Elisabeth Badinter: „Es braucht seine Zeit, um ein Mann zu werden“

Artikel veröffentlicht am 24. Oktober 2007
Artikel veröffentlicht am 24. Oktober 2007

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Elisabeth Badinter, Feministin, Philosophin und Mutter von drei Kindern, hat 2003 in Frankreich großes Aufsehen mit ihrem Werk Die Wiederentdeckung der Gleichheit erregt. Interview.

Der neue Macho ist eine sie! Unreife Männer, die sich angesichts siegessicherer Amazonen oder kinderloser Frauen in den Dreißigern vor ihrer Verantwortung drücken, zeigen, dass Mann und Frau seit der feministischen Revolution der siebziger Jahre noch immer keinen Frieden gefunden haben. Militante Anhängerin der ersten Stunde, Schriftstellerin und Doktorin der Philosophie: Elisabeth Badinter zögert nicht, der aktuell vorherrschenden Meinung in puncto Geschlechterkampf zu widersprechen. Nachdem sie den Mutterinstinkt in Frage gestellt und schwangere Männer prophezeit hatte, greift sie nun die feministische Ideologie an, in der Frauen laut Badinter in einer Opferrolle verharren.

Die Männer von heute scheinen verloren, festgefahren in einer Identitätskrise zwischen den täglichen Reibereien und chronischer Unreife. Haben 30 Jahre Feminismus sie vielleicht kastriert?

Die feministische Bewegung ist die einzige unblutige Revolution des zwanzigsten Jahrhunderts. Das soll aber nicht heißen, dass dieser Prozess problemlos verlief beziehungsweise keine Opfer gefordert hat. Warum leiden heute viele Männer am "Peter Pan-Syndrom"? Sie tragen das unbewusste schlechte Gewissen ihrer Vorfahren in sich und werden ständig angeklagt. Ein Beispiel: die Untersuchung über misshandelte Frauen, die jedes Jahr am 10. März veröffentlicht wird, sagt aus, dass jede zehnte Frau Opfer ehelicher Gewalt wird. Das ist eine beschämende Interpretation der Statistiken. Man strickt sich hier ein negatives Bild der Männer zusammen. Da bin ich nicht überrascht, dass die Männer davonlaufen. Die radikale feministische Strömung in den USA - die ich ablehne - neigt dazu, in einer karikaturistischen Botschaft Männer zu verteufeln und Frauen als Opfer darzustellen. Es sind aber wirklich nur wenige Männer echte Schweinehunde. Ob gewollt oder nicht: diese Einstellung hat zu einer Kastrierung der Männer geführt.

Sie sprechen von einer "Domestizierung der Sexualität durch eine neue feministische Moralordnung". Aber die Banalisierung der Pornographie und das herabwürdigende Bild der Frau, auf das diese Ordnung verweist, steht doch im Gegensatz zu dieser Idee?

Pornographie ist immer kriminell, wenn sie mit Minderjährigen in Kontakt kommt. Für Erwachsene ein Spiel, kann Porno schnell zum sexuellen Vorbild für Jüngere werden. Und das ist nicht akzeptabel. Ansonsten sollte man nicht zu scharf zensieren: nicht nur Männer sehen sich Pornographie an. Ich denke, dass sich viele Frauen in der traditionellen Rolle wiederfinden, die darin besteht, die übertriebene Dominanz der Männer zu akzeptieren. Hätten wir sie sonst nicht nötig, wenn diese archaische Rollenverteilung nicht in gewisser Hinsicht unsere Sexualität befriedigen würde? Hier wäre übrigens die Gelegenheit, sich über den weiblichen Masochismus Gedanken zu machen. Er bleibt ein wichtiger sexueller Antrieb.

Sie sagen, dass es keine männliche Dominanz gibt, sondern dass vielmehr den Frauen der Wille fehle, ihre Autonomie zu bekräftigen.

Es gibt eine männliche, aber auch eine weibliche Dominanz. Ich bin erstaunt über die massive Ablehnung der traditionellen weiblichen Gleichberechtigung seitens der jungen Frauen von heute. Ein Teil von ihnen wünscht sich vielleicht Egalität, während die anderen das vorherige Schema beibehalten möchte, das offensichtlich seine Vorteile hat, vor allem, weil es klare Identitäten definiert. Wie kommt es, dass immer noch 80 Prozent von ihnen den Haushalt schmeißen, wenn es sich nicht in gewisser Weise um eine Form von Machtausübung handeln würde? Warum wollen immer mehr gut ausgebildete und brillante Frauen zu Hause bleiben und sich um ihre Familie kümmern?

Selbst Männer, die von Feministinnen großgezogen wurden, machen nur selten begeistert mit.

Das gesamte Problem der Geschlechterdifferenz in Beruf und Politik rührt tatsächlich aus diesem Ungleichgewicht im Privatleben. Es stimmt, dass viele Männer ihren Anteil nicht übernehmen - eine gewisse Art des Widerstandes gegen die allgegenwärtige Männerfeindlichkeit. Es gibt jedoch einen bedeutenden Unterschied zu den fünfziger Jahren, in denen sie keinen Finger rührten. Die wirkliche Gleichberechtigung ist eine Form der Mitverantwortung. Die Lage verbessert sich zunehmend. Auch wenn sie noch weit davon entfernt ist, zufriedenzustellen: es wird immer Schweinehunde und Egoisten geben. Es braucht seine Zeit, um ein Mann zu werden. Das geschieht im Übrigen zunehmend später: erst mit 35 bis 40 Jahren werden Jungen zu Männern.

In XY sagten Sie voraus, dass Männer und Frauen "Zwillinge unterschiedlichen Geschlechts" werden würden. Man hat aber eher das Gefühl, dass es niemals so viel Barrieren zwischen den Geschlechtern gab wie heute.

Man kann die Frage nach der männlichen Identität nicht angehen, ohne große Frustrationen und Verwirrung zu erzeugen. Frauen haben Männern schon immer Angst gemacht, vor allem in sexueller Hinsicht. Früher aber schienen Männer solide, hart, robust zu sein. Ein archaisches Modell der Macht, vor dem sich Mädchen auf ihre Rollen als arme Kreaturen beschränkten. Davon träumten, eine Familie zu gründen. Heute erobern sich Frauen andere Domänen und sind selbstsicher: sie haben letztendlich gleichzeitig die Macht, Leben zu schenken und die Möglichkeit, finanziell und beruflich im Leben ‚draußen’ etwas zu leisten. Was bleibt da dem Mann? Es wird wohl noch ein gutes halbes Jahrhundert dauern, bis die Anpassung vollzogen ist.