Endspurt für François Bayrou

Artikel veröffentlicht am 16. April 2007
Artikel veröffentlicht am 16. April 2007

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Auf Tour durch die französische Provinz mit François Bayrou, dem Geheimfavoriten der französischen Präsidentschaftswahlen.

Zug Nummer 1725 steht zur Abfahrt bereit. Im Pariser Ostbahnhof ist es ruhig. Man kann die Silhouette François Bayrous in der Ferne erahnen, die Fotografen reihen sich zum Ablichten auf. Wie ein Kinostar verschenkt Bayrou sein schönstes Lächeln und schüttelt Bekannten wie Unbekannten die Hand. Er besteigt den Zug, falscher Wagen, er steigt wieder aus und findet schließlich seinen Platz. Der Zug fährt an, Fahrtziel ist Reims.

Während der Fahrt lässt Bayrou sich bereitwillig interviewen. Die Aussagen des Kandidaten der Zentrumspartei UDF haben sich seit Beginn des Wahlkampfes nicht geändert. Der Sohn einer Familie von Landwirten aus der Provinz Béarn am Fuße der Pyrenäen sieht sich „als einzigen fähig, Frankreich zu einen“. Er gibt sich als Alternative zu der Polarität zwischen Ségolène Royal von der sozialistischen PS und dem konservativen Kandidaten Nicolas Sarkozy. Die französische Politik brauche einen „Elektroschock“, sagt er. Kaum angekommen, erregen die Kameras die Neugier vieler Passanten am Bahnhof von Reims. Ein paar Mädchen fragen: „Wer ist da? Wer ist da?“ „Bayrou“, antworten wir. Keine Reaktion. „Einer der Präsidentschaftskandidaten“. Nach dieser Erklärung lachen die jungen Mädchen aufgeregt, wenden sich an Bayrou und rufen ihm zu, dass sein Hosensaum schlecht sitze. Doch nach wenigen Schritten ist dieses ästhetische Detail wieder geradegerückt.

Kandidat der Linken?

Sein Weg in den Elyséepalast führt Bayrou über das Rathaus in Reims. Dort erwarten ihn die Angestellten des Automobilzulieferers Chausson Outillage, um den Konkurs des Unternehmens anzuprangern. Nach dem Austausch zweier Sätze willigt der Zentrumspolitiker ein, seinen Terminplan für einen Besuchs in der Fabrik zu ändern – etwa weil Ségolène Royal vorige Woche auch dort war? Gleich nach der Ankunft beginnt unter den aufmerksamen Augen des Kandidaten der Rundgang durch die Einrichtungen. Ein Fabrikarbeiter nähert sich uns. Wir fragen ihn, ob der Besuch irgendeinen Einfluss auf seine Wahl haben wird. „Wir werden schon sehen“, antwortet er. Ich hake nach: „Und Sarkozy, kommt der auch?“

„Ich glaube nicht, dass er so gnädig ist, zu kommen. Er hat das nicht nötig“, gibt er mit einem Lächeln zurück.

Auch wenn Bayrou als der Kandidat gilt, der die meisten Sympathien für Europa hegt, hat er sich doch im Laufe des Wahlkampfs von der Europäischen Union distanziert. Er betont die Bedeutung der Nationalstaaten und eines „schützenden Europas“. Als Antwort auf die Globalisierung, so Bayrou, „muss die EU unsere Unternehmen schützen“, gegen die zwei erwachenden Riesen China und Indien. Nicht alle sind überzeugt von seinen Ideen: „Wir machen hier keine Politik, wir haben hier ein Problem“, flüstert ein Arbeiter der Chausson Outillage einem Journalisten zu.

Nach den schönen Worten im Sinne der Gewerkschaften geht die Reise weiter. Der nächste Halt: Pressekonferenz im luxuriösen Restaurant Brasserie Flo. Schon im ersten Moment bricht ein junger Kerl das Schweigen: „Sie haben einen guten Ort gewählt, sie sind ja sowieso rechts“, ruft er Bayrou zu. Dieser geht lächelnd auf den Jungen zu, der schnell in die Pedale tritt und davonradelt. Ende des Zwischenfalls.

Im Laufe dieser harten Wahlkampftage legt Bayrou kaum Wert auf seinen Abstieg in den Umfragen, nachdem er Anfang März rasend schnell in der Gunst der Wähler gestiegen war. Nur die beiden bestplatzierten Kandidaten schaffen es in den entscheidenden zweiten Wahlgang am 6. Mai. In neuesten Umfragen liegt François Bayrou bei nur noch 17 Prozent, deutlich hinter Ségolène Royal und Nicolas Sarkozy.

„Es gibt nur eine Umfrage, die zählt, und das ist der Tag, an dem Frankreich wählt“, erklärt er. In einem kurzen Moment zwischen zwei Fragen gibt Bayrou der Presse eine Schlagzeile: „Bei manchen Fragen bin ich linker als die PS.“ Um seine Behauptung zu veranschaulichen, erinnert er daran, dass er als einziger gegen die Privatisierung der französischen Autobahnen gewesen sei. Die PS habe nichts getan, das zu verhindern.

Bad in den Massen

Von der feinen Brasserie Flo geht es in ein nüchternes Industriegebiet, der letzten Station der marathonartigen Tagesreise. Viele Autos sind nicht zu sehen und die Journalisten fragen sich, ob der Pavillon, eigens von der UDF für den Kandidaten aufgestellt, leer bleiben wird. Doch ganz im Gegenteil: Orange, die Wahlkampffarbe Bayrous, erfüllt das Zelt. Ungefähr 3000 Sympathisanten warten auf ihren Kandidaten. Bei der Jugend der UDF sieht man hauptsächlich T-Shirts mit der Aufschrift sexy centriste.

Zwischen Zurufen und Applaus wendet Bayrou sich an sein Publikum. Die Floskeln kommen den Journalisten bekannt vor, die vor nur fünf Minuten bei der Pressekonferenz dabei waren. „Die französische Gesellschaft muss sich ändern“, beginnt er. „Die Einwanderung ist nicht der Grund für alle unsere Probleme, sondern ihre Folge!“ Auf dem Weg von „gemeinsam leben können“ zum französischen „Nein“ zur EU-Verfassung streift Bayrou die Erderwärmung und stellt fest, dass „der Staat nicht alles bezahlen kann“. Er absolviert alle Themen, in einer in sich recht geschlossenen Rede.

Ein überraschendes Ende

Nach dem Bad in den Massen endet der Tag in Reims – aber der wahre Endspurt der Kampagne hat gerade erst angefangen. Am 3. April stellt Bayrou sein Wahlprogramm bei einer Pressekonferenz vor, kurz nach der Veröffentlichung seines Buches Projet d’espoir. „Ich erwarte ein überraschendes Ende“, erklärt er in Bezug auf die Wahlen. Unterdessen fragt sich Frankreich, was für eine Regierung es unter Bayrou erwartet. Mitte-rechts oder mitte-links? Der „dritte Mann“ des Wahlkampfs wird nicht müde zu wiederholen: „Neue Allianzen mit einer Mehrheit in der Mitte müssen geschaffen werden.“ Was aber soll das heißen? Sollte Bayrou gewählt werden, bliebe abzuwarten, ob er mit seiner Mehrheit in der Mitte die Erwartungen seiner Wähler erfüllt – Wähler, die für die „Alternative“ stimmen.