Emel Mathlouthi: Stimme der Jasmin-Revolution

Artikel veröffentlicht am 16. Februar 2012
Artikel veröffentlicht am 16. Februar 2012
Eine wütende Schönheit: Jahrelang sang Emel Mathlouthi gegen die Ungerechtigkeit in ihrem Heimatland Tunesien an - eine Mischung aus Melancholie und Aktivismus. In Frankreich, wo sie heute lebt, ist gerade ihr neues Album erschienen. Bald wird sie auf Welttournee gehen - für mindestens ein Jahr. Wir haben sie vor ihrer Abreise getroffen.

"Wir sind freie Menschen, die keine Angst haben. Wir sind die Geheimnisse, die niemals sterben werden. Wir sind die, die Widerstand leisten, wir sind die Stimme". Zum ersten Mal sang Emel Mathlouthi das Lied « Kelmti Horra » ("Meine Worte sind frei") 2007 bei einem afrikanischen Kulturvestival in Frankreich. Vier Jahre später wurde es zur Hymne der tunesischen Revolution. Der Sturz des Diktators Ben Ali wurde von Jubel begleitet - und Emel Mathlouthi.

cafebabel.com: Dein Lied «  Kelmti Horra » ist schon vier Jahre alt. Damals schien eine Revolution in Tunesien undenkbar. Wie kamst du auf den Text?

Emel Mathlouthi: Ein Freund hat das Lied 2007 geschrieben. Es war ein Geschenk an mich und ich widme es nicht nur Tunesien, sondern allen unterdrückten Völkern. Der Text war sehr ernst. Also habe ich eine fröhliche Melodie geschrieben, um das auszugleichen. Dieses Lied repräsentiert mich: In meinem Land war ich immer eine Unterdrückte. Als ich jung war, wollte ich frei sein - aber das ging nicht. Trotzdem wollte ich nicht passiv sein, aufgeben. Singen war die einzige Möglichkeit, mich auszudrücken.

cafebabel.com: War es unter Ben Ali schwer, als Künstlerin zu arbeiten?

Emel Mathlouthi: Natürlich. Ich stieß bald an meine Grenzen. Man hat mir nie verboten aufzutreten - ich konnte es mir einfach nicht leisten, als Sängerin zu arbeiten. Und die Regierung unterstützte nur Musiker, die auch sie unterstützen. Niemand buchte mich, in einigen Konzertsälen durfte ich nicht auftreten. Ich hatte nicht nicht einmal einen Manager.

cafebabel.com: Und jetzt bist du das Gesicht der Revolution.

Emel Mathlouthi: Ein bisschen. Als die Proteste losgingen, war ich sofort mit meiner ganzen Band da.  Meine Fanseite bei facebook wurde gelöscht, obwohl 30.000 Menschen meine Nachrichten verfolgten. Meine Lieder durften nicht mehr im Radio gespielt werden. Doch ich wusste: Das ist es wert. Tunesien wird sich verändern.  Ich habe mich entschlossen, die Bewegung zu unterstützen, indem ich ihnen ein Konzert in Sfax [zweitgrößte Stadt und wirtschaftliches Zentrum Tunesiens; A.d.R.] widme. Da war Mohamed Bouazizi gerade mal eine Woche tot.

Februar 2012

cafebabel.com: Hattest du keine Angst?

Emel Mathlouthi: Alle waren skeptisch, aber ich erinnere mich, dass ich sehr heiter war. Ich habe an meinen Texten gearbeitet, ich wollte dafür kämpfen, dass mein Volk endlich frei ist. Ich habe nicht darüber nachgedacht. Ich habe immer rebelliert - für mich war das wichtig. Ich war angewidert. Vom Fernsehprogramm, von den Nachrichten. Die Regierung wollte uns weismachen, dass wir in einem schönen Land leben. Ich hätte kotzen können, jedes Mal wenn ich das sah. Gleichzeitig hatten wir Angst davor, einem Polizisten auf der Straße zu begegnen. Dieser Gegensatz zwischen Fernsehwelt und Wirklichkeit - das ist eine Schande.

cafebabel.com: Nach dem Konzert bist du nach Frankreich zurückgekehrt. Warum? 

