Ende des japanischen Walfangs - den Meereshirten sei Dank

Artikel veröffentlicht am 21. März 2011
Artikel veröffentlicht am 21. März 2011
Drei Monate heftiger Einsätze in der Antarktis hatten ein einziges Ziel - das Ende des japanischen Walfangs. Nachdem sie uns von den Vorbereitungen zum ersten großen Aufbruch berichtet hatte, kommt eine Aktivistin der Operation „No Compromise“, welche am 2. Dezember 2010 von der Umweltschutzorganisation Sea Shepherd lanciert wurde, für cafebabel.com auf ihre engagierte Reise zu sprechen.

18. Februar, 15 Uhr 20. Ich halte Wache auf dem Kommandoposten. Seit zwei Tagen klingelt das Satellitentelefon ununterbrochen: Journalisten aus der ganzen Welt rufen auf der Steve Irwin an. Die Steve Irwin ist eines der drei Schiffe von Sea Shepherd, die für die Kampagne gegen Walfang in der Antarktis im Einsatz waren. Auf dem Schiff herrscht Feierlaune. Der Organisation ist es gelungen, dass der illegale Walfang der japanischen Flotte vorerst ausgesetzt wird - und das einen Monat vor dem eigentlichen Ende der Fang-Saison. Und Zeitungen berichten sogar davon, dass das japanische Fischerei-Ministerium, das in Erwägung ziehe, sich eventuell ganz aus der Antarktis zurückzuziehen, die Flucht ergriffen habe.

Steve Irwin, ein australischer Fernsehmoderator, verstarb am 4. September 2006 auf hoher See. Sea Shepherd benannte sein Schiff nach ihm.Als Kapitän Paul Watson den Hörer abnimmt, höre ich nur mit halbem Ohr zu, da ich denke, dass er wieder mal ein Interview gibt. Aber dieses Mal ist sein Tonfall anders. Er hört vielmehr zu, als dass er selbst spricht. Und als er etwas sagt, sind es nicht mehr als zwei Worte. Diese richtet er mehr an uns als an seinen Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung. "Es ist offiziell." Ich weiß ohne dass er mehr dazu sagen müsste, dass das Unmögliche wahr geworden ist. Es ist das Ende des Walfangs in der Antarktis. Und auf einen Schlag geht alles ganz schnell. Die Neuigkeit verbreitet sich in Windeseile von Etage zu Etage, in jedem Gang und in jeder Kabine. Alle sind euphorisch, denn es wird keine Massaker mehr in den heiligen Gewässern geben.

Diese zwei Worte fassen all die Jahre des Ausharrens, des Kampfes und der Verbissenheit zusammen. Laura, die seit 2005 Köchin auf dem Schiff ist, erinnert sich: "In den ersten Jahren hatten wir nur ein Schiff und es war ziemlich schwierig, die japanischen Walfänger in der Antarktis ausfindig zu machen. Sie haben erst begonnen uns ernst zu nehmen, als sie gesehen haben, dass wir es wirklich ernst meinten und bereit waren, unser Leben für die Wale zu riskieren." Seitdem hat sich vieles geändert. Sea Shepherd hat mittlerweile auf drei Schiffe aufgestockt, was den Vorteil bietet, den Walfängern dicht auf den Fersen zu bleiben.

Es war vor allem ein Geniestreich von Paul Watson, der die Problematik des illegalen Walfangs international ins Bewusstsein rückte. Die Dokureihe Whales War, die seit 4 Jahren alle Kampagnen von Sea Shepherd filmt, wurde zu einem riesigen Erfolg, vor allem in den USA. Information ist eben immer noch die beste Waffe. "Den Leuten wird bewusst, dass ein direktes, aggressives aber nicht gewaltsames Eingreifen effektiv ist. Und dass ein einzelner Mensch durch seine Willensstärke die Dinge verändern kann". Die Medien spielen eine Schlüsselrolle bei der Konfrontation zweier entgegengesetzter Ansichten der Welt: Geht es nun darum sie auszubeuten oder zu schützen? Die japanische Flotte kam bisher noch nie durch internationalen Druck in Bedrängnis, da der Walfang in der Antarktis kaum oder überhaupt nicht bekannt war, nicht einmal in Japan. Heute ist das nicht mehr der Fall und es wird weltweit hinterfragt, ob eine solch grausame, archaische und veraltete Praxis wirklich nötig ist.

Am 2. Dezember startete die Kampagne "No Compromise". Aber bei der japanischen Flotte, die kurz vor dem finanziellen Aus steht, läuft so einiges schief und sie startet mit einem Monat Verspätung in die Saison. Ausnahmsweise waren wir einmal die Ersten in der Antarktis und haben inmitten der surrealen, beeindruckenden Landschaft auf die Flotte gewartet. Die Taktik von Sea Shepherd ist recht einfach: Es geht darum die Walfänger am Fischen zu hindern und daran, dass das Walfleisch zum Mutterschiff, die Nisshin Maru, gelangt. Wir spielen Katz und Maus in diesem riesigen vereisten Ozean. Aber am 25. Januar entdeckt der Helikopter die Nisshin Maru im Eis. "Durch die Schnelligkeit und den großen Wirkungsradius des Helikopters können wir die Fischer nicht nur viel einfacher ausfindig machen, sondern sie auch zurückdrängen. Je öfter wir sie suchen, desto öfter ergreifen sie die Flucht. Und wenn sie fliehen, können sie nicht fischen", erklärt der Pilot Chris. Dank der drei Boote, die sich gegenseitig abwechseln, konnte Sea Shepherd mehrere Wochen lang immer dicht an der Nisshin Maru dranbleiben. Bis diese schließlich aufgab und sich ohne große Ausbeute in den Hafen zurückzog. Von den 1000 Walen, welche die Quote der Walfänger vorsieht, konnten nur 170 gefangen werden. So wenige waren es noch nie.

Aber Sea Shepherd denkt nicht daran, sich auf seinen Lorbeeren auszuruhen. Die Umweltorganisation hat es nicht nur auf die japanische Walfangflotte abgesehen, sondern auf alle, die zur Zerstörung des Ökosystems der Meere beitragen. Und wenn eine Sache sicher ist, dann die Tatsache, dass die Zerstörung unseres Planeten weder eine bestimmte Hautfarbe noch eine Nationalität hat. Zwischen dem Fischfang des Roten Thun im Mittelmeer, dem shark fining auf den Galapagos-Inseln (eine Praxis bei der die Flosse von Haifischen herausgerissen und zu einer Suppe verarbeitet wird) oder dem Massaker an Delphinen auf den Färöer-Inseln, bleibt für Sea Shepherd keine Zeit sich auszuruhen.

Doch der Erfolg in der Antarktis gibt Grund zur Hoffnung. Für Laura gilt: "Auch wenn wir immer wieder denselben Kampf führen, dürfen wir nicht locker lassen. Jedes gerettete Leben ist ein Sieg. Und letztlich sind wir alle ein Teil eines komplexen großen Puzzles. Wenn jeder Einzelne seinen Teil dazu beiträgt, besteht Hoffnung, dass sich Dinge wirklich ändern lassen."

Fotos: HP ©raffaella tolicetti/Sea Shepherd conservation society ; Steve Irwin: (cc)Halans/flickr; Videos: (cc)YouTube; Antarktis: ©raffaella tolicetti/Sea Shepherd conservation society