Erlend Øye: “Ich stifte ziemlich viel Verwirrung”

Artikel veröffentlicht am 10. März 2015
Artikel veröffentlicht am 10. März 2015

Verwirrung – davon kann Erlend Øye ein Lied singen. Nach Stationen in London und Berlin lebt der norwegische Sänger und Songwriter seit kurzem auf Sizilien. Seinem neuestem Album Legao, ein musikalischer Roadtrip, hört man diese Mischung an. Eine Reise in Øyes Welt.

cafébabel: Als du letztes Jahr die Single "La Prima Estate" herausgebracht hast, stand die Frage im Raum, ob ein Album noch ein zeitgemäßes Konzept ist. Wieso hast du deine Meinung mit Legao geändert?

Erlend Øye: Um ein Album aufzunehmen, braucht es viel Energie. Dieser eine italienische Song hat mir eine Menge davon zurückgegeben. Alle Stücke für Legao aufzunehmen hat so lange gedauert, dass nichts mehr daran zu rütteln war. Es hat Sinn, den Leuten ein Album zu präsentieren und ihnen die Wahl zu lassen, zu hören, was ihnen gefällt. Das funktioniert immer noch.

cafébabel: Du hast 6 Jahre an diesem Album gebastelt. 

Erlend Øye: Nun ja, ich habe erst im April 2013 begonnen, ernsthaft daran zu arbeiten.

cafébabel: Und warum hast du dir so lange Zeit gelassen?

Erlend Øye: Wir haben erst ein paar Songs aufgenommen. Jedes Mal, wenn du etwas ändern willst, musst du dir die Zeit nehmen, das Ganze zu verstehen. Es bringt nichts, etwas zu verändern, wenn du nicht sicher bist, dass es besser wird als vorher. Gegen Ende dieses Prozesses ist mein Vater gestorben, und anschließend das Computersystem des Toningenieurs. So geraten die Dinge außer Kontrolle.

cafébabel: Wie bist du mit der isländischen Reggae-Band Hljamar, mit der du Legao aufgenommen hast, in Kontakt gekommen?

Erlend Øye: 2010 haben wir auf dem gleichen Festival in Norwegen gespielt. In der Nähe meiner Wohnung in Bergen gibt es ein Café. Und seltsamerweise spielten sie dort damals ihre CD. Ich habe sie rauf und runter gehört. Ich war überzeugt, dass diese Musik gut ist. In musikalischer Hinsicht sind wir oft derselben Meinung.

cafébabel: Dein neues Album ist eine Mischung verschiedenster Stilrichtungen. Wie schaffst du da Kohärenz?

Erlend Øye: Nun, ich reise sehr viel. Und ich ziehe unheimlich viel Inspiration aus den Orten, die ich bereise. Das ist mein Leben. Das, was ich daran mag. Die Idee zu Garota kam mir in Brasilien. Legao [cool auf Portugiesisch] ist ein Wort, das ich unterwegs aufgeschnappt habe – eine Art Souvenir. Manchmal werden diese Souvenirs zu Songs. Für mich ist es wichtig, dass Alben klare und passende Namen haben. Daher habe ich den Namen meines letzten Albums fast so ausgesucht, als wäre es der Name für ein Kind. Ich stifte ziemlich viel Verwirrung bei den Menschen. Es ist schwer zu greifen: Eine Single auf Italienisch und dann ein Album in englischer Sprache mit einem portugiesischen Namen. Du reist in ein Land, und vielleicht hinterlässt du keine Spur. Aber kleine Dinge bleiben.

cafébabel: Deine erste Band Kings of Convenience hast du in den späten 1990er Jahren in Norwegen gegründet. Wie sah damals die Musik-Szene in Bergen aus?  

Erlend Øye: Ein Musikjournalist hat gesagt, Bergen sei traditionell die schlimmste Rockstadt in Norwegen. Bergen war wirklich nicht der beste Ort. Aber wo ich aufgewachsen bin, gab es eine gute Underground-Szene. Und ganz wichtig: ich hatte eine Reihe Mentoren, die ziemlich viel verstanden hatten. Ich habe meine Inspiration aber nur selten direkt aus der Musik gezogen. Ich habe zum Beispiel nie Neil Young gehört. Aber Künstler, die sich von Neil Young inspirieren ließen, faszinierten mich. Ich hatte kein Geld, um Musik zu kaufen. In den 1990er Jahren war Norwegen wirklich ein schwieriges Land für junge Leute. Zum ersten Mal war Arbeitslosigkeit ein Thema. Es war nicht einfach für mich, einen Job zu bekommen.