Emel Mathlouthi: Ich musste weiter an meinem Album arbeiten, das jetzt herausgekommen ist. Es ist das Album meines Lebens. Ich habe etwas Neues versucht und mich vom Trip-Hop beeinflussen lassen. Und ich habe versucht, Tunesiens Geschichte in meine Texte einzuflechten. Alles musste ganz schnell gehen, denn meine Lieder sollten den Demonstranten Kraft geben. Ein Wettlauf gegen die Zeit.

cafebabel.com: Wie hast du die Ereignisse von Frankreich aus erlebt?

"In der Kunst gibt es keine Gerechtigkeit. Und es ist auch nicht ihre Aufgabe, Gerechtigkeit zu schaffen."

Emel Mathlouthi: Ich war schockiert - besonders von der Politik.Frédéric Mitterrand [französischer Kulturminister], Michèle Alliot-Marie [bis Februar 2011 Außenministerin Frankreichs; A.d.R.]... als Revolution war, haben plötzlich alle ihre Meinung geändert. Ich habe versucht, meine Bekanntheit zu nutzen, um über die Massaker in Tunesien zu sprechen. Denn die französischen Medien sind mächtig, sie können Druck auf die derzeitige Regierung ausüben. Gemeinsam mit Action Tunisienne habe ich ein Benefizkonzert organisiert. Kaum ein französischer Künstler nahm daran teil. Nach Fukushima war das anders. Da habe ich verstanden, was die Menschen wirklich berührt.

cafebabel.com: Ist es die Pflicht eines Künstlers, sich einzusetzen?

Emel Mathlouthi: In der Kunst gibt es keine Gerechtigkeit. Und es ist auch nicht ihre Aufgabe, Gerechtigkeit zu schaffen. Aber meine Musik erlaubt mir, Menschen zu helfen, so gut ich es eben kann. Ich berühre sie. Darum glaube ich, dass meine Botschaft universell ist - sie gilt nicht nur für Tunesien.  Überall werden Menschenrechte mit Füßen getreten. Ich bin jetzt dreißig Jahre alt, aber ich bin nicht weniger schockiert.

cafebabel.com: Was hältst du von Ennahda, der islamistischen Partei, die in Tunesien stärkste Kraft geworden ist?

Emel Mathlouthi: Es  war nichts anderes zu erwarten. Immer wenn ein Land in der Krise steckt, tauchen solche Gruppen auf. Jetzt muss man sehen, ob sie es schaffen unsere Wirtschaft zu retten. Wenn du mich fragst: Die Religion hat den Hunger des Volkes nie gestillt. Und Tunesien war immer ein offenes Land. Auch wenn Kirche und Religion nicht getrennt sind. 

cafebabel.com: Dein neues Album ist draußen, deine Tournee beginnt bald und die Medien reißen sich um dich. Verspürst du eine Art Genugtuung?

Emel Mathlouthi: Ja, das ist meine Revanche und ich habe hart darum gekämpft. Auf Tunesisch zu singen ist nicht immer leicht. Und noch zudem bin ich eine Frau. Es ist nicht immer einfach seine Musiker unter Kontrolle zu halten. Doch ich bin stolz auf unser Projekt. Manchmal habe ich das Gefühl, dass mich ein innerer Dämon antreibt.

Mehr über Emel Mathlouthi erfahrt ihr im Paris-Blog von cafebabel.com.

(Fotos: Großes Bild und mit Pinsel ©lbimAzza Béji & Gaith Arfaoui; Konzertfoto ©Tao Zemzemi; Albumcover ©Facebookfanpage von d'Emel Mathlouthi; Video (cc)linguisticmed/YouTube