Entscheidung von außen

Artikel veröffentlicht am 16. April 2007
Artikel veröffentlicht am 16. April 2007

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Knapp eine Million Auslandsfranzosen sind in die Wahllisten zur Präsidentschaftswahl eingeschrieben. Das Außenministerium unternimmt alles, damit möglichst viele von Ihnen tatsächlich wählen.

"Allen Auswanderern, die unglücklich über die Situation Frankreichs und ihre eigene Ausreise sind, möchte ich zurufen: ‚Kommt zurück’!" Dieses Angebot machte Nicolas Sarkozy im Januar während seines Blitzbesuchs in der britischen Hauptstadt London. Vor vollem Saal hat der Präsidentschaftskandidat der rechtsbürgerlichen UMP „seinen“ Appel von London gehalten. Ein eindeutiges Plagiat bei General de Gaulle, der am 18. Juni 1940 von London aus zum Widerstand gegen die deutschen Besatzer aufgerufen hatte.

Der ehemalige französische Innenminister ist jedoch nicht der einzige Präsidentschaftskandidat, der diejenigen Franzosen hofiert, die aus beruflichen, steuerlichen oder privaten Gründen Frankreich verlassen haben. Warum? Die 2,2 Millionen Auslandsfranzosen stellen ein großes Potenzial an Wählerstimmen dar. Sie bilden hinsichtlich ihrer Wahlbedeutung das achtgrößte französische „Département“. Dieses Jahr ist fast jeder zweite Auslandsfranzose in die Wahllisten eingeschrieben. Diese Zahl hat sich seit den letzten Präsidentschaftswahlen im Jahr 2002 verdreifacht: Damals waren es 380 000, heute sind es bereits 821 600 Wähler.

Die jeweiligen Wahlkampfmanöver der Präsidentschaftsanwärter sind so unterschiedlich wie vielfältig: Viele greifen auf die Mailadressen zurück, die die Konsulate bereitstellen oder machen sorgfältig ausgewählte Wahlkampfreisen.

„45 Prozent der Auslandsfranzosen leben in Europa“, so Hélène Charveriat, Generalsekretärin der „Vereinigung der Auslandsfranzosen“ (UFE). „Die Gemeinden in der Schweiz, Belgien und in England sind die größten“. Die sozialistische Kandidatin Ségolène Royal hat sich einen kleinen Ausflug nach Berlin gegönnt, direkt im Vorfeld der Feierlichkeiten zum 50jährigen Jubiläum der römischen Verträge. Außenseiter François Bayrou formulierte lieber eine Mail an seine „lieben Mitbürger im Ausland“. Kann das sozialistische Lager und die bürgerliche Mitte eine Wählerschaft überzeugen, die traditionell als rechts eingestuft wird? Noch im November 2006 hatte Valérie Pécresse, Sprecherin der UMP, gegenüber der Schweizer Tageszeitung Le Matin erklärt, dass „zwei Drittel der Auslandsfranzosen UMP wählen“.

Die Karten neu mischen

„Auch wenn die Wahlbeteiligung der Auslandsfranzosen in diesem Wahlkampf steigt, so muss man dies doch relativieren,“ betont Claudine Schmidt, Präsidentin der Vereinigung der Auslandsfranzosen in der Schweiz. „Nur 150 000 Personen haben sich freiwillig eingetragen.“ Die anderen haben vom Eifer des Außenministeriums profitiert, das sich der Bedeutung der Gemeinschaft der Auslandsfranzosen für den Ausgang der Präsidentschaftswahl 2007 bewusst ist. Bei den italienischen Wahlen im April 2006 waren es die 228 000 Stimmen der im Ausland lebenden Italiener, die die Entscheidung zugunsten Romano Prodis herbeiführten.

