Erasmus-Elite in Zeiten der globalen Krise

Artikel veröffentlicht am 29. Januar 2010
Artikel veröffentlicht am 29. Januar 2010
Was haben eine vorlaute Engländerin, ein ukrainischer männermördender Vamp, ein schnieker polnischer Casanova und ein Dudelsack-spielender Franzose gemeinsam? Stammtischhumor beiseite - sie sind allesamt Mitglieder des YRN - der Vereinigung des European regions' youth network.
Ungefähr 150 Leute treffen sich jährlich, um darüber zu diskutieren, wie Europa genutzt werden kann, um sich aus der wirtschaftlichen Flaute herauszuwinden. Cafebabel.com traf einige von ihnen in Paris.

Charlotte Kudé, 18 Jahre, wirkt fest entschlossen, gar einschüchternd, während sie in einem katakombenartigen Konferenzraum voll von aufgeweckten europabegeisterten jungen Leuten ihre Begrüßungsrede darbietet. In einem Alter, in dem viele von uns noch damit beschäftigt waren, selbstgedrehte Zigaretten zu rauchen und schlecht gelaunt auszusehen, schaffte sie es, sich zur Präsidentin des Youth Networks, welches 279 Regionen aus 33 Ländern repräsentiert, wählen zu lassen.

Präsidentin des YRNIhr Publikum jubelt ihr nicht nur aus Mailand, Frankfurt oder Berlin zu, sondern aus den unterschiedlichsten Regionen, wie dem lichtarmen Gavleborg in Schweden, von der atlantischen Inselgruppe der Azoren und den östlichen Endpunkten von Georgien. Charlotte gehört zur Eurogeneration - einem Bündel von Mittzwanzigern, die wenig davon halten, kurzfristig in ein Flugzeug nach Paris zu springen, unbeeindruckt von einer dreitägigen, ausschließlich in englischer Sprache gehaltenen Konferenz, da die meisten sowieso schon zwei Fremdsprachen beherrschen. Die Post-Erasmus-Gesellschaft, die sich durch die Gier von ein paar Bankern mittleren Alters entmachtet fühlt, ist mehr als bereit, Europa zu nutzen, um ihre Zukunft zurück zu holen.

Jeder neue Ankömmling wird mit Freudenrufen und Anerkennung der anderen Teilnehmer empfangen. Seit dem Treffen im letzten Jahr hat sich aus dieser ungleichen Zusammenstellung der lokalen Jugend ein beständiges Kommunikationsnetzwerk gebildet. Eine Schwemme an schleimigen Wirtschaftstypen schweben, haiähnlich, um diesen enormen Köderball der ambitionierten Jugend herum, wissend, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis sich diese kichernden Newcomer in Schachfiguren der europäischen Politik verwandeln werden.

Teilnehmer Mikko Savola ist ein stämmiger, 28-jähriger Milchbauer und Mitglied seines lokalen Gemeinderates Südostrobotnias in Finnland. "In Zukunft werden all’ diese Leute in die Politik gehen", sagt er schroff. Dies ist wie ein Probelauf. Junge Menschen können Machtpositionen ergreifen, wenn sie darauf hinarbeiten. Ich bin meinem ersten Regionalrat im Alter von 19 Jahren beigetreten." Damit liegt er nicht falsch: Der Litaue Vaida leitet ein internationales Stadtsanierungsprojekt in den baltischen Staaten, der zottelhaarige britische Teenager Louis verteilt großzügig glänzende Visitenkarten, die seine Web-Design-Firma vorantreiben sollen. Und wenn „in die Runde gefragt wird“, wie viele Teilnehmer beabsichtigen, ihr eigenes Unternehmen aufzuziehen, so hebt praktisch jeder seine Hand. „Verschiedene Regionen haben unterschiedliche Denkweisen", erklärt Bart Lever, ein unwahrscheinlich großer Holländer. „Sich zu treffen, eröffnet neue Lösungsansätze für jedermanns Probleme.“

Wenn sich hier ein Wechsel vollziehen soll, dann wird es bestimmt nicht von oben nach unten geschehen. Da eine Reihe von Verbänden trockene, sich stets wiederholende Reden, voll von schalen Aussagen wie "Wir müssen Chancen schaffen" und "Lösungen müssen gefunden werden" von sich geben (die anmaßende, selbstgefällige VRE-Präsidentin Michèle Sabban, im Gegensatz zu ihrem YRN-Schützlingen, war ein regelrechtes Warenlager leerer Rhetorik), erfolgt der wahre Fortschritt in den Speise- und Aufenthaltsräumen außerhalb des Konferenzraumes.

Junge Teilnehmer tauschen leise Visitenkarten aus, organisieren Besuche, diskutieren Austauschaufenthalte und teilen ihr Fachwissen. Mit einem durch Erasmus hervorgerufenen Selbstbewusstsein scheinen sie nicht einmal zu bemerken, dass ihr Zukunftspotential im Bereich der internationalen Beziehungen - etwas, wofür Europa kaum herausragend ist, historisch gesehen - praktisch zweitrangig ist.

Wahrscheinlich ist ihnen nicht bewusst, dass ein beiläufiges Gespräch in einer Fremdsprache mit Menschen vom anderen Ende des Kontinents oder vielleicht gemeinsame Reisepläne etwas sind, wovon die Elterngeneration nur träumen konnte. Während das ökonomische System des zwanzigsten Jahrhunderts vor unseren Augen zerfällt, impliziert diese zufällige Ansammlung einer Erasmus-Elite, dass die Europäer des 21. Jahrhunderts, eher unbewusst, noch nie so viel Spielraum für Möglichkeiten hatten.