EU: Ungeziefer Defizit

Artikel veröffentlicht am 19. Mai 2008
Artikel veröffentlicht am 19. Mai 2008

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Die kürzlich von Eurostat veröffentlichten Zahlen sprechen Bände: Anstieg des Euro-Kurses, weltweite Finanzkrise, Verlust der Wettbewerbsfähigkeit: Die Zeiten sind hart für Europa.

Allein im Monat März 2008 wurde ein Wirtschaftsdefizit von 33 Milliarden Euro verzeichnet, 18 Prozent mehr als im März 2007: So etwas gab es noch nie! Aber nicht überall sieht es so düster aus für Europa. Der Dienstleistungssektor und steigende Investitionen beispielsweise sind Lichter am Wirtschaftshorizont.

Ausgeben oder sparen: Qual der Wahl

©Davic/flickrErster Grund für das wirtschaftliche Defizit ist China. Die Europäer lieben das Land oder vielmehr, was die Chinesen ihnen verkaufen: Die EU hat 2007 nicht weniger als 231 Millionen für Waren im Importland Nummer Eins gelassen, 19 Prozent mehr als 2006. Im Ausgleich dazu verkauft die EU aber nicht genug an China: die Zahlen befinden sich im roten Bereich. 

Trotzdem hält Europa der Finanzkrise stand: Der Handel mit Russland floriert (+ 23%), auch nach Brasilien (+21%) und Indien (+20%) wird viel exportiert. Bei den USA, dem ersten Handelspartner der EU, sieht die Bilanz jedoch noch nicht so rosig aus. Minus 3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Energierechnung, die weh tut

Das andere Problem der EU ist, dass sie kein Erdöl besitzt und es deshalb importieren muss. Der Import kostete 2007 allein 230 Milliarden Euro. Glücklicherweise wird der Anstieg des Ölpreises teilweise vom Anstieg des Euro überdeckt. Aber die magische Gleichung wird nicht ewig aufgehen.

In Europa herrscht ein großes Preisgefälle, das Ungerechtigkeiten mit sich bringt: Deutschland hat 195 Milliarden eingebracht, während Spanien und England 229 verloren haben. Die deutschen Industrien, deren Produkte von hoher Qualität sind, leiden nur wenig unter dem starken Euro und bleiben weltweit die stärksten Exporteure, während alle anderen Länder, ausgenommen die Niederlande, Defizite verzeichnen. 

Dienstleistungen bewahren vor der Misere 

Doch Vorsicht vor Verallgemeinerung, denn das Wirtschaftsdefizit betrifft nur die Händler nicht aber die Dienstleistungs- oder Investitionssektoren: Das Finanzwesen hat England 160 Milliarden beschert und der Tourismus Frankreich fast ebensoviel. Betrachtet man jedoch das Auf und Ab der Waagschale, verändert sich die Sichtweise: Deutschland verfügt nicht über genügend Dienstleistungen, während England zuviel davon hat. Für eine Dienstleistungswirtschaft  ist ein Defizit nicht so schlimm, solange das Geld aus einer anderen Quelle kommt. 

Mit den finanziellen "Turbulenzen" haben amerikanische Investoren den Atlantik überquert, angezogen von den hohen Raten der europäischen Zentralbank (EZB) und der besseren wirtschaftlichen Lage in Europa. Das Geld strömt regelrecht nach Europa. Nicht von Käufern, sondern von Investoren - darüber wird sich niemand beschweren. Doch es fließt nicht genug. Wir sind zwar weit entfernt von den horrenden Schulden der USA, schreiben aber trotzdem rote Zahlen.

Zwischen industriellem Niedergang und innovativer Wirtschaft

Die internationale Konkurrenz schläft nicht und die Europäische Union verliert zunehmend an Marktanteilen. Zu hohe Kosten? Produktionsmangel? Zu wenig neue Technologien? Die Gründe sind zahlreich. Die Lissabon-Strategie wollte diesem Problem entgegenwirken, war aber nicht wirklich von Erfolg gekrönt. 

Und so versucht die EU mehr ihren Status Quo zu bewahren als tatsächlich Gas zu geben. Sie ist keine hundertprozentige Industriewirtschaft, ihr wirtschaftliches Defizit demzufolge nicht mehr so wichtig. Aber sie ist auch keine reine Dienstleistungswirtschaft, vor allem nicht im Bereich der neuen Technologien, in dem die Vereinigten Staaten die Nase vorn haben. Das EU-Defizit ist bedenklich. Doch in der Finanzwelt lebt man auf der Überholspur: ein Defizit kann sich schon am nächsten Tag in einen Überschuss verwandeln. Wachsam sein lautet deswegen die Devise!