Englisch als Lingua Franca? Abgewählt!

Artikel veröffentlicht am 19. September 2015
Artikel veröffentlicht am 19. September 2015

Es ist bald wieder so weit: Am 26. September ist Europäischer Tag der Sprachen. Die EU  feiert die Mehrsprachigkeit gegen Sprachbarrieren, obwohl der Vorschlag einer lingua franca immer wieder auftaucht.  Sprachenvielfalt ist dennoch ein politisches Markenzeichen Europas.

Während die EU zusammen mit dem Europarat sich wie jedes Jahr darauf vorbereitet, am 26. September, dem Europäischen Tag der Sprachen, die Sprachenvielfalt Europas und die Mehrsprachigkeit ihrer Bürger zu feiern, wird auf Debating Europe, der Plattform für europabezogene Debatten, wieder die Frage nach der Notwendigkeit einer gemeinsamen Sprache aufgeworfen.

Seit Anfang September dieses Jahres diskutiert man  online unter "Can a European identity exist without a common language?" eifrig, ob eine gemeinsame Identität Europas ohne eine gemeinsame Sprache bzw. ohne eine lingua franca für die EU möglich wäre. Ist so eine Debatte eigentlich noch sinnvoll?

Widersprüche, die keine sind

Die Sprachenpolitik der EU, auf die sich 2002 in Barcelona alle Mitgliedsstaaten geeinigt haben, lässt keine Zweifel daran, dass eine gemeinsame Identität Europas auf Mehrsprachigkeit und Sprachenvielfalt beruht.

Ein Widerspruch an sich, könnte man meinen. Das Rezept ist eigentlich  alles  andere als widersprüchlich: Indem der gebildete Europäer mindestens zwei Fremdsprachen spricht und schreibt, aber  jeden Morgen seine Brötchen weiter in seiner Muttersprache kauft, setzt er genau das um, was das Motto der EU "In Vielfalt geeint" plakativ zum Ausdruck bringt. 

Mit anderen Worten: Durch die Anerkennung der  Kulturspezifik der Sprachen der Anderen und die Unterscheidung der eigenen Sprache davon wird eine gemeinsame europäische Identität geschaffen und die eigene Identität bewahrt.  An diesem Kriterium  scheint nichts auszusetzen zu sein. Wozu dann die umständliche Frage nach der Notwendigkeit einer gemeinsamen Sprache?

Englisch als lingua franca der EU 

Debating Europe verweist auf eine Umfrage aus dem Jahr 2012, nach der 67% der Befragten Englisch als eine nützliche Sprache empfinden, wobei Englisch als Fremdsprache von 38% der jungen Leute zwischen 18 und 25 Jahren innerhalb der EU gesprochen wird. Aus einer weiteren Umfrage aus dem Jahr 2014 geht hervor, dass 61% der Befragten sich selber als EU-Bürger ansehen.

Also, es sieht ganz so aus, als wäre eine gemeinsame Sprache für die Schaffung einer gemeinsamen Identität nicht notwendig. Aber wenn man sich aus dem einen oder anderen Grund eine lingua franca aussuchen sollte, dann  würde aller Wahrscheinlichkeit nach die Wahl auf das Englische fallen. 

... und doch keine lingua franca

Wenn das Englische offiziell die Funktion der lingua franca übernehmen sollte, würde dies sich auch negativ auf die englische Sprache selbst auswirken. Dies geht aus dem CORDIS-Bericht der EU-Kommission mit dem Titel "Lingua Franca: Chimera or Reality?" aus 2011 hervor. Verstehbarkeit, kommunikative Flexibilität und Effizienz würden wichtiger werden als Korrektheit hinsichtlich muttersprachlicher Standards. Die englische Sprache würde darunter leiden.

Aber schlimmer noch ist es, dass "die wissenschaftlichen und kulturellen Leistungen und Traditionen der Europäer, die in ihren verschiedenen Sprachen bewahrt sind, in einer Einheitssprache nach und nach verloren gehen würden", so der ehemalige Präsident der Europäischen Föderation nationaler Sprachinstitutionen Gerhard Stickel im Gespräch mit dem Goethe-Institut 2006.

Gemeinsame Sprachenvielfalt

Man muss nicht auf Sprachenvielfalt verzichten, um Sprachbarrieren abzubauen. Diese kann man ganz einfach durch gezielte und geförderte Bildung aus dem Weg schaffen. Darauf hat zum Beispiel Deutschland gesetzt. Begabung und Spaß am Lernen spielen dabei auch eine Rolle.

Der deutsche Bundeswettbewerb Fremdsprachen, der jedes Jahr vom Bundesministerium von Bildung und Forschung unterstützt wird, zum Beispiel, gibt dem Nachwuchs die Chance, vielseitige Sprachkenntnisse auf die Probe zu stellen.  Als Wettbewerbsprachen gelten alle Fremdsprachen, die in den Schulen in Deutschland unterrichtet werden. Altsprachen wie Latein und Alt-Griechisch sind auch dabei. Nur Kunst- und Plansprachen wie Esperanto oder Klingonisch sind beim Wettbewerb nicht erlaubt.

Zu Recht? Nun, Sprache ist eigentlich mehr als die Verbalisierung von Piktogrammen.  Sprachen sollen in der Tat kulturell bedingte vielfältige lebendige Wirklichkeiten vermitteln. Und dies wird am 26. September gefeiert.