Entwicklungshelfer des Islams

Artikel veröffentlicht am 5. Juni 2007
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Artikel veröffentlicht am 5. Juni 2007
Islamische Hilfsorganisationen sind in Europa erstmals nach den Anschlägen des 11. September in die Schlagzeilen geraten, da ihnen vorgeworfen wurde, Al Qaida und andere Terrorgruppen unterstützt zu haben. Ein Blick in diesen schwer durchschaubaren Bereich zeigt, dass die Realität komplexer ist, als sie vielfach wahrgenommen wurde. Nach dem 11.
Septembers 2001 gerieten islamische Hilfsorganisationen verstärkt in das Visier amerikanischer und europäischer Sicherheitsdienste, da sie verdächtig wurden, zur Finanzierung des Terrorismus gedient zu haben. In den Vereinigten Staaten wurden die meisten islamischen Hilfsorganisationen infolge der Anschläge verboten, ihre Büros geschlossen und ihre Konten eingefroren. Viele Verbote blieben jedoch umstritten, da die Vorwürfe nicht bewiesen werden konnten.

Wenn die Lage bei einigen Organisationen wie dem Al Kifah Refugee Center in New York, das in den 1980er Jahren eng mit Osama bin Laden zur Rekrutierung von Freiwilligen für Afghanistan zusammengearbeitet hatte, wenig Zweifel ließ, konnten etwa der Global Relief Foundation (GRF) oder der Islamic American Relief Agency (IARA) Verbindungen zu Terrorgruppen nie nachgewiesen werden. So wurde Rabih Haddah, der Direktor der GRF, nach 18-monatiger Haft in den Libanon abgeschoben, ohne dass Anklage erhoben wurde.

Auch in Europa gingen die Sicherheitsdienste gegen mehrere Organisationen vor. So wurde im Sommer 2002 das Hauptquartier der Al Aqsa Foundation in Deutschland unter dem Vorwurf geschlossen, Geld für die Hamas gesammelt zu haben. Doch das Verbot der Al Aqsa Foundation blieb in Europa eine Ausnahme. Zwar wurde auch anderen Organisationen wie dem Comité de Bienfaissance et de Secours aux Palestiniens in Frankreich und dem Palestinian Relief and Development Fund in Großbritannien vorgeworfen, mit der Hamas kollaboriert zu haben, doch entgingen sie einem Verbot.

Die Schwierigkeit war, dass die Hamas wie andere islamistische Bewegungen, eine politische Partei und eine militärische Gruppierung ist, doch zugleich ein Netzwerk karitativer Einrichtungen unterhält. Einerseits war daher unklar, ob Geld, das für Schulen und Krankenhäuser gespendet wurde – oder nominell dafür bestimmt war - nicht für Selbstmordattentate eingesetzt wurde. Andererseits war den karitativen Einrichtungen der Hamas eine humanitäre Zielsetzung nicht grundsätzlich abzusprechen.

Auch wenn in Europa die meisten islamischen Hilfsorganisationen einem Verbot entgingen, waren sie doch zunehmendem Druck ausgesetzt, sich von den islamistischen Bewegungen zu distanzieren, ihre finanziellen Transaktionen offen zu legen und auf missionarische Tätigkeiten zu verzichten. Letztlich hat der 11/09 bei vielen Organisationen einen Prozess eingeleitet oder beschleunigt, der zur Distanzierung von den militanten Ursprüngen des Sektors und zur Annäherung an das Modell westlicher Hilfsorganisationen geführt hat.

Die meisten islamischen Hilfsorganisationen waren in den 1980er Jahren zur Unterstützung des Jihad in Afghanistan gegründet worden. Die finanzielle und ideologische Mobilisierung gegen die sowjetische Besatzung war unter den Muslimen in Europa besonders groß, schreiben Jérôme Bellion Jourdan und Jonathan Benthall in ihrem Standardwerk ‚The Charitable Crescent’, in dem sie Ursprünge, Entwicklung und Zielsetzung des islamischen humanitären Sektors untersuchen.

Viele Organisationen, die damals in Afghanistan Hilfsgüter verteilten, verstanden ihren Einsatz als Beitrag zum Jihad gegen die Ungläubigen. Humanitäre und militärische Hilfe war daher in der Anfangszeit nicht immer scharf getrennt, doch als Verbündete im Kampf gegen die Sowjets wurden sie von arabischen und europäischen Staaten trotzdem unterstützt. Erst das Ende des Krieges 1989 führte zum Bruch mit ihren Geldgebern, die, nun da sie ihrer Hilfe nicht länger bedurften, sie als potentielle Gefahr ansahen.

Zu den in den 1980er Jahren gegründeten Organisationen gehören Muslim Aid (London) und Islamic Relief (Birmingham). Sie sind heute die wichtigsten islamischen Hilfsorganisationen in Europa und stehen in ihrer Entwicklung stellvertretend für den gesamten Sektor. Muslim Aid wurde von einer Gruppe muslimischer Würdenträger gegründet und lange von Yusuf Islam, alias Cat Stevens, geleitet. Muslim Aid ist konservativer als Islamic Relief, das schon in den 1990er Jahren begann, sich von seinen militanten Ursprüngen zu lösen.

Für die schrittweise Modernisierung von Islamic Relief sind mehrere Ursachen zu nennen. Erstens hat die Erweiterung ihrer Tätigkeiten – die Organisation verfügt heute über Sektionen in zehn Staaten und Projekte in zwanzig Ländern – eine Reform ihrer Struktur und Arbeitsweise erzwungen. Die immer komplexeren Projekte machten es notwendig, die Freiwilligen, die zu Anfang die Organisation getragen hatten, durch professionelle Angestellte zu ersetzen, die weniger militant und pragmatischer eingestellt waren.

Zweitens hat, wie Abdel Rahman Ghandour in seinem Buch ‚Jihad humanitaire’ schreibt, die Verheißung, Zugang zu öffentlichen Geldern zu erhalten, zur Anpassung an die Vorgaben der institutionellen Fonds geführt. Es wurden erste Kontakte zu westlichen Institutionen und Hilfsorganisationen geknüpft, die zuvor weniger als Partner, denn als Bedrohung gesehen worden waren. Heute sind Islamic Relief und Muslim Aid in mehreren westlichen Beratungsgremien vertreten.

Drittens schließlich hat nach dem 11/09 der öffentliche und politische Druck die Einsicht befördert, dass die Abwendung von islamistischen Gruppen und die Aufgabe missionarischer Ziele erforderlich ist, um nicht in den Blick der Sicherheitsdienste zu geraten. Trotz dieser Veränderungen bleiben Muslim Aid und auch Islamic Relief stark religiös geprägte Organisationen, die sich vorwiegend an ein muslimisches Publikum richten. Trotz ihres Anspruchs, unabhängig ihrer Religion allen Bedürftigen zu helfen, intervenieren sie nur in muslimischen Staaten.

Nach wie vor bleibt beim islamischen Hilfssektor der Verdacht, dass der Diskurs angepasst wurde, sich in der Praxis jedoch wenig verändert hat. Dieser Vorwurf bleibt schwer zu widerlegen, ist in seiner Allgemeinheit jedoch unberechtigt und ungerecht. So unsinnig es wäre, die Verwicklungen des islamischen Hilfssektors in Terror und Gewalt zu leugnen und seine Rolle bei der Verbreitung einer radikalen Form des Islam zu verneinen, so ungerecht wäre es, die Aufrichtigkeit der Hilfsbereitschaft der Muslime anzuzweifeln.