El Chorro: Klettern wie Gott in Spanien

Artikel veröffentlicht am 20. Januar 2010
Artikel veröffentlicht am 20. Januar 2010
Ein beliebter Treffpunkt für Kletterfans aus ganz Europa und einer der besten Plätze, um auch in der Wintersaison zu klettern, befindet sich im Süden Spaniens: El Chorro oder auch das Hippie-Rendezvous mitten in der Wüste Andalusiens. Entdeckungsreise.

El Chorro. 36°49′27.804” nördlicher Breite; 4°42′21.816” westlicher Länge. Eine doppelte Reihe Vans zieht sich entlang der einzigen Straße des Dorfes. Die Nummernschilder verraten die Herkunft der Besucher: Dänemark, Deutschland, England, Frankreich. Wenn man am Abend hier ankommt, findet man schnell Gleichgesinnte. Zum Beispiel in einer Berghütte, die gleichzeitig El Chorros einzige Bar ist. Am Eingang heißt ein Papagei die Reisenden willkommen. An den Wänden um seinen Käfig herum sind einige Poster angebracht. Sie zeigen Kletterstars und sind mit der Zeit vergilbt. Das Stimmengewirr lädt zum Eintreten ein und in internationalem Englisch berichtet jeder von seinem Tag. Ein Gitarrist, unterstützt von einer wilden Djembe-Begleitung, liefert die richtige Stimmung. Im Flamenco-Stil klatscht jeder in die Hände. Von seinem Publikum angefeuert bewegen sich die Dreadlocks des Musikers bald so schnell wie seine linke Hand auf den Saiten.

Andrés, der Älteste hier, hat in einer Ecke des Raumes ein anziehendes Lächeln aufgesetzt. Eine Unterhaltung mit ihm kommt einer kleinen Entdeckungsreise des El Chorro gleich, bevor man überhaupt einen Fuß dorthin gesetzt hat. Auf einem Stuhl sitzend, mit einem Stock in der Hand und mit zwei Stängeln Rosmarin in der Hemdtasche, erzählt der Mann jedem, der es hören möchte, die sechzig Jahre seines Lebens, die er in den Höhlen des Geländes erlebt hat. „Wir hatten sogar Fernsehen“, betont er stolz, nachdem er von seiner Viehherde in den Bergen berichtet hat. Beim Erkunden des Weges, der an den in die Hügel gepflanzten Häusern entlangführt, kann man Andrés Geschichten Revue passieren lassen.

Das Klappern der Karabiner

Die Behausungen der Höhlenbewohner wurden von den ersten Ankömmlingen im Laufe der Jahre eingerichtet. Wegen des Funkelns der kleinen Spiegel, die die Türen umrahmen, bröckeln die Mauern langsam vom Felsgestein ab. Auf der Terrasse bezeugen einige Bierflaschen des Vorabends die kurzlebige Nutzung der Orte. Einzelne bunte Kleidungsstücke trocknen in der Sonne. Einige Kletterer, die etwas länger hier sind, bauen in den Gärten Gemüse an. Zu dieser Jahreszeit sind alle eingerichteten Höhlen belegt. Die Berichte aus der Berghütte locken die Abenteuerlustigen, sich dem berühmten und mittlerweile gesperrten Königspfad (Caminito del Rey) zu widmen, den Namensgeber König Alfonso XIII 1921 für die Einweihung eines Staudamms nutzte. Das Geklapper der Karabiner, das in den Felsschluchten ertönt, erzählt von großen und kleinen Heldentaten.

Die ersten drei Kilometer des Caminito del Rey wurden zu Beginn des letzten Jahrhunderts (1901 bis 1905) konstruiert, um die Wasserversorgung von Málaga aus zu ermöglichen, das 50 Kilometer südlich von El Chorro liegt. Doch aufgrund zahlreicher Unfälle unvorsichtigerer Kletterer wurde der Weg Anfang des Jahres 2000 geschlossen und teilweise abgebaut. Die Fußgängerbrücke ist mit Löchern übersät, die die große Leere unterhalb der Brücke erahnen lassen. Auf dem Weg erscheint ein Zelt wie eingenistet in eine Mondlandschaft. Und plötzlich, ein donnerndes Geräusch. Der Zug nach Málaga stürzt blitzschnell durch die Felsschluchten. Am Ende des Weges wartet ein beeindruckender Ausblick über eine grünende Graslandschaft. Egoistisch versuchen die Felsschluchten dem Dorf diesen Blick vorzuenthalten. In der Mitte steht verlassen ein Schäferstall aus Stein. Wer konnte dort einst leben? Ein Freund von Andrés vielleicht? Provokative Graffitis haben dort längst jegliches landwirtschaftliche Leben ersetzt.

Das Klettern stellt im El Chorro einen Vorwand dar, um sich zu amüsieren, zu singen, zusammen zu kommen und um Erlebnisse zu teilen. Klettern ist hier nur eine Ausrede, um am untersten Ende Europas eine andere Lebensweise auszutesten. Ein Leben, in dem man klettert, um dieses undefinierbare Gefühl von „Freiheit“ zu erleben. 

Fotos: omad/flickr; shwechen/flickr; gabirulo/flickr