Cafébabel: Wie hast du dich in Bergen durchgeschlagen?

Erlend Øye: Ich war nur zu Fuß unterwegs und suchte mir kostenlose Freizeitaktivitäten. Etwas Schokolade hatte ich immer dabei, um meine Energie während der Nacht auf Level zu halten. An der Bar habe ich immer nur Wasser bestellt. In dieser Zeit habe ich viel gelernt - learning by doing quasi. Ich habe nur von anderen Bands gelernt und davon, was mir die Leute sagten. Die Menschen in Bergen sind sehr direkt, sie sagen Dinge wie ‚Nein, das kannst du so nicht machen, das ist falsch. So spielt man nicht Gitarre‘. Sie reden nicht hinter deinem Rücken, sondern sagen dir alles direkt ins Gesicht. Später habe ich mit diesem direkten Verhalten auf der ganzen Welt Überraschungen erlebt. Die Menschen nehmen das ziemlich persönlich. Nach dem Motto ‚Was geht denn mit dir?‘. Ich hatte verstanden, dass ich aus Bergen raus musste, um wer zu werden. Musik machen, davon konnte ich in Bergen nicht leben. Zu dieser Zeit war London DAS Ding. Der Ort, an dem du etwas erreichen kannst.

cafébabel: Hingst du in London auch Schokolade essend in den Bars?

Erlend Øye: Tatsächlich habe ich es geschafft, einen Job in London zu bekommen. Ich habe in einem Klamottengeschäft auf dem Camden Markt gearbeitet. Es gab riesige Unterschiede zwischen London und Bergen. Als ich 2002 nach Berlin kam, war ich sehr erleichtert. Die Deutschen sind uns Norwegern so viel ähnlicher. Nicht dass Deutschland super warm wäre, aber es hat eine Art, die ich verstehen kann. Die englische Kultur des Privaten hat mich nie begeistert. In Norwegen kannst du bei Leuten einfach vorbeiklingeln, ganz spontan zuhause aufkreuzen. In England heißt es immer ‚lass uns im Pub treffen‘.

cafébabel: Du hast gesagt, Berlin sei keine Stadt für Bands. Warum?

Erlend Øye: War’s auch nicht. Als wir damals dort waren, waren wir auf uns allein gestellt. Es gab niemanden, der einen Verstärker oder ein Tonstudio hatte. Es gab viel Stümperhaftigkeit, niemand machte richtig gute Sachen. Ich bin sehr glücklich darüber, dass das jetzt vorbei ist. Heute ist Berlin ein Ort, wo du dein eigenes Tonstudio mieten kannst. Trotz allem hatte ich eine tolle Zeit – vor allem im Winter, wenn ich in meiner Wohnung war. Die Stunden verflogen ohne jegliches Zeitgefühl.

cafébabel: Du hast einen guten Riecher dafür, welche Städte angesagt sind. Wie wählst du diese Orte aus?

Erlend Øye: Ich mache keine Recherchen; die Orte ziehen mich einfach so an. Manchmal treffe ich nette Leute. Und manchmal auch nicht. Die italienische Lebensart ist aber auf jeden Fall genial. In Italien kannst du jemanden einfach anrufen und sagen - Lass uns morgen diesen hohen Berg besteigen! - Ja -, Lass uns zusammen in einem Raumschiff ins All fliegen! - Ja -, Lass uns zum Grund des Ozeans tauchen! - Ja - und dann am nächsten Tag rufst du um 10 Uhr an, und ihr macht das wirklich. Du musst nur motiviert sein. Wenn du die Sache einmal kapiert hast, ist es cool. Und wenn du nicht zurückrufst, dann wird eben nichts daraus. 

cafébabel: Und gab es überhaupt keine Spur von norwegischem Kulturschock in Italien?

Erlend Øye: Wenn du etwas in deinem Leben bewegen willst, ist Italien sicher nicht der richtige Ort. Wenn du aus Italien kommst, willst du Karriere machen. Wenn du aber schon Karriere gemacht hast, ist alles, was du willst, ein gutes Leben zu leben. Und an dieser Stelle kommt Italien ins Spiel. In gewisser Weise bin ich aber auch dort gelandet [in Syrakus (Sizilien), A.d.R.], um den Traum meiner Mutter zu verwirklichen.

cafébabel: Inspiriert dich deine Familie?

