Emmanuel Macron: Wie eine Fahne im Wind?

Artikel veröffentlicht am 21. November 2016
Artikel veröffentlicht am 21. November 2016

[Kommentar] In nur wenigen Monaten hat er sich zu dem Politiker entwickelt, den sich Frankreich immer wünschte. Mit der Gründung seiner Bewegung "En Marche" hat sich Emmanuel Macron den Weg für eine neue und doch so selbstverständliche Kandidatur geebnet. Zumindest bis er offiziell für die Präsidentschaftswahl kandidierte und sich plötzlich jeder auf ihn stürtzte. Wird nun alles anders?

Er hat es getan. Nach Monaten der Unentschlossenheit - wirkliche oder auch nur gepflegte - hat Emmanuel Macron nun seine Kandidatur für die französische Präsidentschaftswahl 2017 angekündigt. Keiner Partei zugehörig und frei von jeder Etikette rechter oder linker Politiker, trat der junge französische Präsidentschaftskandidat genauso an das Rednerpult, wie er es die letzten Monate immer tat: mit Neuerungen. Als ehemaliger stellvertretender Staatssekretär der Republik unter dem aktuellen Staatspräsidenten François Hollande und späterer Wirtschaftsminister in der Regierung von Manuel Valls hat er „die Leere des politischen Systems von innen gesehen. Heute ist Macron endlich frei und glaubt, alles verstanden zu haben. 

Im April 2016 gründete er aus dieser Überzeugung heraus die Bewegung 'En marche'. Es ist eine Bewegung, die parteiübergreifend agiert, immerhin handele es sich um das ganze Land. Und man kann nur bemerken, dass der junge Überflieger mit ziemlichen Meilenstiefeln vorangeht. 'En Marche' zählt heute fast 100 000 Anhänger. Im Juni 2016 wollten 68% der Franzosen, dass er anstelle von Hollande kandidiert. Die Medien füllten ihre Feuilletons diesen Sommer mit Zeichnungen des 'Minister Brutus', der dem Präsidenten in den Rücken fällt. Die Melodie des unwürdigen Sohns, dem Hollande alles beigebracht hat, wird zur Tonspur der französischen Politik. Bis Macron 'den Vater tötete', indem er von seinem Posten als Minister für Wirtschaft, Industrie und Digitalisierung am 30. August zurücktrat. 

Das Kapitel ist abgeschlossen, aber das Phänomen bleibt. Emmanuel zeigt sich Arm in Arm mit seiner Ehefrau Brigitte in allen Zeitungen, macht eine Tour de France in einem Bus und wiederholt, dass er der Einzige sei, der zwei politische Richtungen, die sich unbedingt zusammenschließen müssen, auch zusammenbringen kann: die Rechte und die Linke. Magazine lieben ihn. Er ist 38 Jahre alt, hat den Look des perfekten Schwiegersohns, ist nicht mit der Politik aufgewachsen und redet von Frankreich mit einer angenehmen Leichtigkeit. In den Kolumnen spricht man schon von der 'Generation Macron', weil En marche auch die desillusionierte Jugend mitgerissen haben soll. Es gab hunderte Titelblätter und tausende Artikel - allerdings ohne einen konkreten Vorschlag.

Alles schien bereit zu stehen, damit sich der junge Politiker, dem extra Platz gemacht wurde, auch entfalten kann. Aber die Welt hat sich verändert. In den USA wurde Donald Trump zum Präsidenten gewählt und in Frankreich hat die Vorwahl der Rechten und Zentralisten beängstigende Themen wie Sicherheit und Immigration in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Es handelt sich um ernste und belastende Themen, die auch auf Glanzpapier nur schwierig zum Glänzen gebracht werden können. Mit seinem Bus und seinem Aussehen aus guter Familie macht Emmanuel Macron plötzlich nicht mehr den Unterschied. Schlimmer noch, er ist für viele mittlerweile „eine Karavane der Gemeinplätze in einer Ideenwüste.

Man braucht nur einen Blick auf die sozialen Medien zu werfen (früher doch so tolerant), um zu sehen, dass der Jungspunt, der über die Zukunft des Landes zu entscheiden schien, beim Publikum in Ungnade gefallen ist: ein Geschäftsbänker, Vertreter der Elite, der nur noch Sneakers-tragenden Start-Up-Gründern gefällt. Sechs Monate nach Gründung seiner Bewegung misstraut die Welt allem und jedem: den Politikern, den Institutionen, den Umfragen und den Medien, die über Emmanuel Macrons Kandidatur gestolpert sind. Der jüngste der Kandidaten muss noch überzeugen, indem er ein echtes Programm auf die Beine stellt und beweist, dass er nicht nur eine Bewegung verkörpert, die sich nach dem Wind dreht.