Einwandern à la Amerika: Blue Card für Europa?

Artikel veröffentlicht am 22. Oktober 2007
Artikel veröffentlicht am 22. Oktober 2007

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Am 23. Oktober wird EU-Kommissar Franco Frattini seine Vorschläge für eine "Blue Card" in Anlehnung an die "Green Card" der USA vorstellen.

"Ich glaube, dass die Einwanderer, die nach Europa kommen, weder Quelle des Wohlstands noch lediglich Arbeitskräfte sein wollen", bekräftigt Yasser Boubekri. Er ist Koordinator des Nationalen Kollektivs zur Untertützung von Bürgerrecht und Demokratie (Colectivo Nacional de Apoyo a la Ciudadanía y la Democracia) in der marokkanischen Stadt Tétouan. Boubekri bezieht sich dabei auf die Zustimmung des Europaparlaments zur Vergabe der Blue Card an Einwanderer, die über dringend benötigte Qualifikationsprofile verfügen.

Der Regulierungswut ein Ende setzen

Die Pläne für die Einführung einer Blue Card, mit der ein Nicht-EU-Bürger zwei Jahre lang in einem europäischen Mitgliedsstaat arbeiten könnte, erinnern an die Richtlinien der Green Card der Vereinigten Staaten. Nach dem Ablauf des befristeten Vertrags wäre der qualifizierte Einwanderer berechtigt, in ein anderes Mitgliedsland umzuziehen. Die Absicht dahinter: qualifizierte Fachkräfte nach Europa locken.

Laut Berechnungen des Statistischen Amts der Europäischen Union Eurostat nämlich bleiben allein im Informations- und Telekommunikationssektor der EU ungefähr 300.000 Stellen wegen Fachkräftemangel unbesetzt. Erklärtes Ziel ist es außerdem, die "illegale Einwanderung zu stoppen", wie der EU-Kommissar für Justiz und Inneres, Franco Frattini, in Portugal verkündete.

Die Angst, die Einwanderer könnten zu "Objekten des Wohlstands" im Dienste der Europäer werden, steht im krassen Gegensatz zur Begeisterung jener Europäer, die die Entwicklung der Blue Card vorantreiben und sich gegen die zahllosen Regulierungen wenden. Die Vorschläge orientieren sich am US-amerikanischen Vorbild der Green Card, mit der gleich drei Erfolge auf einmal verbucht werden konnten: sie reduziert die illegale Einwanderung, wirkt der Alterung der Gesellschaft entgegen und behebt den Arbeitskräftemangel. Überdies geht die EU-Kommission davon aus, dass 55 Prozent der hochqualifizierten Arbeitsmigranten in die USA gehen, während lediglich 5 Prozent nach Europa kommen.

Neuen Studien zufolge ist es unerlässlich, mehr Arbeitskräfte aus dem Ausland nach Europa zu holen. Die Studien belegen, dass die EU in den nächsten zehn Jahren ungefähr 20 Millionen Einwanderer benötigen wird: eine Zahl, die Franco Frattini jedoch als übertrieben einschätzt.

Der Einwanderer als Gegenstand?

Eine Alternatividee kommt aus Tetouan, und zwar von Yasser Boubekri: "Welchen Weg sie gehen, das müssen Wanderarbeiter zu jedem Zeitpunkt selbst bestimmen können. Sie müssen ein Einwanderernetzwerk bilden, Vertreter wählen oder eine Kommission bilden. Sie brauchen eine Garantie dafür, dass sie nicht nur der Arbeit wegen nach Europa kommen dürfen, sondern dort auch wählen und vom demokratischen System profitieren können." In jedem Fall aber müsse "die Möglichkeit, in einem europäischen Land zu leben“, sichergestellt werden. Aber: „was passiert, wenn der Arbeitsvertrag ausläuft? Was passiert, wenn ein in Frankreich lebender Einwanderer plötzlich in Deutschland einen neuen Arbeitgeber findet?", fragt Boubekri.

Länder wie Frankreich und Großbritannien, die gerade dabei sind, ihre Einwanderungspolitik zu verschärfen, haben der Idee bisher ihre Zustimmung versagt. Die deutsche CDU verweigert jedes Gespräch über die Einführung einer Blue Card.

In Bezug auf die negative Wahrnehmung von Einwanderern zeigt sich Yasser Boubekri skeptisch. "Das Konzept des Einwanderers und dessen negative Konnotationen werden nicht verschwinden", meint er. "Der Einwanderer wird sich auch weiterhin als Opfer eines Sprachgebrauchs fühlen, der ihn auf einen Begriff reduziert, ihn verdinglicht und zum Gegenstand öffentlicher Diskussion macht, ihm aber im Gegenzug nicht das Recht gibt, seine Meinung bezüglich seiner Herkunft, Identität und Fähigkeiten zu äußern." Laut Boubekri besteht die Gefahr, "dass die Europäer die Gefühle und Sorgen der Einwanderer vergessen und sich darauf beschränken, sie entweder als potenzielle Arbeitskräfte oder als Last zu sehen".

Foto Homepage: (Poppyseed Bandits/flickr)