Erlend Øye: In meinem engeren Familienkreis gibt es niemanden, der jemals Musik gemacht hat. Sie hören Musik, aber es gab überhaupt kein Anzeichen von meiner Familie, dass ich ein musikalisches Talent haben könnte. Das war meine ganz eigene Entdeckung.

cafébabel: Wie hast du an deiner Stimme gearbeitet?

Erlend Øye: Es hat ein bisschen gedauert, bis ich kapiert habe, dass meine Stimme besser ist, wenn ich leise singe. Ich erinnere mich, dass mir einmal ein paar Toningenieure im Studio Sachen sagten wie: Komm schon, sing lauter! Das war nie eine gute Idee. Meine ganz spezielle Art zu singen habe ich ganz zufällig entdeckt, als ich in ein total empfindliches Mikrofon singen sollte. Mir wurde gesagt, sehr vorsichtig und ja nicht zu laut zu sein. Also habe ich sehr, sehr leise in dieses Mikro gesungen. Und das klang besser als alles andere. So fiel mir auf, dass dieses fast flüsternde Singen mein Ding ist. Eine große Entdeckung war auch, mit Röyksopp zusammenzuarbeiten. Ich habe gemerkt, wie gut meine Stimme zu elektronischer Musik passt. Meine Stimme ist nasal - nicht sehr voll und laut. Eine gute Mischung mit Musik, die einen satten Bass hat.

cafébabel: Du hast deinen ganz eigenen unverwechselbaren Stil kreiert. Wo positionierst du dich in der europäischen Musikszene?

Erlend Øye: Nun, ich habe keine Angst, ich selbst zu sein. Ich habe keine Angst, mich darauf zu konzentrieren. Wir haben einen Weg gefunden, leise Musik auf der Bühne laut zu machen. Es war ein großes Problem, mich lauter klingen zu lassen als Bass und Schlagzeug. Die letzten 15 Jahre waren wir sehr stark auf ruhige Musik fokussiert, eine Art Schlafzimmermusik. Das war wirklich großartig. Aber der Grat zwischen schön entspannter und sehr langweiliger Musik ist schmal.

cafébabel: Ist es seltsam, in einer fremden Sprache wie Italienisch zu singen?

Erlend Øye: Nur um noch mehr Verwirrung zu stiften: diesen Song ["La Prima Estate" - A.d.R.] habe ich in Berlin aufgenommen. Aber es hat sich nicht seltsam angefühlt, auf Italienisch zu singen – es war nur kompliziert. Italienisch ist eine sehr gute Sprache für Musik. Das einzige Problem ist, dass es kaum einsilbige Wörter gibt. Aber ich lerne viel dadurch, dass ich einfach Lieder in italienischer Sprache anhöre.

cafébabel: Wer hat dich in Italien besonders inspiriert?

Erlend Øye: Es gibt diesen Typ mit dem unglaublichen Namen Fred Bongusto, der einen großartigen Song namens ‚Una rotunda sul mare‘ [Øye singt – A.d.R.] geschrieben hat. Direkt übersetzt bedeutet das ‚Eine Bootstour auf dem Meer‘. Darin steckt jede Menge Humor. Kein offensichtlicher, sondern ein eher versteckter Humor. Man muss aber die Kultur ein wenig kennen, um das zu kapieren. Französische Sänger stehen mehr auf das ‚r‘. Wenn du das „r“ gut rollen kannst, wirst du dort auf jeden Fall berühmt: „Amsterrrrrdam“, „Rrrrrrrrrrien de rrrrrien“ [Øye lacht – A.d.R.]. Alles dreht sich ums „r“. Wenn ich ein gutes „r“ hätte, hätte ich in Frankreich Karriere machen können.

cafébabel: Wo ist deine Heimat?

Erlend Øye: Meine Heimat ist Syrakus. Ich sehe meine Zukunft in Italien. Das einzige, was ich noch möchte, ist, weitere italienische Städte zu entdecken. Syrakus ist zwar etwas eng, aber definitiv der beste Ort, an den man nach einer langen Tour zurückkommen kann. Ich komme nach Hause, es sind 28 Grad, ich gehe schwimmen und die ‚Mamme‘ kümmern sich um mich. Das ist einfach großartig!