfindung immer noch zu weit von den Bürgern entfernt. 

Heutzutage kann man nicht von einem Europa der Nationen sprechen, sondern nur von einem Europa der multinationalen Konzerne.

War die EU ein Erfolg oder ein Fehlschlag? „Das Konzept von Europa ist eher wirtschaftlich orientiert als sozial”, formuliert die französische Wirtschaftswissenschaftlerin Brigitte Elié-Nikolopoulou. „Heutzutage kann man nicht von einem Europa der Nationen sprechen, sondern nur von einem Europa der multinationalen Konzerne.“ 23 Jahre hat sie in Griechenland gelebt. Die Bevölkerung des Kontinents altert und die Aufnahme neuer Länder bedeutet auch den Zulauf billiger Arbeitskräfte. Sie warnt davor, dass all dies auf lange Sicht einen schädlichen Einfluss auf alle Mitgliedsstaaten haben wird, von dem Griechenland zuerst betroffen ist.

Vorzüge Europas

Für Berufstätige in den Dreißigern besteht die andere Seite der ökonomischen Erweiterung in ‘beruflicher Flexibilität’. Der Architekt Stephan Mirger pendelt zwischen Österreich und seiner Dozentenstelle an der Universität von Patras: „Hinter dem Eisernen Vorhang war Wien immer ausgebremst. Heute sind die Grenzen offen. Ob geschäftlich oder zum Vergnügen: In einer Stunde kann man nach Ungarn, in die Tschechische Republik oder nach Kroatien fahren. Niemand hält einen auf.“

„Ist es nicht großartig, dass sich unsere Generation Europa im Kriegszustand heute nicht einmal vorstellen kann?” fragt Daniela Stai, 53 Jahre, die 1976 Berlin verließ, um ihrem Ehemann nach Griechenland zu folgen. „Die EU-Erweiterung war ein Riesenerfolg,“ stellt sie fest. „Von meinen Töchtern habe ich nie verlangt, entweder Irland oder Griechenland mehr zu lieben“, erklärt der heute 50-jährige Emer Rona-Asimakopoulou. „Am 17. März feiern sie den St. Patrick’s Day und am 25. März die Griechische Revolution. Diese Generation hat ihren eigenen Blick auf Europa.”

Auch Marita Asounma und Laura Minano, beide 30, sind mit Griechen verheiratet. Sie sind die 'Erasmus-Generation', die sich ihren Erkenntnisweg vor zwei Dekaden und einem Rucksack erobert haben. „Ich habe Europa voll ausgeschöpft,“ stellt Marita Asounma fest, eine 35-jährige Finnin. „Meinen Master habe ich im Ausland gemacht, meine Steuerdaten über drei verschiedenen Länder hinweg übertragen.“ Die Spanierin Laura Minano hat für 4 Jahre als Vertriebsberaterin in Athen gearbeitet. „Ich fühle mich nicht wie eine Fremde. Wenn man mich fragt, ob ich mich eher als Spanierin oder eher als Griechin fühle, antworte ich: ‘Ich bin Europäerin.’ „Ich weiß nicht, wie ich darauf gekommen bin, hierher zu gehen,” erklärt Susana Zukarova aus der Slowakei. Sie ist an der Panteion-Universität für Internationale und EU-Studien immatrikuliert und möchte ihre guten Griechischkenntnisse nutzen, um in ihrem Heimatland Arbeit zu finden. 'Cool' war eines der ersten Worte, die sie bei ihrer Ankunft lernen musste. Ihre etwa zwanzig Kollegen diskutieren ein offenes Europa ohne Diskriminierung.

Beschädigt

„In Belgien hat das Nebeneinander vieler Nationen und Sprachen den nationalen Zusammenhalt beschädigt,“ bemerkt Yvette Schroeder-Stathopoulou, 60 Jahre. Einer Umfrage der EU-Kommission zufolge denken 4 von 10 EU-Bürgern, dass dieser 'Schmelztiegel der Kulturen' zur Auslöschung nationaler Sitten führen wird. „Rumänien und Bulgarien haben sich in riesige Fabriken verwandelt,” behaupten Ivo Dimitrov, ein 20-Jähriger aus Bulgarien und Robert Krokerou, 27 Jahre, die sich Sorgen über eine drohende Umweltkatastrophe machen. Ihre Ursache sehen sie in der plötzlichen Industrialisierung ihrer Länder und konkreter in dem kürzlich von Nokia in der Region errichteten Werk.

Die meisten Immigranten aus Asien kommen zu uns und wir werden damit nicht mehr fertig.

„Der Einwanderungsstrom nach Griechenland wurde durch die EU-Erweiterung verstärkt. Die meisten Immigranten aus Asien kommen zu uns und wir werden damit nicht mehr fertig,“ erläutert Dimitris Botsos, Chef des griechischen Ablegers von Amnesty International. „Im Grunde genommen sind illegale Einwanderer Reisende ohne Papiere. Wenn wir uns vor ihnen fürchten, schließen wir sie aus dem Europa der Einheit, der Freiheit und der Ideen aus. Wir lassen sie in der Halb-Illegalität leben und zeigen uns gleichgültig gegenüber ihrer Zukunft.“ Pedro Adrante aus Portugal stimmt zu. „Die Nachrichten über Einwanderer, die bei dem Versuch sterben, von Albanien nach Italien zu gelangen oder aus Afrika nach Spanien oder Portugal einzureisen, sind wirklich unannehmbar. Die Art, wie diese Menschen in unseren Ländern ankommen, ist wirklich wichtig, denn auf diesem Wege reisen sie nach Europa ein.“

„Ich weiß nicht, was Europa ist, wo es überhaupt noch seine Grenzen hat,“ gesteht Robert Krokerou, ein 27 Jahre alter Rumäne. Marko Bock, ein 48-jähriger Metallurg aus Luxemburg, hat sieben Jahre in Ankara gearbeitet. „In Sachen Kultur und Religion unterscheidet sich die Türkei stark von der EU“, sagt er. „Die türkische Gemeinschaft in Deutschland hat den Staat zur Einrichtung von Schulen gezwungen, in denen den Kindern nur Türkisch beigebracht werden soll, ohne irgendeine Integration. In der Türkei gibt es keine Mittelschicht. Falls das Land der EU beitritt, würde sich die Bevölkerungszahl halbieren, da Millionen von Menschen auswandern und sich überall in Europa verteilen würden.”

Es lohnt sich, der Türkei Hoffnung auf einen EU-Beitritt zu machen!

Leo de Vos, ein 60-jähriger niederländischer Rechtsberater eines Seefrachtunternehmens ist ebenfalls gegen eine zusätzliche Erweiterung. „Als Zuwanderer darf man keine Ansprüche stellen. Sie müssen die Gesetze des Gastgeberlandes befolgen.“ Nachsichtiger scheint Thomas Ivanksi, ein 24-jähriger Erasmus-Student aus Polen, der an der Universität Athen Politologie studiert: „Es lohnt sich, der Türkei Hoffnung auf einen EU-Beitritt zu machen,“ formuliert er. „Immer wieder werfen wir den Türken Fundamentalismus vor, aber wie viele Fundamentalisten gibt es genau jetzt in Europa. Die sind schlimmer.”

Mein Rekorder ist voll. Das Gesagte, ob aufgezeichnet oder inoffiziell, ist eine Sammlung von Ideen - genau wie die EU, die nicht durch ihre Grenzen oder ihre Institutionen bestimmt wird. Europa besteht aus seinen Bürgern, in anderen Worten, aus uns.

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