Erlend Oye: Norweger, der Sonne hinterher

Artikel veröffentlicht am 6. November 2013
Artikel veröffentlicht am 6. November 2013

Wie kann man Norweger sein und gleichzeitig Sizilien lieben? Fragt Erlend Oye (Kings of Convenience, The Whitest Boy Alive), der seit anderthalb Jahren in Sizilien lebt. Wir treffen ihn in Mailand, einer Stadt, die Erlend inzwischen sicher als “nordisch” bezeichen würde.

Gut geschlafen? „Ja danke, ein bisschen müde. Ich bin gerade aus Oslo zurückgekommen. Im Moment arbeite ich an einem Album mit einer isländischen Reggae-Band.“ Erlend Oye (auf Norwegisch spricht man ihn ‚arl eye’ aus) ist gerade aus seinem Nickerchen im Schatten der vielen Bäume im Park Sempione in Mailand aufgewacht.

Es ist Herbstanfang und noch scheint die Sonne auf die Stadt, die gerade das Mailänder Film Festival feiert. Viele angehende Filmregisseure, Kurz- und Animationsfilme und Alternativmusik, die aus dem Garten des Schlosses Sforzesco widerhallt, ergeben die unvergleichliche Atmosphäre der Stadt im Festivalfieber. Heute Abend spielt Erlend Oye zum ersten Mal Live-Cover der italienischen Sängergrößen Mina, Gino Paoli und Bruno Martina . „Ich arbeite gerade an ein paar Projekten, aber ich bin mir noch nicht sicher, ob daraus ein Album wird. Lohnt es sich denn heute überhaupt noch, ein Album zu machen?“, fragt er.

DER GURU

Erlend Oye ist ein skandinavischer Guru mit blonden Haaren, einer der Kings of Convenience und Frontmann der Berliner Formation The Whitest Boy Alive. Seit neuestem ist er nun auch das Idol der Sizilianer. Die haben ihn im sizilianischen Siracusa vor etwa eineinhalb Jahren aufgenommen. Oye strahlt Ruhe und Gelassenheit mit Ironie, buntem Outfit und geringelten Kniestrümpfen aus. „Ich mache zusammen mit meiner Band ein Jahr Pause und trete erst einmal nicht mehr live auf. Meine Priorität hat nun das Reggae-Album, an dem ich schon seit sechs Jahren arbeite“, erzählt er.  Reggae? Europas Gründerstimme des „new acoustic movement“  wagt jetzt nach dem Elektroversuch (dank Royksopp!) auch karibische Rhythmen? „Es wird eine Art von Lovers Rock“ verrät Erlend, der sich vom gefeierten englischen Soul der 1970er hat inspirieren lassen.

„Ich liebe es, auf Italienisch zu singen. Das hätte ich nicht erwartet, aber auf einmal machte es klick!“ Im Frühling schon hat der Sänger es anklingen lassen: „Nur wenn den Italienern meine Single gefällt, werde ich ein neues Album aufnehmen“, hatte er da gesagt. Im Sommer wurde seine neue Single 'La prima estate' 300.000 mal auf Youtube geklickt und die Fans haben ihn mit Komplimenten überschwemmt. In Siracusa braucht er nicht einmal ein Auto. „Wenn ich nach Ortigia will, dann stelle ich mich an die Straße und trampe. Alle kennen mich – so musste ich nie länger als ein paar Minuten warten.“

Aber niemand ist in Eile: „Euch Journalisten hilft ein Album natürlich, ihr könnt dann Beiträge darüber schreiben, aber als Künstler braucht man viel Zeit, um ein Album zu schreiben: Das ist viel Arbeit und man verdient wenig. Ich kann mir das vielleicht leisten, weil ich inzwischen ein bisschen Erfolg habe, aber generell hat dieses Prinzip Lücken.“

Und dann ist da noch die elektronische Musik: „Ich frage mich warum Daft Punk mich nicht angerufen haben – Scherz! Das neue Album gefällt mir, vor allem die Texte. Ich hoffe, meine nächste Scheibe geht auch in diese Richtung. Dafür brauche ich aber wieder Zeit. Ich  muss dann natürlich lernen, wie man  mit dem Computer umgeht und wie man komponiert.“

Vor kurzem hat sich Erlend Oye einen Traum erfüllt:  in Italien mit seiner Mutter zu leben. „Es war für uns beide wichtig, ein neues Lebensprojekt anzufangen. Dann ging alles sehr schnell. Wir sind in Ortigia angekommen und ein Freund aus Catania hat mich mit einem jungen Mann aus Siracusa bekannt gemacht. Er hat uns in eine Bar gebracht und dort habe ich alle meine jetzigen Freunde kennengelernt. Auch den Bruder und den Cousin von Lucia, der im Clip zu "La prima estate" mitwirkt. 

Am Tag danach haben sie mich nach Pillirina mitgenommen, das liegt noch weiter im Süden. Das war Liebe auf den ersten Blick! Ein Mosaik aus Landschaften, die man in keiner anderen Region Italiens finden kann: es sind nur ein paar Schritte zum Meer, in die wilde Natur und zu einer alten Stadt, voll mit Geschichte und Sehenswürdigkeiten.“

La Prima estate - Der erste Sommer

Die Kings of Convenience sind zwei Komponistenkönige: der eine ist Erik, der hat eine Familie in Bergen und der andere ist Erlend, der sich dagegen seinen Traum in Italien mit seiner Mutter zu leben erfüllt hat. „Es war für uns beide wichtig ein neues Projekt in unserem Leben anzufangen. Dann ist alles sehr spontan passiert. Wir sind in Ortigia angekommen und ein Freund aus Catania hat mich mit einem jungen Mann aus Siracusa bekannt gemacht. Er hat uns in eine Bar gebracht und dort habe ich alle meine jetzigen Freunde kennengelernt. Auch den Bruder und den Cousin von Lucia (die Hauptperson von „Der erste Sommer“,) Am Tag danach haben sie mit mir Pillirina besucht, das im Süden liegt. Es war Liebe auf den ersten Blick! Eine Kombination aus Landschaftsmalerei, die man in keiner anderen Region Italiens finden kann: ich habe nur ein paar Schritte zum Meer, in eine wilde Natur und zu einer alten Stadt, die reich an Geschichte und Sehenswürdigkeiten ist.“

Erlends erstes Konzert als Solist in Italien fand zum Park Live, einem Musikfestival, das gleichzeitig mit dem Filmfestival in Mailand organisiert wird, statt. Das war der wohl emotionalste Moment des norwegischen Musikers. Erlend hatte zuvor Stücke seiner fünf italienischen Idole versprochen: „Mina, Gino Paoli, Fred Bongusto, Bruno Martino und besonders Alan Sorrenti mit "Figli delle stelle" (‚Kinder der Sterne’). Als Perfektionist hat er letztendlich nur die Lieder gesungen, die er auch aussprechen konnte: „Grande grande grande“ von Mina, „E la chiamano estate“ von Bruno Martino und natürlich seine eigene Single „La prima estate“. Die 1970er ließ Erlend Oye mit „13“ von Big Star aufleben und später mit Simon and Garfunkel wieder ausklingen. Eine sanfte und langsame elektronische Gitarre, begleitet von einem fragend-amüsierten Blick: „Schafft ihr es nicht, meinen Namen richtig auszusprechen? Dann nennt mich, wie ihr wollt, wie es euch am natürlichsten vorkommt.“