Estland und der Euro am Ende des Tunnels

Artikel veröffentlicht am 25. November 2008
Artikel veröffentlicht am 25. November 2008
„Wir sind zu optimistisch gewesen“. Man hat eine sanfte Landung vorausgesagt, in Wirklichkeit aber gerät die estnische Wirtschaft nach einem exponentiellen Wachstum in Turbulenzen. Interview.

Wird es die Rezession, in die Estland gerade abrutscht, ermöglichen, das Maastricht-Kriterium hinsichtlich der Inflation einzuhalten? Sicherlich. „Im Jahr 2011 wird der Euro auch in Estland eingeführt“, behauptet Maris Lauri sogar. Gespräch mit einer Spezialistin für Makroökonomie der Swedbank in Tallinn.

Wie geht es dem „baltischen Tiger“?

©Jane MeryWir sind zu optimistisch gewesen, daher stehen die Esten jetzt vor einer wirklichen Wirtschaftskrise, zum ersten Mal in ihrer kurzen Geschichte. Das Wachstum der letzten Jahre war zu stark: Die estnische Währung war nicht soviel wert und die ausländischen Investoren zu wettbewerbsfähig. Estland ist wie alle baltischen Länder sehr offen, was bedeutet, dass wir viel exportieren und importieren. Abgesehen vom Nahrungsmittelsektor werden ungefähr 90 bis 95 Prozent unserer industriellen Produktion exportiert (im Nahrungsmittelbereich sind es ungefähr 25 Prozent), also ein ziemlich hoher Prozentsatz. Und da die Importe ebenfalls kräftig steigen, haben wir ein sehr großes Geflecht an Handelsbeziehungen. Und auf einmal hat alles, was auf dem Weltmarkt passiert, extrem schnell Auswirkungen - auch bei uns.

Außerdem fanden auch hier ganz dumme Dinge statt! Vor allem auf dem Immobilienmarkt, wo die Preise enorm angestiegen sind. Man musste neu bauen und die Gebäude aus sowjetischer Zeit renovieren. Aber sobald die Häuser errichtet waren, hatten die Menschen kein Geld mehr, um sie zu bezahlen. Die Baugesellschaften mussten schnell feststellen, dass die Leute sich keine Kredite leisten konnten. Wir bezahlen heute für die Folgen eines außergewöhnlichen Wachstums, während sich gleichzeitig die weltweite Situation verschlechtert.

Heute sinken die Investitionen: Es wird nicht mehr soviel gebaut! Und wir geben weniger Geld aus. Was die Exporte betrifft, so steigen diese weiterhin leicht, aber die Nachfrage der Haushalte sinkt. Daher befindet sich unsere Wirtschaft heute in der Rezession. 

©Marco Pighin

Wie wirkt sich diese Finanzkrise im Alltag der Esten aus?

Erst seit einigen Monaten dringt die Krise, von der man in den Medien liest, ins Bewusstsein der Bevölkerung. Sie spüren die Folgen aber noch nicht in ihrem Alltag. Es wird beispielsweise trotzdem immer schwieriger, einen Job zu finden. Die Arbeitslosenquote steigt und wird auch weiterhin steigen, selbst wenn sie in Estland traditionell niedrig ist (4 Prozent im zweiten Halbjahr 2008). Die Leute achten auch auf ihre Ausgaben, wegen der Inflation. Die Heizkosten zum Beispiel sind dieses Jahr stark gestiegen: Das Erdgas sorgt für Unruhe, da man ja trotzdem im Winter heizen muss, während man auf sinkende Preise wartet.

Der Beitritt Estlands zur Eurozone wird seit mehreren Jahren immer wieder verschoben. Wann wird das Land die von der EU geforderten Bedingungen erfüllen können?

