Engländer, Briten oder Europäer? Meine Großeltern über die EU

Artikel veröffentlicht am 31. März 2011
Artikel veröffentlicht am 31. März 2011
Der Eurobarometerumfrage vom Herbst 2009 zufolge halten nur 30% der Bürger im Vereinigten Königreich die EU-Mitgliedschaft für "eine gute Sache".
Selbst wenn dieses magere Stück von einem der vielen bunten Kuchendiagramme des Eurobarometers im Vergleich zur vorausgegangenen Umfrage um zwei Prozentpunkte größer geworden ist, muss festgestellt werden, dass der kleine Mann im stolzen Königreich mit dem undurchschaubaren, supranationalen und die nationale Souveränität untergrabenden Gebilde, das dort irgendwo jenseits des Ärmelkanals sein Unwesen treibt, nicht viel anzufangen weiß.

Leider verwundert dieser weit verbreitete Euroskeptizismus niemanden. Im Gegenteil ist diese Haltung so manchem in Großbritannien inzwischen sogar Anlass zu Stolz. Dies mag daran liegen, dass wir uns schon derart an dieses tief verankerte Misstrauen gegenüber Europa gewöhnt haben, dass wir nicht mehr erkennen können, was dies wirklich für uns alle bedeutet.

Entweder für dein Land oder für die EU!

Ich schreibe diesen Artikel in Belgien, wo man (wie mir mit einem Lachen von gut gelaunten Belgiern berichtet wird) mühselige Debatten über die bisweilen konfliktgeladene Politik im eigenen Lande vermeidet und sich stattdessen mit ganzer Kraft hinter die Europäische Union zu stellen scheint, deren Flagge man in Brüssel allerorten stolz wehen sieht. Ich frage mich, ob so die schlecht definierte, nahezu föderale Trennung zwischen der EU und ihren Mitgliedstaaten funktionieren soll: entweder für dein Land oder für die EU!

Aber natürlich ist dies völlig unmöglich, nicht nur weil die angesprochene Trennung so unklar ist, dass niemand sagen könnte wo nationale Politik endet und europäische Politik beginnt, sondern auch weil gerade in den Ländern mit unerschütterlicher nationaler Identität ein besonders hoher Rückhalt für die EU-Mitgliedschaft zu verzeichnen ist. Frankreich und Deutschland sind hierfür die besten Beispiele. Britische Zyniker mögen anmerken, dass die EU-freundlichsten Länder wie durch Zufall diejenigen sind, die von der Mitgliedschaft am meisten profitieren. Daher sei es nur normal, wenn die Bürger eines Landes wie dem Vereinigten Königreich (das ja, wenn man der abstrusen Schätzung der nationalistischen United Kingdom Independance Party (UKIP) glauben will, jeden Tag 40 Millionen Pfund Sterling and die EU überweist und dafür nur sehr wenig zurückbekommt) den französischen und deutschen Enthusiasmus nicht teilen.

Um eine langwierige Kosten-Nutzen-Analyse der EU-Mitgliedschaft des Vereinigten Königreichs zu vermeiden, schlage ich eine viel einfachere Erklärung vor, mit Berufung auf eine Quelle, wie sie ehrlicher und direkter gar nicht sein könnte: meine Großeltern. "Was ist denn bitte ein Bürger des Vereinigten Königreichs?", fragt mein Großvater irritiert, um dann auszurufen "Ich bin Brite!" - ganz so, als stünde er vor Britannia höchstpersönlich. Meine Großmutter wiederum erklärt, dass sie vor allem anderen Engländerin ist und stellt sogar die Frage, ob das Vereinigte Königreich genau genommen überhaupt ein Teil von Europa sei. "Die Tatsache, dass wir eine Inselgruppe sind", sagt sie, "führt dazu, dass wir nicht nur geographisch sondern auch politisch isoliert und daher schlichtweg anders sind."

Naiv komme ich mir vor inmitten dieser Äußerungen, von der Frage gequält, ob denn die Türkei oder sogar Russland voll und ganz zu Europa gehören, während meine europäische Staatsbürgerschaft für mich längst eine Selbstverständlichkeit ist. Vielleicht sollte ja die Unwilligkeit der Briten, sich auf Europa einzulassen, nicht überinterpretiert werden. Wir sind einfach nur verwirrt.

Foto: (cc) c-reel.com on Flickr/ official website c-reel.com/