EU-Sprachpolitik: Gleichberechtigung, nicht Masse!

Artikel veröffentlicht am 22. September 2005
Artikel veröffentlicht am 22. September 2005

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Am 26. September wird der fünfte Europäische Tag der Sprachen gefeiert. Aber das Zelebrieren europäischer Sprachenvielfalt kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die EU ihre Sprachenpolitik neu überdenken muss.

Seit ihrer Erweiterung arbeitet die EU mit 20 offiziellen Sprachen – plus Irisch ab 2007. Obwohl man sich eigentlich einig darüber ist, dass die Sprachvielfalt ein Reichtum Europas ist, führt der Umgang mit so vielen Arbeitssprachen bei den Institutionen zu logistischen Problemen. Derweil klingt die Erklärung der EU, alle europäischen Sprachen seien gleich, zunehmend hohl, da bestimmte Sprachen vom Aussterben bedroht sind.

Kultureller Völkermord

Anfang des Monats beschuldigte der bretonische Chef des größten französischen Fernsehkanals TF1, Patrick le Lay, die französische Regierung des „kulturellen Völkermords“ an den Bretonen. Warum? Weil die französische Sprachenpolitik darauf ausgerichtet sei, Bretonisch sowie alle anderen alten Sprachen innerhalb ihres Territoriums zugunsten der „Égalité“ auszuradieren. Zugunsten einer Gleichheit, in der lediglich Sprachrechte besitzt, wer Französisch spricht. Und wie kann so etwas in Zeiten der angeblichen linguistischen Vielfalt geschehen?

Während manche Sprachgemeinschaften, staatenlose Nationen und Regionen über ein hohes Maß an Sprachrechten verfügen, haben andere praktisch keine. Dies überträgt sich auf die EU-Institutionen, in denen riesige Diskrepanzen im Sprachgebrauch existieren. Baskisch, Katalanisch und Galizisch sind nun ko-offiziell in Spanien, Irisch wird in genau einem Jahr offizielle EU- und Arbeitssprache sein und das Vereinigte Königreich hat Sprachgesetze erlassen, um Walisisch und schottisches Gälisch wiederzubeleben. Trotzdem, anderen Sprachen geht es lange nicht so gut: Sorbisch kämpft in Deutschland ständig gegen Ausgabenkürzungen, während die Regierungspolitik in Frankreich und Griechenland dabei ist, alle anderen Sprachen innerhalb ihres Staates zu eliminieren.

Lingua franca?

Die EU im Ganzen hat bewundernswerte Anstrengungen unternommen, damit eine bedeutende Sprachvielfalt praktiziert und Vielsprachigkeit zu einem Eckstein der Politik wird. Kritiker beklagen, dass eine ausschließliche Sprache nötig sei, um die Arbeit einfacher zu gestalten, aber dies wäre wohl kaum gerecht für die Bürger Europas. Momentan ist Englisch – das vom dänischen Akademiker Tove Skutnabb Kangas in einem Interview mit Eurolang kürzlich als „Killersprache“ bezeichnet wurde – de facto die lingua franca, da sie für 85% von den in EU-Institutionen Arbeitenden die bevorzugte Zweitsprache ist.

Soviel ist sicher: Um die linguistische Vielfalt zu schützen sind ein Wechsel und die Entwicklung einer eigenständigen Sprachpolitik nötig. Aber wie kann das im Sinne der Fairness gegenüber allen EU-Bürgern erreicht werden? Momentan gilt die 1958 verabschiedete, unzureichende Methode, nach der die meisten Dokumente in alle offiziellen Sprachen übersetzt werden. Angebracht in einer EU der sechs, aber nicht der 25 Mitgliedstaaten. Müssen wir denn beispielsweise alle Dokumente, die nur auf Malta anzuwenden sind, ins Dänische und Ungarische übersetzen?

Sprachliche Gleichheit

Eine Lösung, die von Irischsprachigen in den 1990ern entworfen und von Akademikern 2003 in Katalonien wieder aufgegriffen wurde, stammt von den kleinen Sprachgemeinschaften selbst. Die Idee ist, einfach alle europäischen Sprachen zu offiziellen zu machen, aber diese Bezeichnung von Arbeitssprachen zu unterschieden, von denen es nur noch drei bis vier geben soll – Englisch, Französisch, Deutsch und möglicherweise Spanisch. Dieses brächte den Vorteil, dass die Einsparungen durch weniger Arbeitssprachen bei Weitem die Kosten aufwiegen würde, die dadurch entständen, alle Sprachen zu offiziellen EU-Staaten zu erklären. Dieser Vorschlag gewährleistet ein flüssiges, flexibles System in dem weniger verbreitete Sprachen auf EU-Level benutzt werden können, in dem alltägliche interne Angelegenheiten der Institutionen in einer der drei oder vier Sprachen abgewickelt werden und es ermöglicht Treffen auch mit selteneren Sprachen durchzuführen, je nachdem, wer anwesend ist. Im Zentrum des Vorschlags steht der Gedanke demokratischer Repräsentation und der Zugängigkeit für die Bürger – um ihnen Europa näherzubringen.

Dr. Davyth Hicks wird einer der Gastredner der café babel-Debatte zum Europäischen Tag der Sprachen in Brüssel sein.