Estland goes West

Artikel veröffentlicht am 29. November 2006
Artikel veröffentlicht am 29. November 2006

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Am 28. November war George W. Bush zu einer Stippvisite in Estland - ein weiterer Beleg für die engen Beziehungen des Baltikums mit den USA.

Es war das erste Mal, dass ein amerikanischer Präsident Estland einen Besuch abstattete. Bush besuchte zuerst Litauen (2002) und dann Lettland (2005) und das, obwohl sich Estland um einen früheren Besuch bemüht hatte. Doch nun ist es soweit: Am Vorabend des NATO-Gipfels am 28. und 29. November in Riga legte George W. Bush einen kurzen Zwischenstopp in Tallinn ein. Dort traf er den „Amerikaner mit der Fliege“, wie seine Gegner den neuen Präsidenten Toomas Hendrik Ilves nennen. Während der sowjetischen Besatzung Estlands hat Ilves an amerikanischen Universitäten unterrichtet.

Die Talliner freuten sich weniger über den Besuch, unter anderem weil aus Sicherheitsgründen die ganze Stadt und das Geschäftsleben lahm gelegt werden musste. Ilves dagegen kann freute sich. Nach seiner Wahl am 23. September 2006 hat er sich dafür engagiert, Estland einen Platz auf der internationalen Szene zu sichern. Noch „gehört Estland nicht zu den europäische Staaten, die ernst genommen werden“, so Ilves. Ein Problem, das mit der Geschichte der baltischen Staaten zu tun hat.

Objekte der Geschichte

Estland, Lettland und Litauen befinden sich im Nord-Osten Europas, am Rand der Ostssee. Hier treffen Ost und West aufeinander. Aufgrund seiner strategischen Lage lag das Baltikum stets im Interessensgebiet des Großmächte Europas. Esten, Letten und Litauer waren kaum Akteure, sondern vielmehr Objekte der Geschichte. 1991 wurden diese drei Länder zum zweiten Mal in ihrer Geschichte unabhängig. Seitdem sind sie fest entschlossen, endlich selbst über ihr Schicksal zu bestimmen.

Doch nach über 40 Jahren Sowjetisierung leben in Estland und Lettland ungefähr 30 Prozent Russen. Beide Staaten gingen nach der Unabhängigkeit nicht gerade zimperlich mit der russischen Minderheit in ihren Ländern um. Den russischen Familien, die nach der Annexion des Baltikums durch Stalin gekommen waren, wurde die Staatsbürgerschaft verweigert und mussten Aufenthaltsgenehmigungen beantragen. Somit wurde auch die russische Minderheit in Estland 2003 vom Referendum über den EU-Beitritt ausgeschlossen.

Der Kreml macht die russische Minderheit nun zu seinem trojanischen Pferd und versucht so, auf die Politik der baltischen Staaten Einfluss zu nehmen. Moskau trifft in Brüssel auf offene Ohren. Um ihren Einfluss in der EU nicht zu gefährden, bleibt Estland und Lettland deshalb nichts anderes übrig, als ihre Politik gegenüber der russischen Minderheit zu lockern. Sie wären sonst ein zu großes Risiko eingegangen, da in ihren Augen die EU und die NATO die einzige Garantie einer wirklichen Unabhängigkeit gegenüber dem unberechenbaren russischen Nachbarn sind.

Die Geister teilen sich im Osten

Doch sie können auf die Unterstützung der USA zählen. Bei den Feierlichkeiten des 60. Geburtstags des Endes des Zweiten Weltkrieges am 9. Mai 2005 in Moskau wollte der russische Präsident Putin mit seinen Amtskollegen aus der ganzen Welt dem „Ruhm und des Mutes der sowjetischen Soldaten“ gedenken. Die Einladung jedoch stieß bei den drei baltischen Staatsoberhäuptern auf Empörung: dem 9. Mai 1945 folgten Jahre der sowjetischen Unterdrückung, die Moskau weiterhin leugnet.

Am Vortag der Feiern legte George W. Bush jedoch einen Zwischenstopp in Riga ein. Dort beteuerte er den Esten, Letten und Litauern sein Verständnis für ihre Leiden unter der sowjetischen Besatzung: „Wir erkennen eure schmerzhafte Geschichte an“.

Ein Satz, der vielen im Kreml Bauchschmerzen bereitete. Die Staaten Westeuropas haben damals eine ähnlich klare Aussage vermissen lassen und erweckten so den Eindruck, sich zu wenig um die Belange der östlichen EU-Mitglieder zu kümmern. Ein Déjà-vu: Schon während des Kalten Krieges waren die USA die einzige der westlichen Großmächte, die die illegale Eingliederung der baltischen Staaten in die UdSSR in der Mitte des 20. Jahrhunderts nie anerkannte.

Blinder Amerikanismus?

Nach dem Zusammentreffen der drei baltischen Staatsoberhäupter und des amerikanischen Präsidenten am 7. Mai 2005 bezeichnete die lettische Präsidentin Vaira Vike-Freiberga Bush als einen „großen Staatschef eines großen und mächtigen Landes, das Interesse für das zeigt, was hier passiert“.

Noch steht ihre Unabhängigkeit auf schwachen Beinen, deshalb sind die baltischen Staaten auf Amerikanismus regelrecht angewiesen. Die transatlantische Ausrichtung der baltischen Außenpolitik wird dadurch verstärkt, dass die aktuellen Staatsoberhäupter Estlands, Litauens und Lettlands lange Zeit auf der anderen Seite des Atlantiks im Exil gelebt haben. Ilves’ litauischer Kollege Valdas Adamkus leitete in den 70ern die amerikanische Umweltschutzbehörde EPA. Und Vike-Freiberga machte in Kanada als Psychologie-Professorin Karriere. Nach ihrer Rückkehr haben alle drei beschlossen, ihr jeweiliges Land und seine Interessen zu verteidigen. Gegenüber Russland, aber auch innerhalb der Europäischen Union.