EU und Krise ermutigen bulgarische Heimkehrer

Artikel veröffentlicht am 31. März 2009
Artikel veröffentlicht am 31. März 2009
Zwischen 12 und 15 Prozent der Bulgaren wandern aus. Der Beitritt des Balkanstaates zur EU fördert die Rückkehr derjenigen, die einst den Entschluss gefasst haben zu gehen. Und auch die Krise lässt sich zu Hause scheinbar besser aussitzen.

Politische Flüchtlinge und Vertriebene, Arbeiter, Intellektuelle und Studenten verließen Bulgarien auf der Suche nach neuen Möglichkeiten sich in der Welt niederzulassen. Es ist falsch heute zu glauben, dass alle, die Bulgarien verlassen, ihrer Heimat nur aus wirtschaftlichen Gründen den Rücken kehren. Einige sind in die USA gegangen, andere nach Deutschland, Frankreich oder Spanien. In Zeiten der Wirtschaftskrise werden die Rückkehrer jedoch zahlreicher.

©Dana Cojbuc

Keinen blassen Schimmer von Bulgarien

Vor mehr als 200 Jahren wanderten Hunderttausende von Bulgaren nach Moldawien und in die ©cermes.infoUkraine aus und beschlossen für mehrere Generationen dort zu bleiben. Jetzt, da Bulgarien zur Europäischen Union gehört und ein Fortschritt in Sichtweite ist, denken sie über die Möglichkeit nach in das Land ihrer Vorväter zurückzukehren. Der Beitritt Bulgariens zur EU 2007 hat diese Entscheidung beeinflusst. Natürlich taumelt auch Bulgarien angesichts der Wirtschaftskrise, aber es ist noch nicht „apokalyptisch“, versichert Anna Kastreva, die Leiterin des Zentrums für europäische Flüchtlinge, Migration und ethnische Studien in Bulgarien.

Der Geographieprofessor Boian Koulov erhielt ein Angebot der Universität von Virginia (USA) für sechs Monate und blieb schlussendlich 18 Jahre. Als er dort ankam, wurde er auf die im Land lebende bulgarische Minderheit aufmerksam und begann sich für die Erhaltung kultureller Elemente seines Herkunftslandes einzusetzen. Genau an dem Tag, an dem sein sechsjähriger Sohn Englisch zu ihm sprach, wurde Koulov klar, dass er etwas gegen das Vergessen tun musste. Dies war die Geburtsstunde des Vereins bulgarischer Schulen in den Vereinigten Staaten. Die Sonntagsschulen sind in erster Linie für Bulgaren gedacht, aber offen für alle, die sich für die bulgarische Kultur, Sprache, Geschichte und Geographie interessieren. Die Rückkehr in die Heimat sei nicht einfach gewesen, so Koulov. „Wenn du zurückkehrst, wird nichts mehr dasselbe sein. Es ist nicht das Gleiche in Bulgarien zu leben oder es zu besuchen“, sagt er.

Bulgarien wider Willen

In Sofia hat Dimiter etwas gefunden, das er in Deutschland so nicht mehr entdecken konnte: „Unberührtheit.“

Sofioter Chaos, Korruption, schmutzige Straßen - und trotzdem sind sich alle einig: „Wir leben hier trotz der Politiker, trotz der Stadt. Auf die eine oder andere Weise finden wir einen Weg“, sagt Dimiter, ein junger Bulgare, der von seinen Eltern mit 17 Jahren bis nach Dresden geschleppt wurde. Er kam nur widerwillig mit und blieb zehn Jahre. Er ging aufs Gymnasium und später zur Universität. Als es mit der Arbeitssuche losging, beschloss er nach Sofia zurückzugehen. Das war vor ungefähr zwei Jahren.

Dimiter vermisst die deutsche Effizienz und Professionalität, aber in Sofia hat er etwas gefunden, das er in Deutschland so nicht mehr entdecken konnte: „Unberührtheit.“ Bulgarien ist Neuland, wo man ständig gezwungen ist innovativ zu sein. Dimiter weiß beide Länder gut miteinander in Einklang zu bringen, indem er in Bulgarien als freier Journalist für deutsche Medien arbeitet. Diesen Entschluss fasste er, nachdem er einige Zeit für den nationalen bulgarischen Radiosender gearbeitet hatte und der Propaganda und der Arbeitsweise überdrüssig wurde. 

©Impala 74/flickr

In sein Herkunftsland zurückzukehren bedeutet aber auch mit den Augen eines Außenstehenden auf bestehende Verhältnisse zu schauen und die Sinne für politische Patzer und nationale Haltungen zu schärfen. Dimiter sagt das mit einem verschmitzten Lächeln und stößt ein kurzes Lachen aus, das die Normalität zeigt, mit der man hier die politischen Skandale zur Kenntnis nimmt, vor allem seit der Amtsübernahme der aktuellen Regierung, vor fünf Jahren.

Schwierigkeiten, die Herausforderungen sind

Doch nach zwei Jahren hat Dimiter sich an diese Schwierigkeiten gewöhnt und gelernt mit ihnen zu leben. Anders ließe es sich auch gar nicht ertragen, sagt er. „Wenn du dich entscheidest hier zu bleiben, dann musst du Schwierigkeiten mögen, weil es keine Schwierigkeiten, sondern Herausforderungen sind.“ Und es sind diese Herausforderungen, die die Menschen zermürben und dazu führen, dass sie eine völlig negative und pessimistische Haltung einnehmen. „Du wirst niemanden treffen, der stolz darauf ist Bulgare zu sein.“

„Hier kommen die Diebe nicht ins Gefängnis, sondern werden zu Ministern ernannt.“

Kamen Sokoulov, gebürtiger Bulgare und Wahlamerikaner, ist trotz offensichtlicher Probleme im Land stolz auf seine Wurzeln. „Mir gefällt die Regierung auch nicht, aber das heißt nicht, dass mir das Land gegen den Strich geht.“ In der Politik müsse sich jedoch etwas ändern, das sei klar. „Hier kommen die Diebe nicht ins Gefängnis, sondern werden zu Ministern ernannt.“ Deshalb sei es auch so wichtig, sich vor den Wahlen ausreichend zu informieren. Andererseits habe seine Stimme auch dazu beigetragen hat, die derzeitige Regierung in Bulgarien an die Macht zu bringen. Deshalb weigert Kamen sich nun vehement an den Europawahlen im Juni 2009 teilzunehmen.

Trotzdem glauben viele Bulgaren, und auch Sokoulov, dass das Europaparlament die derzeitigen Entgleisungen stoppen kann. So oder so, versichern sie mit mehr Hoffnung, als Gewissheit, „muss Bulgarien vorankommen“.