Ende einer EPOche: Armstrong verliert alle Tour-Titel

Artikel veröffentlicht am 23. Oktober 2012
Artikel veröffentlicht am 23. Oktober 2012
Der Weltradsportverband hat dem US-Radprofi Lance Armstrong am Montag alle sieben Tour-de-France-Titel aberkannt und ihn lebenslang gesperrt. Armstrong habe jahrelanges und systematisches Doping betrieben. Nun müssen auch die Hintermänner und andere Spitzenfahrer zur Rechenschaft gezogen werden, fordern einige Kommentatoren. Andere kritisieren, dass das Urteil dem Radsport schweren Schaden zufügt.

Delo: Armstrong als Symbol aller Schweinereien; Slowenien 

Die Strafe gegen Armstrong und andere bekannte Sünder allein reicht nicht aus, um das System zu ändern, glaubt die linksliberale Tageszeitung Delo: "Es ist zu hoffen, dass mit Armstrong nicht nur die Mauer des Schweigens im Radsport, sondern auch die Festung der Lügen im Spitzensport generell eingerissen wird. Der dopinggeplagte Radsport ist nur ein Teil des Sports, der durch Gier verseucht wurde. Armstrong als Symbol aller Schweinereien trägt natürlich Verantwortung und diese ist nicht geringer als die Verantwortung seiner Paten - im Sport und im Business. Wenn die geläuterten Radsportler über die 'Hintergründe' der betrügerischen Siege bei der Tour Bescheid wussten, dann wussten gewiss auch alle Unterstützer des Geschäfts Bescheid, das eine knappe Milliarde Dollar wert ist. Heute stecken sie den Kopf in den Sand. Wenn lediglich Armstrong, [der italienische Sportarzt] Dr. Michele Ferrari und die anderen Sünder an den Pranger gestellt werden, wird sich nichts ändern. Das System selbst wird sich dabei nicht zerstören." (23.10.2012)

Tages-Anzeiger: Ganze 'EPO-che' zum 'schwarzen Loch' erklären; Schweiz 

Lance Armstrong hat die lebenslange Sperre und die Aberkennung aller Tour-Titel verdient, meint der liberale Tages-Anzeiger, doch das Urteil muss auch alle anderen Spitzenfahrer der Tour aus jener Zeit treffen: "Gerecht wäre, wenn nicht nur Armstrongs Name ausgelöscht, sondern die ganze 'EPO-che' zum 'schwarzen Loch' erklärt würde. Von Beginn der 90er bis Mitte dieses Jahrzehnts. In dieser Zeit waren 'Edgar', wie die Blutdroge EPO liebevoll genannt wurde, und später die Blutbeutel treue Begleiter fast aller Spitzenfahrer. Auch danach war das noch der Fall, doch die Dopingkontrollen begannen zu greifen, und neben vielen anderen blieben auch die beiden Armstrong-Nachfolger Floyd Landis und Alberto Contador hängen. Im Prinzip ist jeder unter den ersten zehn in den Touren dieser Jahre verdächtig und müsste untersucht werden, um diese unheilvolle Ära zu löschen." (23.10.2012)

El Mundo: Wie weit darf man zurückspulen, um Schummler zu überführen?; Spanien 

Dass der internationale Radsportverband UCI Lance Armstrong alle sieben Tour-Titel aberkannt hat, hält die konservative Tageszeitung El Mundo für übertrieben und ungerecht: "Natürlich gibt es Leute, die sagen, dass man einen Straftäter auch bestrafen muss. Aber selbst in der ordentlichen Rechtsprechung kann ein Delikt verjähren. Kein Dopingtest des Radfahrers war jemals positiv. Und nun werden Proben neu bewertet, die bis zu 14 Jahre zurückliegen. Es ist möglich, dass Armstrong nicht sauber gehandelt hat, aber unter den damals geltenden Regeln war es unmöglich, ihm das zu nachzuweisen. Bei der Überprüfung der Vergangenheit sollte es Grenzen geben. Wie weit darf man zurückspulen, um Schummler zu überführen? Mit Sicherheit würden auch andere Sportler durch die Prüfungen fallen, die man Armstrong jetzt abverlangt hat. Beim Versuch, der Gerechtigkeit in jedem Fall Genüge zu tun, kann man auch ungerecht handeln. Und so hat die UCI beim Versuch, den Radsport zu retten, diesem noch mehr geschadet." (23.10.2012)

La Stampa: Letztes Kapitel in der Geschichte eines ehrenwerten Sports?; Italien 

Die Bestrafung von Lance Armstrong birgt die vielleicht letzte Chance für den Radsport, mahnt die liberale Tageszeitung La Stampa: "Das Urteil ist wie eine Bombe eingeschlagen. Wird sich der Radrennsport jemals wieder davon erholen? Vielleicht. Doch nur, wenn das ganze Umfeld endlich bereit ist, die Händler aus dem Tempel zu vertreiben. Der Verband weiß, wo das Übel sitzt. Doch wer wird den Mut aufbringen, 25 Jahre Geschichte auszulöschen? [...] Doping hat es immer gegeben. Doch seit Mitte der 1990er Jahre haben immer ausgefeiltere Dopingmethoden jedes Rennergebnis gefälscht. Sind die Herren des Radrennsports bereit, die Gewinnerlisten zu löschen und einen Neubeginn zu wagen? Wenn man jetzt nicht radikal durchgreift, ist gestern nicht nur der Kopf von Armstrong gefallen, sondern es ist das letzte Kapitel der Geschichte eines ehrenwerten Sports geschrieben worden." (23.10.2012)

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Illustration: Teaserbild (cc) kingchief/flickr