©Marco PighinEstlands Problem ist die Inflation. Ihretwegen können wir die EU-Kriterien zum Beitritt zur Eurozone nicht erfüllen. Wir können keinen Einfluss auf den Wechselkurs nehmen, wie dies die Slowakei oder Polen (die der Eurozone 2009 und 2012 beitreten werden) getan haben. Sie haben ihre Inflationsrate gesenkt, indem sie ihre Währung abgewertet haben. Wir müssen ein derartiges Manöver durch das Parlament absegnen lassen.

Um der Eurozone beizutreten, mussten wir, nach einem genau eingeteilten Zeitplan, einige Steuern auf Heizöl, Tabak und Benzin erhöhen. Wir haben es gerade geschafft, dieses Kriterium für dieses Jahr zu erfüllen. Aber plötzlich gab es eine ungeheuerliche Preissteigerung: zum Beispiel 51 Prozent beim Tabak. Für die Inflation war dies eine Katastrophe. Und im gleichen Moment stiegen die Preise auf dem Weltmarkt, zum Beispiel für Nahrungsmittel, wie Milchprodukte.

Aber bei einer rückläufigen Wirtschaft beginnen auch andere Preise zu sinken: für Erdgas, Produkte des täglichen Bedarfs in den Geschäften oder Dienstleistungen. Im Augenblick denken wir, dass die Inflation schnell in den Griff zu bekommen sein wird. Im zweiten Halbjahr 2008 lag sie bei 11,4 Prozent. Ich wäre nicht überrascht, wenn die Inflation am Ende dieses Jahres auf 7 oder 8 Prozent sinken würde. Es braucht Zeit, aber ich glaube, 2010 wird die Inflation bei 3 Prozent liegen. Wenn die Regierung einen ausgeglichenen Haushalt beibehalten kann und das Haushaltsdefizit in den Griff bekommt, können wir 2011 endlich der Eurozone beitreten. 

©Marco Pighin

Wie können sich die Esten auf die Zukunft vorbereiten, mit dem Euro vor der Haustür?

Aufgrund der momentanen Abwertung der estnischen Krone sind die Leute von hier ärmer. So ist es zum Beispiel für die 15 Prozent der Haushalte, die ihre Immobilien mit Hypotheken belastet haben, immer schwieriger, diese zurückzuzahlen, da diese Geschäfte in Euro gehandelt werden. Man müsste vielleicht in anderen Ländern arbeiten. Es ist zum Beispiel leicht, seinen Lebensunterhalt in Finnland zu verdienen, indem man die Bucht per Fähre überquert. Um ihre Arbeitnehmer halten zu können, müssten die Unternehmen ihre Löhne und Gehälter anheben. Das haben sie in den letzten Jahren schon gemacht. Sie hatten übrigens gar keine andere Wahl: Die Arbeitslosenzahl hier ist so niedrig, dass die Unternehmen sich schwer tun, Arbeitskräfte zu finden.

Außerdem wird die Zahl der arbeitstätigen, estnischen Bevölkerung in Kürze anfangen zu sinken. Es gibt hier nichts, was ausländische Arbeitnehmer anziehen könnte. Niemand möchte für einen so geringen Lohn arbeiten, ganz zu schweigen von den schwierigen Lebensbedingungen. In Portugal ist wenigstens das schöne Wetter ein Anziehungspunkt. Die estnischen Unternehmen haben es geschafft, Arbeiter aus Ländern mit richtig niedrigen Löhnen, wie Polen oder Bulgarien, anzuwerben. In der Realität aber lassen sich diese Arbeitnehmer hier ausbilden, um dann in anderen europäischen Ländern Arbeit zu suchen. Wir haben also einen konstanten Bedarf an Arbeitskräften, der weiter zunehmen wird. Unsere Spezialisierung auf dem Feld der neuen Technologien ist beispielsweise einer unserer Trümpfe. Wir müssen uns von anderen abheben.

Vielen Dank an das gesamte cafebabel-Lokalteam in Tallinn, insbesondere an Giovanni Angioni.