Es gibt keinen echten Europäer!

Artikel veröffentlicht am 20. September 2004
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Artikel veröffentlicht am 20. September 2004

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Die jetzige Situation gibt keinerlei Anlass dazu, uns gegenseitig anerkennend auf die Schulter zu klopfen und uns dazu zu beglückwünschen, dass alles doch bestens läuft.

Eine Zuspitzung des Machtkampfes innerhalb de EU ist absehbar, eine angemessene Verfassung lässt auf sich warten, internationale Konflikte beeinflussen im wesentlichen Maße den Aufbau Europas – und ausgerechnet jene Generation, die am meisten von der EU profitiert, ist die, die sich am wenigsten für diese interessiert.

Ein ganz gewöhnliches Jahr

Zweifelsohne wird es in diesem Jahr herausragende Persönlichkeiten gegeben haben. Menschen, die mit ihrer Tätigkeit wichtige Beiträge auf unterschiedlichsten Gebieten der europäischen Zusammenarbeit geleistet haben. Einige von ihnen sind völlig unbekannt, andere wiederum genießen eine gewisse Anerkennung.

In der Wissenschaft, wie auch in der Kunst hat es im Jahre 2004 Fortschritte, Innovationen und Erfolge gegeben. Gewöhnlich werden die Persönlichkeiten, die hinter diesen Fortschritten stehen in den Medien kaum erwähnt, es sei denn es handelt sich dabei um bestimmte Berühmtheiten (wobei diesen keinesfalls das Recht abgesprochen werden soll, für ihre Arbeit Anerkennung zu ernten)

Wir benötigen eine Persönlichkeit von europäischen Format

Fragt man einen Durchschnittseuropäer danach, wen er als die Persönlichkeit des Jahres betrachtet, so nennt er mit höchster Wahrscheinlichkeit den Namen eines Fußballspielers oder den eines Reality-Show-Gewinners. Nur wenige würden sich wohl an einen Nobelpreisträger erinnern oder an einen bedeutenden Forscher auf dem Gebiet der Biogenetik. Es besteht ein regelrechter Mangel an wahrhaft europäischen Persönlichkeiten – Menschen die über die nationalen Grenzen hinaus Bedeutung erlangen und zum Symbol der neuen Identität Europas werden. Ich persönlich sehe einen gewissen Widerspruch darin, bei der Suche nach dem echten Europäer die Kandidaten ausschließlich nach ihren Verdiensten im nationalen Rahmen zu beurteilen.

Meiner Meinung sollte dieser Titel erst dann vergeben werden, wenn sich ein Anwärter findet, der dieses ehrenvollen Titels auch würdig ist. Ich meine damit eine wahrhaft herausragende Persönlichkeit, eine Ikone. Jemand, der einen Wandel in der Geschichte Europas bewirken könnte, jemand der nachhaltig dazu beitragen könnte ein für alle Mal ein einheitliches Europa zu schaffen, jemand der entschieden den Ängsten und Zweifeln all derer entgegenwirken könnte, die einem vereinten Europa bislang skeptisch gegenüber stehen. Jemand, der heute Tag für Tag durch seine Abwesenheit auf der europäischen Bühne glänzt.

Gewöhnlich taucht solch eine Persönlichkeit in besonders kritischen, oftmals sogar außerordentlich dramatischen Zeiten auf. So gesehen können wir uns also glücklich schätzen, denn auch wenn die Entwicklung der EU nicht ganz unproblematisch verläuft, so könnte die derzeitige Situation nicht als hoch kritisch bezeichnet werden.

Ein Preis für die Enthaltung

Zuletzt gibt es noch eine weitere Möglichkeit den Posten des „echten Europäers“ zu besetzen. Welches europäische Ereignis ist in diesem Jahr von ganz besonderer Bedeutung gewesen? Als häufige Antwort könnten auch hier die Fußball-EM in Portugal oder die hervorragenden Olympischen Spiele in Griechenland genannt werden. Lässt man die Sportereignisse einmal beiseite, wären es zweifelsohne die EU-Erweiterung oder die Wahlen zum Europaparlament.

Solche Ereignisse spielen die Hauptrolle im europäischen Geschehen, ohne besonders viel Aufmerksamkeit zu erregen. Gerade aus diesem Grunde könnte die „Enthaltung“, die „Zurückhaltung“ für den Titel „echter Europäer“ nominiert werden. In ihrem Namen könnte die gesamte europäische Bevölkerung den Preis entgegennehmen, angeführt durch ihre Politiker. Politiker, die für das jüngste und gleichzeitig das dunkelste Kapitel in der Geschichte der EU verantwortlich sind.

Wollen wir hoffen, dass in Zukunft bei der Vergabe dieses ehrenvollen Titels keine Zweifel ob des passenden Anwärters geben wird. Und falls doch, so sollte der Grund dafür nicht der Mangel sondern die Überzahl potentieller Kandidaten sein.