EU und Indien: New Deal mit Neu Delhi

Artikel veröffentlicht am 11. Februar 2013
Artikel veröffentlicht am 11. Februar 2013
2011 gipfelten die Markttransaktionen zwischen Indien und der EU in einem Rekord-Volumen von 80 Milliarden Euro. Nun wollen Brüssel und Neu Delhi gemeinsam einen Schritt weitergehen und ein Freihandelsabkommen abschließen.

Vom 28. bis 30. Januar war der indische Außenminister, Salman Jhurshid, zu Besuch in Europa. In Brüssel hat er sich mit seiner Amtskollegin, der Vertreterin des diplomatischen Außendienstes der EU, Catherine Ashton, getroffen. Nach sechs langen und zähen Verhandlungsjahren haben sich beide Parteien nun im Rahmen des 13. EU-Indien-Gipfels darauf geeinigt, „schnellstmöglich die Unterzeichnung des Freihandelsabkommens zu gewähren“. 

Die Europäische Union ist Indiens wichtigster Handelspartner

Der Austausch zwischen der EU und Indien beläuft sich im Jahr 2011 auf knapp 80 Milliarden Euro. Davon hat die EU einen Warenwert von 40,4 Milliarden Euro exportiert und 39,4 Milliarden Euro aus Indien importiert. Strengt man den Vergleich zum Vorjahr an, so zeigen diese Zahlen ein Transaktionswachstum von rund 17%. Was den Austausch anbelangt, schafft es die EU durch diese Handelsbilanz [bzw. einem Überschuss von umgerechnet 1,1 Milliarden Dollar zu ihren Gunsten, A.d.R.] ihre indischen Importe aus den Bereichen Landwirtschaft, Energie und insbesondere Textilien auszugleichen. Nun versteht man besser, warum so viel Eifer in die schnelle Verabschiedung jenes Abkommens gesteckt wird, welches sich mit Zolltarifen und der Verbesserung der wirtschaftlichen Infrastruktur beschäftigt. Dem Dialog zwischen Ashton und Khurdish merkt man die relaxte Stimmung an, da sich nach langen Verhandlungsjahren nun endlich die gemeinsame Partnerschaft abzeichnet.

Die diplomatischen Beziehungen zwischen der EU und Indien sind in den 1960er Jahren besiegelt worden. Im Zusammenhang mit dem Kooperationsabkommen sind sie daraufhin im Jahr 1994 weiter vertieft worden. Das Abkommen öffnete die Tür für Diskussionen über Wirtschaft und Politik. Die beiden letzten EU-Indien-Gipfeltreffen (2010 in Brüssel und 2012 in Neu Delhi) dokumentieren den beidseitigen Willen Indiens und der EU, ihre Beziehungen auf die Handels- und Wirtschaftskooperation zu konzentrieren und sich stärker in politische, sicherheitspolitische sowie Menschenrechtsfragen einzubringen. Während die politischen Beziehungen zwischen Neu Delhi und Brüssel noch in den Kinderschuhen stecken, läuft der Wirtschaftsdialog auf Hochtouren. Im Hinblick auf den künftig gemeinsamen Markt wird es im Interesse des europäischen Kontinents sein, geschlossen als Union aufzutreten, da sie als solche auch ihr erster Handelspartner bleibt. 

Zukunft der Partnerschaft

Die Verabschiedung des Freihandelsabkommens zwischen der EU und Indien wird neue Dynamik in einen Markt bringen, der 1,7 Milliarden Einwohner umfasst. Die beidseitigen Wachstums- und Wohlstandsperspektiven könnten die wirtschaftlichen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts wandeln, oder besser gesagt, umwälzen. Tatsächlich könnten die EU und Indien durch das Abkommen eine wirtschaftliche Gegenmacht zu China und den USA bilden. Dadurch wäre das Potenzial für eine globale geo-ökonomische Neuordnung und -verteilung gegeben. „Wenn die 80 Milliarden Euro Austausch, wie sie im Jahr 2011 erreicht wurden, durchaus nach einer beträchtlichen Summe klingen, so bleibt dies noch sehr weit unterhalb des Potenzials, das von Wissenschaftlern erwartet wird“, erklärt Danièle Smadja, EU-Botschafterin in Indien. Im Kern ist dieses Potenzial aber von politischen Maßnahmen abhängig, die den Abbau wirtschaftlicher Hürden und Zollstellen betreffen.

Auf den ersten Blick scheint sich der indische Außenminister sehr gut mit Ashton zu verstehenDie Eröffnung der Freihandelszone zwischen der EU und Indien dürfte ein noch größeres Wachstum des Handelsvolumens erlauben. Ein positiver Aspekt aus Sicht der EU. Für sie ist Indien nämlich ein zentraler Markt geworden, der ihre eigene Konjunktur wieder ins Rollen bringen kann. „Das betrifft ganze Wirtschaftsbereiche in Europa. Mit Blick auf die Automobilindustrie, sowohl aus französischer als auch aus deutscher Perspektive, wissen wir wie wichtig die Öffnung des indischen Marktes ist“, fährt die Diplomatin fort. 

Indien ist sich in jüngster Zeit der Bedeutung ausländischer Direktinvestitionen (FDI) bewusst geworden, seit Manmohan Singh im Jahr 2004 das Amt des indischen Premierministers übernommen hat. Die sogenannten FDI, die einen wesentlichen Bestandteil der gegenwärtigen Wirtschaft bilden, werden mittlerweile auch von Neu Delhi als wichtiges Instrument für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes betrachtet.

Der Staat hat seither mehrere liberale Reformen durchgesetzt, um das Land für ausländische Direktinvestitionen attraktiver zu machen. In den Bereichen des Großvertriebs, der Telekommunikation und der Luftfahrt hat Indien neulich Zugeständnisse gewährt. Im vergangenen September hat die indische Regierung außerdem den Einzelhandel für ausländische Investitionen geöffnet. Nun können dort auch multinationale Großhandels-Konzerne Supermärkte eröffnen und bis zu 51% des Kapitals besitzen. Diese lang erwartete Reform, die der schwachen indischen Wirtschaft neuen Aufschwung bringen soll, hat allerdings auch politische und gewerkschaftliche Aufstände nach sich gezogen. Der Einzug des Großhandels könnte die Existenz kleiner Einzelhandelsgeschäfte bedrohen. Diese machen bisher 93% des indischen Einzelhandels aus. 

Diverse Politik- und Wirtschaftsspezialisten betrachten die indische Wirtschaft nach wie vor als verwundbar. Schuld daran ist Indiens Zurückhaltung gegenüber Investitionen. Sollten die Reformen es schaffen, das Land ein bisschen mehr zu öffnen, könnte Indien aber einer der bevorzugten Anlageorte für Investoren werden, angesichts der preiswerten Arbeitskraft, die sich vor Ort mit einer qualitativ guten Herstellungspraxis paart. Gewerkschaftliche Organisationen in Europa und in Indien befürchten jedoch die Öffnung eines ultra-liberalen Marktes. Die Politik wird sich mit diesem Aspekt auseinandersetzen müssen, um eine faire und dynamische indo-europäische Partnerschaft zu gewährleisten.

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Illustrationen: (cc)abhiomkar/flickr (offizielle Webseite); Im Text: Ashton(cc) european_parliament/flickr, Salman Khurshid ©Wikimedia.