Emmanuelle Cosse zum Internationalen Frauentag: "Als Frau hat man es immer noch schwerer"

Artikel veröffentlicht am 8. März 2010
Artikel veröffentlicht am 8. März 2010
Emmanuelle Cosse engagiert sich an allen Fronten, sei es für die Sache der HIV-Positiven bei Act Up, den lesbisch-schwulen Journalismus bei Têtu oder die linksradikalen Schriften bei Regards. Heute stürzt sie sich in das politische Gemenge auf der Liste der Europäischen Grünen in Paris. Der Internationale Frauentag? Nicht ausreichend, aber nötig. Interview.

cafebabel.com: Ist der Internationale Frauentag nicht ein wenig von gestern?

Emmanuelle Cosse: Ob das nun der Frauentag ist, der Welt-AIDS-Tag oder all die anderen, so muss man sich immer vor Augen halten, dass es bei deren Einführung wichtige Gründe gab. Früher, als Frauen noch nicht wählen durften, machte es durchaus seinen Sinn, den Frauen diesen Tag zu widmen. Natürlich sollte man nicht für alles und jeden einen Tag ins Leben rufen. Aber es ist ein gutes Mittel, um über gewisse Fragen öffentliche Debatten anzuregen. Das Problem bleibt jedoch: Was macht man an den anderen Tagen? Sicher, dieser Tag hat eine verbindende Funktion. Doch die wichtigste Frage ist, wie man die politischen Akteure und die Gesellschaft dauerhaft für diese Problematik interessieren kann. Darauf eine Antwort zu geben ist wirklich nicht leicht.

cafebabel.com: Verschiedene Feministinnen behaupten, dass es nach den Siegeszügen der Siebziger nun wieder an der Zeit sei, den Stock herauszuholen, um für die Frauenfrage einzustehen.

Lors d'un meeting d'Europe Ecologie en Ile de FranceEmmanuelle Cosse: Eins ist sicher, als Frau hat man es immer noch schwerer. Das ist ein tagtäglicher Kampf. Du denkst, die Verhütung ist in den Köpfen angekommen? Die neuen Generationen sind aber nicht mehr informiert. Es gelingt einfach nicht, die Anzahl der Schwangerschaftsabbrüche zu reduzieren. Häusliche Gewalt ist weiterhin an der Tagesordnung? Hier blockt die Gesellschaft ab. Ähnlich verhält es sich mit dem Thema Lohnparität, und das trotz eines etablierten Gesetzes. Selbst im Alter von 35 Jahren habe ich ungleiche Löhne in recht bedeutenden Positionen erlebt. Ja, hier sind wir gescheitert. Nicht die Frauen, sondern die ganze Gesellschaft! Der Kampf ist nicht weit genug über die so genannten feministischen Vereine herausgegangen, vor allem bei den Männern ist er nicht angekommen. Und das, obwohl er in vielen Sektoren sehr präsent ist: polizeiliche Gewalt in den Banlieues, der Kampf gegen AIDS oder der Zugang zu einem geregelten Beschäftigungsverhältnis sind nur einige Beispiele. Glücklicherweise hat unsere Generation eher von der feministischen Erziehung profitiert. Werden wir es allerdings schaffen, dieses Erbe weiter zu reichen? Daran hab ich einige Zweifel.

cafebabel: Kann sich Frankreich in diesen Punkten von Europa inspirieren lassen?

Emmanuelle Cosse: In Europa ist man auf der Suche nach Harmonisierung. Unser Problem in Frankreich ist es, dass wir immer hinterherhängen: Spanien ist in der Gewaltbekämpfung um Weiten besser, die Schweden haben in puncto Gehaltsausgleich die Nase vorn. Daran müssen wir in Frankreich wirklich in großem Umfang arbeiten. In Schweden und Dänemark ist die Gleichstellung von Mann und Frau in den Unternehmensvorständen festgeschrieben, andernfalls kann der Vorstand sogar aufgelöst werden. In Frankreich oder in einer noch hauptsächlich weißen und männlichen Welt ist man noch nicht bereit für derartige Veränderungen. Wir können noch viel von unseren Nachbarn lernen.

Fotos: ©Europe Ecologie