Am 1. Januar 2006 hat sich die französische Verwaltung beeilt, die beiden bis dato gültigen Wahllisten in den Konsulaten zu vereinen – die eine betraf die Wahl der Repräsentanten der Vereinigung der Auslandsfranzosen, die andere die Präsidentschaftswahl und das Referendum über die europäische Verfassung. „Das hat die Prozedur vereinfacht,“ sagt Schmidt. „Einmal beim Konsulat registriert, wurden einige der Franzosen im Ausland automatisch in die Wahllisten für die Präsidentschaftswahlen aufgenommen.“

Weitere Maßnahme: die Dezentralisierung der Wahlbüros, deren Zahl weltweit von 246 auf 546 gestiegen ist. Ganz zu schweigen von der Erhöhung der Anzahl der „fliegenden Wahlurnen“ oder der Reisen, die die Konsulate unternehmen, um die Wählerstimmen der Auslandsfranzosen zu sammeln. „Wir haben zahlreiche Sensibilisierungskampagnen in Zusammenarbeit mit dem Ministerium durchgeführt,“ freut sich Hélène Charveriat. „Es ist nicht zu leugnen, dass die Franzosen im Ausland sich für die kommenden Wahlen stärker interessieren als für die von 2002. Das liegt am Reiz des Neuen, denn die Kandidaten sind jünger und gehören nicht zum politischen Establishment.“

Was die Auslandsfranzosen denken

„Ich bin froh, nicht in Frankreich zu leben. So muss ich den Wahlkampf nicht ertragen! Probleme gibt es in Frankreich genug, aber keiner der Kandidaten bietet wirkliche Lösungen. Die Leute hier im Ausland verfolgen den Wahlkampf viel stärker als ich: Jeder hat eine Meinung und fragt mich, wen ich wählen werde oder was ich von dem und dem Kandidaten halte. Sie wissen mehr darüber als ich.“ Marc, 27, Politologe. Er lebt in Brüssel, Belgien.

„Von Deutschland aus betrachtet verliert der französische Wahlkampf etwas von seiner Theatralik. Die deutsche Presse gibt ein treues, aber gedämpftes Echo des ständigen Hin und Her der französischen Kampagne. Die Kandidatin Ségolène Royal wird auf das genaueste unter die Lupe genommen – wenn sie der deutschen Kanzlerin Merkel nacheifert, geht man einer Ära der Frauen in der Politik entgegen...

Die Meinungstrends werden genau übernommen, aber mit Prägnanz und Pragmatik. So werden die Gesten der Protagonisten auf einen einfachen Nenner gebracht. Die Deutschen werfen eher einen ironischen Blick auf Frankreich. Für uns Franzosen hier ist das Internet mit JT2Zero, Youtube, den Webseiten der Kandidaten und der französischen Online-Presse unverzichtbar, um uns zu informieren“. Caroline, 21. Studentin in Münster, Deutschland.

„Ich betrachte die Wahlen vom Standpunkt der Politik in England aus. Eines ist mir aufgefallen: Die Kandidaten in Frankreich haben den auf eine Person konzentrierten Politikstil des englischen Premiers Tony Blair übernommen. Die politischen Parteien treten hinter den Kandidaten zurück. Blair kann diesen Sommer ruhig seine Macht abgeben. Sein Regierungsstil wird auf der anderen Seite des Ärmelkanals weitergeführt werden.“ Christophe Bickerton, 27. Doktorand in Oxford, England.

„In Norwegen sind die Medien von Ségolène Royal fasziniert. Sie stellt für sie das perfekte Bild der französischen Frau dar.“ Jean-Noël Lundh, 29. Ingenieur in Oslo.

„Die Ungarn sind sehr am französischen Wahlkampf interessiert. Wahrscheinlich deshalb, weil Nicolas Sarkozy ungarischer Abstammung ist.“ Cécile Ranise, 27. Kulturattaché in Budapest.

„Die Franzosen, die in der Finanzwelt Londons arbeiten, sind fast alle für Sarkozy. Dass er ihnen so gefällt, liegt wohl daran, dass er versprochen hat, Frankreich für Unternehmen attraktiver und flexibler zu machen. Er will so denjenigen die Rückkehr ermöglichen, die aus Frankreich ausgewandert sind, weil sie dort beruflich keine Chancen hatten. Ich kenne hier niemanden, der sich nicht für den Wahlkampf interessiert.“ Agnes Baritou, London

„In Brüssel leben nicht nur prominente französische Steuerflüchtlinge. Innerhalb des Personals der Institutionen der Europäischen Union ist eine Wahl Bayrous nicht mehr tabu.“ Lorenzo Morselli, 28. Assistent im Europaparlament, Brüssel.