Eloïse Bouton: Einmal Femen, immer Feministin

Artikel veröffentlicht am 28. Februar 2015
Artikel veröffentlicht am 28. Februar 2015

Mit oder ohne T-Shirt - dem Feminismus hat sich Eloïse Bouton mit Leib und Seele verschrieben. Anlässlich der Veröffentlichung ihres Buches „Bekenntnis einer Ex-Femen“ (frz. Originaltitel: Confession d’une ex-Femen), lässt sie ihre Karriere als Aktivistin Revue passieren, vom Spielplatz bis auf die Anklagebank. 

„Hast du die letzte Bart-Aktion mitbekommen? Da haben wir einen wunden Punkt getroffen.“ Eloïse Bouton spricht offenherzig und frei heraus. Die etwa 30-Jährige mit den rotlackierten Fingernägeln sitzt an einem Tisch im Café Maroquinerie in Paris und freut sich über die letzte öffentlichkeitswirksame Aktion der feministischen Gruppierung. Am 10. Februar 2015 war etwa ein Dutzend Frauen mit angeklebten falschen Bärten in eine Wirtschaftskonferenz geplatzt, die in den Räumen der Tageszeitung Le Monde organisiert worden war. Sie wollten die männliche Überrepräsentation anprangern: 16 der 17 eingeladenen Redner waren Männer. „Genau dieser symbolische Aspekt hat mir anfangs an Femen gefallen“, bemerkt die Journalistin. In Frankreich wurde sie 2012 zwar ohne falschen Bart, dafür aber vor allem ohne T-Shirt bekannt, an der Seite der Femen-Aktivistinnen, die aus der Ukraine gekommen waren, um die Frauen zu befreien.

Nach den Schlagzeilen

Wie es Eloïse versprochen hatte, herrscht an diesem Montagabend eine angenehme Stille in der Maroquinerie. Abseits vom Trubel ihres zweijährigen barbusigen Aktivismus schlürft die Rothaarige im fast leeren Café ruhig ihr Bier. Nach der Veröffentlichung ihres Buches Bekenntnisse einer Ex-Femen, scheint sie dieses Kapitel endgültig abgeschlossen zu haben. „Darf ich eine qualmen?“, fragt Bouton, die nie um Erlaubnis gebeten hatte, ihr Oberteil mitten in Paris fallen zu lassen, inmitten einer Versammlung von Civitas-Anhängern oder in einer Kirche.

„Einen Moment lang habe ich mich geschämt“, gibt sie zu, als die Rede auf ihre erste Oben-Ohne-Aktion kommt, die anlässlich der Olympischen Spiele in London stattfand. Trotz ihres weiten blauen Pullovers, der ihre Tätowierungen verbirgt, ist Eloïse jedoch nicht plötzlich schüchtern geworden. Die Rückeroberung des Frauenkörpers, der für gewöhnlich als Marketing- und Unterordnungswerkzeug verwendet wird, um daraus eine völlig gegenteilige Botschaft zu formulieren, findet sie nach wie vor „genial“. Wie um diejenigen zu beschwichtigen, die die Politik der Nacktheit schockiert, betont sie, dass es ihr sogar schwerfällt, oben ohne an den Strand zu gehen: „Ich bin keine Exhibitionistin.“ Eine Anspielung auf den Strafgerichtshof, der sie wegen ebendieses Motivs im Dezember des Vorjahres zu einer Bewährungsstrafe von einem Monat, einer Geldstrafe von 1.500 Euro und einer Schadenersatzzahlung von 2.000 Euro an den Priester der Pfarrkirche La Madeleine in Paris verurteilt hatte. Zu dem Fall kam es am 20. Dezember 2013: Aus Protest gegen die Politik von Mariano Rajoy, der in Spanien den Zugang zur Abtreibung verschärfen wollte, hatte Eloïse die Kirche betreten, ausgerüstet mit zwei Kalbslebern, um die Abtreibung Jesu nachzustellen.

Trotz dieses Urteils und ihres Austritts aus Femen vor einem Jahr bereut Eloïse diese Aktion nicht. „Ich bin in Berufung gegeangen. Wenn das nicht durchgeht, gibt es das Kassationsgericht. Und wenn das auch nicht funktioniert, gibt es immer noch den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte und ich bezweifle, dass ich dort nicht Recht bekomme“, erklärt sie heiter. „Auch wenn sich das wohl 10 Jahre hinziehen wird, kann ich so vielleicht etwas bewegen“, sagte sie und zieht an ihrer elektronischen Zigarette.

