Es lebe die Parallelgesellschaft!

Artikel veröffentlicht am 13. Dezember 2004
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Artikel veröffentlicht am 13. Dezember 2004

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Wieder einmal wird in Europa über den Multikulturalismus debattiert. Ausländer sollen sich besser integrieren und endlich lernen, was Aufklärung und Demokratie bedeuten. Wenn wir das nur selber wüssten.

Nach dem Mord an dem holländischen Regisseur Theo van Gogh herrscht in den Medien eine hysterische Debatte über Sinn und Zweck von Immigration. Der Multikulturalismus, so unken konservative Kreise, sei tot. Für sie verbarg sich dahinter schon immer ein Horrorszenario: Massen von integrationsunwilligen Ausländern, die das Land überfluten, und die Grundfesten unserer Kultur bedrohen. Für die Linke dagegen scheint der Multikulturalismus das Paradies auf Erden zu sein. Nach der Arbeit geht man mal kurz zum Döner um die Ecke und findet es „cool“, so viele türkische Nachbarn zu haben. Andere Kulturen waren ja sowieso schon immer interessanter als die eigene.

Ein Generationenproblem

Aber hat dieser ominöse Multikulturalismus überhaupt jemals existiert? Nein. Übertriebene Angst und verkitschte Idealisierung sind nur zwei Seiten ein- und derselben Medaille: Europa ist es nicht gelungen, andere Kulturen auf vernünftige Art in die eigene zu integrieren. Zwischen den traditionellen Vorstellungen muslimischer Einwanderer und den Werten der westlich-kapitalistischen Gesellschaft, in der sie ihre Kinder großziehen, tut sich ein breiter Graben auf. Es gibt wenig Terroristen, aber viele muslimische Väter, die von ihren Töchtern verlangen, ein Kopftuch zu tragen und sich nicht so aufreizend anzuziehen wie die anderen Mädchen in der Klasse.

Zu glauben, dass die Einwanderer dieser Generation ihre Lebenshaltung ändern werden, ist illusorisch. Ihnen wird das Land, in das sie eingewandert sind, immer fremd bleiben – heißt es nun Deutschland, Frankreich oder Holland. Die eigentlich Betroffenen aber sind ihre Kinder. Sie sind in diesem Land groß geworden, beherrschen die Sprache perfekt. Und fühlen sich doch nicht zugehörig. Diese Generation sitzt zwischen allen Stühlen. Tragen junge Muslime kein Kopftuch, bekommen sie Probleme in ihrer Familie. Setzen sie eines auf, werden sie von ihren nicht-muslimischen Freundinnen in der Schule schief angeschaut. Die Gefahr ist groß, dass diese jungen Menschen ihr Heil in der Religion suchen. Denn als „echte“ Deutsche, Französin oder Engländerin fühlen sie sich nicht, weil sie nie wirklich akzeptiert, sondern immer nur als „Ausländerin“ angeschaut und behandelt wurden. Und das Land ihrer Eltern ist zu weit weg. Da bietet der Islam, und zwar in seiner radikalen Form, oft den einzigen Ausweg, Halt und Identität zu finden.

Und was haben unsere Politiker diesen jungen Menschen zu sagen? „Die Bereitschaft zur Integration muss sich erhöhen“ tönt es aus allen Lagern. Die „Ausländer“ sollten sich besser anpassen, die Werte von Demokratie und Aufklärung endlich akzeptieren und sich nicht länger in Parallelgesellschaften flüchten. Bringen wird das nichts, sondern nur einen Effekt haben: Die jungen Immigranten werden sich nur noch enger zusammenschließen und von dieser Gesellschaft zunehmend abwenden.

Pluralismus lernen

Doch was ist eigentlich gemeint, wenn unsere Politiker von Aufklärung und Demokratie reden? Verbergen sich dahinter nicht auch Werte und eine Weltanschauung? Auch wir im Westen haben unseren Glauben. Wir sind es gewohnt unser Heil in Arbeit und Karriere zu suchen. Aber wenn es keine Arbeit mehr gibt, geht auch der Sinn verloren.

Wieso verlangen wir also von anderen, auf ihre Wurzeln zu verzichten, wenn wir selbst so sehr darauf angewiesen sind? Etwa wegen des Terrorismus? Am 11. September wurde nicht die „Freiheit“ angegriffen, sondern die das World Trade Center und das Pentagon, weil die Terroristen darin ein Symbol einer Gegenkultur sahen, das ihre eigene Kultur gefährdet. Wir sollten nicht denselben Fehler machen wie sie. Gerade diejenigen, die mehr Toleranz von den Immigranten fordern, fürchten sich in Wahrheit selbst vor ihr. Denn Pluralismus, der mit jeder freien Gesellschaft einhergeht, heißt, sich vor anderen Kulturen und Weltbildern nicht mehr zu fürchten. Der Christ muss nicht der beste Freund des Moslem werden und ein Fabrikarbeiter lebt in einer anderen Welt als ein Topmanager. „Parallelgesellschaften“ wird es immer gegen, doch es reicht schon, wenn wir uns nicht gegenseitig die Köpfe einschlagen.

Hören wir also auf, in den Immigranten entweder interessante Exoten oder gefährliche Fremdkörper zu sehen. Es sind nur ganz normale, durchschnittliche Menschen wie wir alle. Unter dem Dach des Pluralismus kann jeder seinen Platz finden. Doch dazu müssen wir selbst erstmal mühsam Demokratie und Pluralismus lernen.