Einzelgänger: Katalonen und Schotten

Artikel veröffentlicht am 7. Januar 2014
Artikel veröffentlicht am 7. Januar 2014

Wäh­rend die Schot­ten über ihre Un­ab­hän­gig­keit vom Ver­ei­nig­ten Kö­nig­reich in diesem Jahr ab­stim­men werden, er­lebt Spa­ni­en einen Still­stand in der Un­ab­hän­gig­keits­fra­ge. Die Span­nung zwi­schen der ka­ta­lo­ni­schen Zi­vil­be­völ­ke­rung und einer un­nach­gie­bi­gen spa­ni­schen Re­gie­rung wächst. Viele Ka­ta­lo­nen wol­len ihre Sou­ve­rä­ni­tät.

Am 18. Sep­tem­ber des nächs­ten Jah­res wer­den fünf Mil­lio­nen Schot­ten den Gang zur Urne an­tre­ten, um auf eine ein­fache Frage zu ant­wor­ten: „Soll­te Schott­land ein un­ab­hän­gi­ger Staat sein?". Und das ist keine Frage von ge­rin­ger Be­deu­tung, denn in jedem Fall wird das Er­geb­nis der Ab­stim­mung die Ge­schich­te des Lan­des ent­schei­dend prä­gen. We­ni­ger als ein Jahr vor dem Wahl­tag sind die Wahl­wet­ten noch wenig be­last­bar, aber beide Sei­ten be­hal­ten ge­gen­sei­ti­gen Re­spekt für ihre Po­si­tio­nen. Bis­her gilt das selbst auf­er­leg­te Fair Play zwi­schen Schott­land und dem Ver­ei­nig­tes Kö­nig­reich. Das er­mög­licht eine be­son­ne­ne und ra­tio­na­le De­bat­te. Viele sind daher zu­ver­sicht­lich, dass un­ab­hän­gig vom Wahl­aus­gang beide Par­tei­en das Er­geb­nis ak­zep­tie­ren wer­den. Dies wäre ein Zei­chen für eine gut funk­tio­nie­ren­de De­mo­kra­tie auf beiden Seiten. Im Fall der Un­ab­hän­gig­keit müss­ten die Kon­di­tio­nen al­ler­dings bei­dsei­tig noch ge­klärt wer­den. Eng­land scheint hier am län­ge­ren Hebel zu sit­zen.

Am an­de­ren Ufer des Är­mel­ka­nals in Ka­ta­lo­ni­en reich­ten sich am 11. Sep­te­me­ber 2013 Hun­dert­tau­sen­de Bür­ger die Hände zu einer 400 Ki­lo­me­ter lan­gen Kette, um ihre Un­ab­hän­gig­keit ein­zu­for­dern. Aber ab­ge­se­hen vom Wil­len zur Au­to­no­mie haben die zwei alten eu­ro­päi­schen Un­ab­hän­gig­keits­be­we­gun­gen in Schott­land und Ka­ta­lo­ni­en aber wenig ge­mein­sam.

Schon lange sträu­ben sich spa­ni­sche Re­gie­run­gen gegen den Ruf nach einem mul­ti­eth­ni­schen Staat und damit gegen die so­ge­nann­te Vía Ca­ta­la­na. Wäh­rend das Ver­ei­nig­te Kö­nig­reich sich selbst seit dem Act of Union als „die Na­ti­on unter den Na­tio­nen" an­er­kannte, ver­zich­te­te Spa­ni­en auf den Wunsch einen, auf Kas­ti­li­en aus­ge­rich­te­ten Zen­tral­staat auf Kos­ten der rest­li­chen Na­tio­nen der Halb­in­sel zu er­schaf­fen. So las­sen sich die un­ter­schied­li­chen Sicht­wei­sen in Spa­ni­en er­klä­ren, die letz­lich ein Pro­blem der ge­gen­sei­ti­gen An­er­ken­nung und des man­geln­den po­li­ti­schen Wil­lens von bei­den Sei­ten sind.

Eng­land kann ohne Schott­land fort­be­ste­hen

Spa­ni­en kann nicht ohne Ka­ta­lo­ni­en als star­ke in­dus­tri­el­le Kraft aus­kom­men. Um­ge­kehrt war Ka­ta­lo­ni­en auch immer auf die wirt­schaft­li­che Macht Spa­ni­ens an­ge­wie­sen. An­ders als im spa­ni­schen Fall kann Eng­land sich vor­stel­len ohne Schott­land als Na­ti­on fort­zu­be­ste­hen. 

Un­ter­des­sen hat das Ver­ei­nig­te Kö­nig­reich be­schlos­sen, das Re­fe­ren­dum zu ak­zep­tie­ren, ob­wohl es gegen einen Aus­tritt Schott­lands ist. Die spa­ni­sche Re­gie­rung hin­ge­gen igno­riert das Be­mü­hen der Ka­ta­lo­ni­er und be­ob­ach­tet sto­isch wie tag­täg­lich die Zahl der Be­für­wor­ter der Tren­nung wächst. Mehr noch, indem Spa­ni­en eine Ab­stim­mung ab­lehnt, ver­baut es sich die Mög­lich­keit die Be­völ­ke­rung für ein „Nein" zu mo­bi­li­sie­ren. Die Un­ab­hän­gig­keits­be­we­gung wird so immer stär­ker. Die Zu­stim­mungs­wer­te für die Au­to­no­mie stie­gen von 25% auf fast 50% in den letz­ten zwei Jah­ren.

An­de­rer­seits ero­die­ren durch die po­li­ti­sche und wirt­schaft­li­che Krise die au­to­no­men In­sti­tu­tio­nen in Ka­ta­lo­ni­en. Die spa­ni­sche Re­gie­rung gießt durch die Zu­schüs­se für das Zen­tra­li­sie­rungs­ge­set­z und durch mehr Kür­zun­gen in den be­reits ma­ge­ren ka­ta­la­ni­schen Kas­sen mehr Öl ins Feuer. Der per­man­tente fi­nan­zi­el­le Nach­teil - ver­schlim­mert durch die Wirtschaftskri­se - gibt genug An­lass noch ver­bis­se­ner für die Un­ab­hän­gig­keit ein­zu­ste­hen. Auch die junge Ge­ne­ra­ti­on hat sich ebenf­alls der Tran­si­ti­on ver­schrie­ben. 

Ka­ta­la­ni­sche Be­völ­ke­rung will Un­ab­hän­gig­keit

Wäh­rend die Un­ter­stüt­zung für die Un­ab­hän­gig­keit in­ner­halb der Be­völ­ke­rung wächst, ent­fernt sich die ka­ta­la­ni­sche Ge­sell­schaft immer wei­ter vom Rest der Spa­ni­ens. Damit sind die Hand­lungs­frei­hei­ten von Po­li­ti­kern bei­der Sei­ten ein­schränkt. In Spa­nien kann nur ge­mein­sam ein Weg zu einer neuen Ver­fas­sung ge­eb­net wer­denEine eif­ri­ge, ka­ta­la­ni­sche Zi­vil­ge­sell­schaft drängt die spa­ni­sche Re­gie­rung zu einem Re­fe­ren­dum über die Un­ab­hän­gig­keit.