Eine literarische Ohrfeige

Zehn Jahre. Eloïse, die von sich behauptet, „schon immer Feministin“ gewesen zu sein, kann es damit aufnehmen: Bereits als sie kleines Mädchen, stellte sie fest, dass sie anders behandelt wird als ihr Bruder, musste sich Bemerkungen über ihre Kleidung oder ihre tiefe Stimme anhören und immer war sie es, die ihre Freundinnen verteidigt, erzählt Bouton. Die junge Eloïse hat den Eindruck, dass Mädchen „Projektionsfläche für Kommentare“ sind. Ein Gefühl, das sie im Gymnasium intellektuell füllt, vor allem dank der Literatur.

Es überrascht nicht, dass die ersten Bücher ihrer Bibliothek von Violette Leduc und Simone de Beauvoir stammen. Mehr als Das andere Geschlecht schätzt sie Sie kam und blieb (L’invitée), Beauvoirs ersten Roman, in dem sie die Intimität ihrer Beziehung mit Jean-Paul Sartre offen darstellt. „Ich hatte noch nie zuvor eine Frau gelesen, die so offen über ihre Sexualität spricht“, erinnert sie sich. Dann finden auch die Werke von schwarzen Feministinnen wie Bell Hooks oder Kimberlé Crenshaw den Weg in ihr Buchregal, die über Intersektionalität schreiben – eine Theoretisierung der Tatsache, dass sich verschiedene Formen von Diskriminierung addieren. „Da hat es Klick gemacht!“ Ein Klick, der einer Ohrfeige ähnelt und eine solche Kraft hat, dass sie sich auf afro-amerikanische Protestbewegungen spezialisiert, eine Arbeit über die Rolle der Frauen in der Hip Hop-Szene schreibt, für ihr Studium nach New York zieht und beginnt, sich für LGBT-Rechte zu engagieren.

Einmal Femen, immer Feministin

Wieder zurück in Paris sucht sie ihre politische Heimat. Sie zögert erst, den Grünen beizutreten, und verwirft die Sozialistische Partei Frankreichs, weil dort keine Parität herrscht. Schließlich nimmt sie an einigen Sitzungen der Initiative Ni Putes Ni Soumises (Weder Huren noch Unterwürfige) teil, macht Station beim Verein Osez le Féminisme! (Wagt den Feminismus!) und bleibt zwei Jahre bei der feministischen Gruppe La Barbe (Der Bart). „Ich brauchte radikalere Sachen“, erinnert sie sich. Das ist es, was sie am Ende bei den Femen zu finden glaubt. Aber die Flitterwochen währen nicht lange. „Wir verbringen ganze Tage zusammen, wissen aber so gut wie nichts voneinander“, resümiert sie und spießt eine Olive auf. Die „militärischen“ Trainings der Aktivistinnen gefallen Eloïse, die sich selbst und ihren Charakter als „wildes Kins auf seinem Felsen“ beschreibt, genauso wenig. Eines Morgens im Jahr 2013 verbreitet sich ein Gerücht im Netz: Eloïse sei tagsüber Femen und nachts Eskortgirl, heißt es. Von ihrer feministischen Organisation, die sich vehement gegen Prostitution ausspricht, erfährt sie keine Unterstützung. Ein paar Monate später beschuldigen sie die Femen zu Unrecht, der ‚Maulwurf‘ gewesen zu sein, die sich der Zeitung Le Figaro anvertraut hatte. Gekränkt verlässt sie die Bewegung schließlich im Februar 2014 und schreibt unmittelbar danach ihr Bekenntnis einer Ex-Femen, eher zur „Therapie“ als aus Rache.

Ihre Wut  hebt sie sich für alltägliche Diskriminierungen auf. Was beispielsweise ihre Arbeit als Journalistin betrifft, wird sie den „feministischen“ Stempel nicht los. Als sie bei Femen war, konnte die freiberufliche Journalistin ihre Artikel plötzlich nicht mehr verkaufen. Wenn sie heute zu Themen wie Frauen oder Gender schreibt, wird ihre Objektivität grundsätzlich immer in Frage gestellt, da sie nach wie vor temporär bestimmte Vereine unterstützt. „Was man heute als Objektivität bezeichnet, ist die Ansicht eines fünfzigjährigen Weißen Mannes“, entgegnet sie.

Und als wäre das schon nicht genug... „Neulich war ich mit Freunden Abendessen. Meine Freundinnen sind überqualifiziert und haben es echt schwer auf dem Arbeitsmarkt. Den anwesenden Männer hingegen, selbst denen ohne Abitur, ergeht es weniger schlecht.“ Zufall? Daran glaubt sie nicht. Die Liste der Themen, die ihre grünen Augen verdunkeln, enthält auch: „Männer, die nicht zugeben, dass sie privilegiert sind, sexuelle Belästigung auf der Straße - Oh, und natürlich die Lohnunterschiede!“

„Wir könnten stundenlang über all das reden“, fasst sie zusammen und bestellt noch ein Bier.