„Es besteht ein Risiko für den Papst“

Artikel veröffentlicht am 29. November 2006
Artikel veröffentlicht am 29. November 2006

SOS: Dieser Artikel wurde weder von einem Editor überarbeitet noch in einer Gruppe veröffentlicht.

Die Islam-Expertin Elise Massicard glaubt nicht, dass der Papst in der Türkei mit offenen Armen empfangen wird.

Frau Massicard, der Papst wird bei seinem ersten Besuch in einem mehrheitlich muslimischen Land von 25 Leibwächtern beschützt werden. Meinen Sie, dass der Aufenthalt in der Türkei für ihn tatsächlich lebensgefährlich sein könnte?

1981 hat der Türke Mehmet Al Agca versucht, Johannes Paul II. zu töten. Nach der Veröffentlichung der umstrittenen Mohammed-Karikaturen gab es einen Mordversuch auf einen italienischen Priester. Außerdem gab es in den letzten 30 Jahren in der Türkei zahlreiche Anschläge. Es gibt also ein gewisses Risiko. Die Sicherheitsmaßnahmen sind sicher nicht unbegründet. Allerdings wurden auch verschiedene friedliche Demonstrationen angekündigt. Sie deuten eher auf ein Gefühl der Entrüstung hin als auf mögliche Gewaltakte.

Erste Proteste hat es schon gegeben. Die Polizei hatte am vergangenen Mittwoch 39 Nationalisten verhaftet, die die Hagia Sofia besetzt hatten. Wird es als eine Provokation gesehen, dass der Papst diesem symbolischen Gebäude einen Besuch abstattet?

Während der byzantinischen Epoche war die Hagia Sofia eine orthodoxe Kirche. Während des osmanischen Reiches war sie eine Moschee. Atatürk, der Gründer der türkischen Republik, hat sie 1935 zum Museum umgewandelt. Heute verlangen die Islamisten, dass sie wieder als Moschee genutzt wird. Der Besuch des Papstes hat deshalb ein besonderes symbolisches Gewicht. Ursprünglich war dieser für den letzten Freitag geplant. Jeden Freitag findet aber in der Blauen Moschee, ein paar Meter von der Hagia Sofia entfernt, ein Massengebet statt. Um ein Zusammentreffen der muslimischen Gläubigen mit dem Papst nach dem Ende des Gebets zu vermeiden, wurde das Besuchsdatum geändert.

Denken Sie, dass der Papst das Risiko einer Türkeireise dennoch eingehen sollte?

Dieser Besuch ist ja nicht zuletzt wegen all seiner Implikationen so wichtig. Außerdem gießt Benedikt XVI selbst noch Öl ins Feuer. Er hat erklärt, dass er die Türkei besucht, um „mit der orthodoxen Minderheit einen Dialog zu führen“ und „eine Botschaft an die Muslime zu richten“. Die türkischen Muslime stellen in der Türkei den Großteil der Landesbevölkerung. Sie verübeln es dem Papst, dass er mit den Orthodoxen einen Dialog führt, dass er aber an sie selbst nur eine einseitige Botschaft adressieren will.

In seiner Regensburger Rede vom 12. September hatte Benedikt XVI. erklärt, dass der Islam mit der Vernunft unvereinbar sei. Wie sehr hat er damit die Feindseligkeiten weiter angefacht?

Die Türkei ist ein laizistisches Land mit einer muslimischen Mehrheit, das sich selbst als Model des moderaten und toleranten Islams sieht. Deshalb fühlten sich die Türken besonders angegriffen und beleidigt von Papst Benedikts Worten. Wir werden sehen, ob Recep Tayyip Erdogan, der türkische Premierminister, während des Nato-Gipfels in Lettland einen Moment Zeit findet, um den Papst in der Türkei zu treffen.

Welche Auswirkungen hätte ein solches Treffen?

Erdogan ist gemeinsam mit Zapatero einer der Initiatoren der Allianz der Zivilisationen. Sie versucht einen Dialog zwischen dem Westen und der muslimischen Welt herzustellen, um den Terrorismus mit nicht-militärischen Mitteln zu bekämpfen. Dieses Projekt soll die These des amerikanischen Politikwissenschaftlers Samuel Huntington vom clash of civilizations (Kampf der Kulturen) entkräften. Erdogan hat die moderate islamistische Partei AKP (Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung) gegründet und hat sich selbst immer als den legitimen Vermittler zwischen der islamischen Welt und dem Westen gesehen. Wenn er seinen Prinzipien treu ist, wird er die Zeit finden, um sich mit Benedikt XVI. zu treffen.

Glauben Sie, dass Erdogan dieses Treffen bei den türkischen Wahlen im nächsten Jahr mit einem Verlust an Wählerstimmen bezahlen wird?

Nach der Islambeleidigung des Papstes kann Erdogan sich seinen Wählern gegenüber weder versöhnlich noch naiv verhalten. Die Wahlen machen sich auch schon in den Beitrittsverhandlungen der EU mit der Türkei bemerkbar. Erdogan erhoffte sich einen politischen Sieg, als er 2005 die Verhandlungen eingeleitet hatte. Aber die Türkei kann sich den Beitrittsbedingungen nicht beugen, ohne dafür eine Gegenleistung zu erhalten. So verlangt die EU, dass die Türkei ihre Häfen und Flughäfen für zypriotische Schiffe und Flugzeuge öffnet. Die Türkei verlangt im Austausch dafür, dass das Embargo gegenüber der Türkischen Republik Nordzypern aufgehoben wird. Die Opposition wirft Erdogan vor, dass er bereit sei, immer mehr Zugeständnisse zu machen. Deshalb wird er geschickt sein und sich diesmal standhaft zeigen müssen.

Wollte die Türkei dieses Bild der Standhaftigkeit vermitteln, als sie am 16. November die militärischen Beziehungen zu Frankreich eingefroren hat? Diese Maßnahme kann man als Antwort auf das neue französische Gesetz verstehen, das die Verleumdung des armenischen Genozides mit hohen Geldstrafen und einem Jahr Gefängnis ahndet.

Ja, man kann das als Zeichen der Stärke sehen. In der Türkei hat sich in den letzten Jahren eine öffentliche Debatte über Minoritätsfragen entwickelt. Durch das französische Gesetz werden diese nur blockiert oder radikalisiert. Auf der einen Seite verlangt die EU von der Türkei, den Artikel 301 ihres Strafgesetzes abzuschaffen, der die strafrechtliche Verfolgung für Beleidigung der türkischen Nation vorsieht. Auf der anderen Seite verabschiedet Frankreich ein Gesetz, dass die Verleumdung des armenischen Genozids geahndet werden soll. Natürlich beschweren sich die Türken nun über die Doppelmoral und die Parteilichkeit der EU.

Die Euroskepsis unter den Türken ist gestiegen, seit die Europäische Kommission Anfang November in ihrem Bericht die Fortschritte der Türkei in der Vorbereitung ihrer EU-Mitgliedschaft bemängelt hat. Glauben Sie, dass Erdogan den Verhandlungstisch verlassen wird?

Der Premierminister befindet sich in einer schwierigen Situation. Als Erdogan gewählt wurde, waren die meisten Türken für eine EU-Mitgliedschaft. Heute ist nur noch die Hälfte der Bevölkerung dafür. Jetzt wird sich herausstellen, was ihm wichtiger ist: Die nächsten Wahlen zu gewinnen, oder die Türkei in die EU zu bringen.