Essay: Als das Fremde in mein Leben trat

Artikel veröffentlicht am 25. Januar 2017
Artikel veröffentlicht am 25. Januar 2017

SOS: Dieser Artikel wurde weder von einem Editor überarbeitet noch in einer Gruppe veröffentlicht.

Migration und Flüchtlinge sind nach wie vor in Deutschland heiß diskutiert. Für mich bestimmte die Begegnung mit einem türkischen Flüchtlingsmädchen in meiner Kindheit meinen Lebensweg

Als ich Makbule das erste Mal traf, war ich zehn Jahre alt.

Ich hatte gerade an das Gymnasium gewechselt. Ein Dorfmädchen aus dem Osten Mecklenburg-Vorpommerns, vor ihrem ersten großen Abenteuer – einer neuen Schule.

Makbule kam einige Tage nach Schuljahresbeginn dazu, ein schweigendes Mädchen in der letzten Reihe. Ich bemerkte sie zunächst gar nicht, weil alles um mich herum noch so neu war. Und sie so still.

Makbule kam aus der Türkei, erzählte meine Lehrerin; sie war mit ihrer Familie nach Deutschland geflohen und bei uns in einem frisch improvisierten Flüchtlingsheim untergekommen.

Ich war fasziniert von Makbule, aber zugleich auch ein wenig abgeschreckt von dem Unbekannten, das sie repräsentierte. Mir war noch nie jemand begegnet, der kein Deutsch sprechen konnte. Der Osten Mecklenburg-Vorpommerns ist kein Ort, an den sich freiwillig viele Einwanderer verirren.

Es dauerte einige Wochen, bis ich mit Makbule ins Gespräch kam, aber irgendwann passierte es. Unsere ersten Unterhaltungen waren gequält; quälend. Makbule hatte schnell einige deutsche Worte gelernt, und ich nutzte meine bruchstückhaften Englischkenntnisse. Auf gewisse Art und Weise machte ich Makbule zu meinem Projekt, half ihr im Deutschunterricht, verbrachte die Pausen mit ihr. Über einen Zeitraum von mehreren Monaten wurden wir Freunde.

Es gab immer eine Barriere zwischen uns; Fragen, die ich nie stellte und Fragen, die sie mir nie beantwortete. Zum Beispiel, als ihre Eltern ihr verboten, mit auf Klassenfahrt zu kommen, aber sie mir nicht sagen wollte, warum. Nie fragte ich sie nach ihrer Religion. Nie fragte ich sie, wovor ihre Familie geflüchtet war. Es gibt viele Dinge, die mein zehnjähriges Ich nicht verstand, aber die ich mir rückblickend zusammenreimen kann.

Makbule erwähnte hin und wieder, dass ihre Familie einen Ausweisungsbescheid bekommen hätte, aber nichts passierte. Im nächsten Schuljahr wurde sie hochgestuft, ihre Deutschkenntnisse waren gut genug geworden, um dem Unterricht folgen zu können. Unser Kontakt ließ nach.

Als ich sie das letzte Mal sah, erzählte sie mir, dass sie gehen müsste, ihre Familie wurde abgeschoben. Ich nahm die Aussage nicht für voll, hatte ich genau das doch schon viele Male gehört. Wenige Tage danach war sie weg. Abgereist. Abgeschoben.

Ich wusste nicht, wohin, und ich hatte keine Kontaktmöglichkeit. Aber mit den Monaten schwand die Sorge. Ich ging weiterhin zur Schule, machte Abitur. Die Fragen in meinem Hinterkopf überlebten.

Im Studium schließlich holten mich Makbule und ihre Geschichte wieder ein, als ich beschloss, ein Semester lang im Ausland zu studieren. Meine Wahl fiel auf Istanbul, Makbules Heimatstadt.

Ich lebte ein halbes Jahr lang in der Türkei und ließ mein Herz schließlich dort zurück. Als ich wieder nach Deutschland kam, versuchte ich, Makbule ausfindig zu machen – ohne Glück. Die Fragen blieben. Was war mit ihr passiert?

Erst drei Jahre später, im Sommer 2016, suchte ich ausgiebig im Internet – und fand ein Profil mit ihrem Namen. Das Foto zeigte eine bildschöne Frau an ihrem Hochzeitstag. Ich schrieb eine Nachricht, fragte, ob sie zufällig vor vierzehn Jahren ein Jahr lang in Norddeutschland gelebt hatte. Und tatsächlich – es war Makbule! Sie erzählte mir, dass ihre Familie nach der Abschiebung nach Italien gegangen war, wo sie bis heute lebt. Inzwischen ist sie verheiratet und Mutter zweier Kinder.

Makbule wiederzufinden ließ mich über meinen eigenen Lebensweg reflektieren. Ohne sie wäre ich nie nach Istanbul gegangen; die Angst vor der Fremde wäre zu groß gewesen. Das kleine Dorfmädchen, das schüchtern fragte, ob sie ein paar Worte Türkisch lernen könnte, hat sich sehr verändert. ‚Fremde‘ ist für sie nun eine Einladung, keine Abschreckung.

Das habe ich zu großen Teilen Makbule zu verdanken, die mir vor so vielen Jahren zeigte, dass die Welt viel größer ist, als ich dachte.

Manchmal wünschte ich mir, dass mehr Menschen eine Makbule in ihrem Leben hätten.