Einmal Medizin-Highway Rumänien Frankreich und zurück

Artikel veröffentlicht am 24. November 2010
Artikel veröffentlicht am 24. November 2010

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Mobilität innerhalb der EU gilt auch für den Medizinbereich, doch die daraus resultierende Freiheit bringt neben Vorteilen auch Probleme mit sich. Die Schwächen einer Medizin ohne Grenzen - von Célia Laherre.

Vom 17.-18. Mai 2011 wird der Mittel- und Osteuropäische Medizintourismus- und Gesundheitsgipfel in Zagreb, Kroatien stattfinden. Länder wie Rumänien, Serbien, Bulgarien, Ungarn, Tschechien und sogar Polen werden die Aufmerksamkeit von auf Medizintourismus spezialisierten Agenturen, Vereinen, Krankenhäusern und Beratern aus der ganzen Welt auf sich ziehen. Aber inwiefern kann die EU für die Mängel in den nationalen Gesundheitssystemen verantwortlich gemacht werden? Die Migration innerhalb der EU hat in den letzten zehn Jahren stark zugenommen. Dieses Wachstum hat sich seit dem Beitritt Rumäniens und Bulgariens zur EU noch beschleunigt. Freizügigkeit, Billig-Airlines und die Vereinheitlichung und Anerkennung des Medizinstudiums zwischen den Mitgliedstaaten hat zu einem „Europäischen Medizin-Highway“ geführt, der West- und Osteuropa miteinander verbindet. Fachkräfte verlassen ihre Heimatländer, um im Ausland zu arbeiten, Studenten sammeln Arbeitserfahrung im Ausland und Patienten betreiben Medizintourismus.

Frankreich und Rumänien

Großbritannien, Irland, Dänemark, Norwegen, Schweden, die Niederlande, Österreich und sogar Frankreich und Deutschland werben Ärzte aus Osteuropa an, um in weniger attraktiven ländlichen Regionen freie Stellen für Allgemeinmediziner zu besetzen. Diese Staaten garantieren den ausländischen praktischen Ärzten ein hohes Gehalt und die Aussicht auf bessere Arbeitsbedingungen.

Während die Ärzte in den Westen gehen, zieht es die Studenten in Richtung Osten und westliche Patienten folgen dem Trend. Sie haben es satt, wochenlang auf einen Termin zu warten oder können die hohen Kosten für ärztliche Leistungen nicht bezahlen (vor allem was Zahn- und Okularmedizin betrifft). Folglich wenden sie sich an Privatpraxen in Rumänien, Ungarn, Polen oder Tschechien und nehmen für Zahnimplantate oder eine Augenoperation auch eine Flugreise in Kauf.

Frankreich und Rumänien sind ein perfektes Beispiel für das Phänomen der “medizinischen Schnellstraße“. In Frankreich kommen etwa 12% der ausländischen Ärzte aus Rumänien. Seit dem Beitritt Rumäniens zur EU am 1. Januar 2007 , ist die Zahl der rumänischen Ärzte, die der Französischen Ärztekammer angehören, von 174 auf fast 1000 angestiegen. Mithilfe von Messen oder Agenturen haben Frankreichs ländliche Gemeinden keinerlei Schwierigkeiten, Fach- und Allgemeinärzte zu rekrutieren. Diese werden von Gehältern gelockt, die 10-15 Mal höher sind als rumänische Honorare, von Zusatzvergünstigungen (z.B. Unterkunft, Krippenplätze, Sprechzimmer und Starthilfe) ganz zu schweigen.

Das rumänische öffentliche Gesundheitswesen leidet erheblich unter diesem Exodus. Rumänischen Krankenhäusern gehen die Ärzte aus. Die Regierung investiert in Privatkliniken für Ausländer und verschärft somit die ohnehin schon bedenkliche Situation. Ohne Finanzierung sind die technische Ausstattung und die Medikamentenversorgung in staatlichen Einrichtungen unzureichend. Im Oktober 2009 musste das größte Krankenhaus in Brasov mangels Medikamenten und Versorgung zwischenzeitlich seine Notaufnahme schließen. Gleichzeitig verkündete das Krankenhaus der Region Mehedinti, in Drobeta Turnu Severin Rückstände in Höhe von 1.35 Millionen Lei [313.571 Euro], sowie seine Unfähigkeit, die Gehälter des Krankenhauspersonals zu zahlen.

Ironischerweise verlassen französische Studenten Frankreich, um ihre medizinische Ausbildung in rumänischen Universitäten fortzusetzten. Als Opfer der unerbitterlichen Ansprüche des Ausleseprozesses (85% der Studenten scheitern nach ihrem 1. Studienjahr), gehen sie in Bildungseirichtungen im Ausland, beispielsweise die Universität von Cluj, die eine französische Abteilung eingerichtet hat. Im Gegensatz zu den französischen Fakultäten erhebt die Cluj Universität Studiengebühren (5000 Euro pro Jahr) und sucht Studenten nach eingereichten Bewerbungsunterlagen aus. Momentan sind über 260 Franzosen dort eingeschrieben. Die französischen Studenten gehen nicht aufgrund der besseren medizinischen Ausbildung von Paris nach Budapest, sondern weil ein Medizinstudium in Frankreich so viele Hürden beinhaltet.

Was bisher geschah

Die “medizinische Schnellstraße” bietet sofortige Lösungen in Notfallsituationen, ohne das Problem bei der Wurzel zu packen. Sie ist wie ein oberflächlicher Verband, nutzlos bei tiefen Wunden, die sich ohne gründliche Behandlung stärker entzünden. Es liegt in der Verantwortung jedes einzelnen Mitgliedstaates, sein nationales Gesundheitswesen zu reformieren. Westeuropäische Länder wie Deutschland, England oder Frankreich ermuntern Medizinstudenten und Ärzte dazu, in ihren eigenen Ländern zu bleiben. In Frankreich wurde 2009 das Medizinstudium reformiert, mit dem Ziel den Numerus Clausus in Regionen zu lockern, in denen Ärzte knapp sind. Initiativen auf lokaler Ebene, wie die „Maisons de Santé“ (interdisziplinäre Gesundheitszentren) ziehen junge Ärzte an. Noch finden die meisten dieser Angebote wenig Gehör in einer überbordenden medizinischen Welt. Auch die Regierungen der osteuropäischen Länder versuchen, ihr öffentliches Gesundheitssystem zu verbessern. Ende 2009 gewährte die rumänische Regierung dem nationalen Krankenversicherungshaushalt ein zusätzliches Finanzpaket von 3.2 Milliarden Lei.

Die Regierung versprach außerdem eine „radikale Reform des Gesundheits- und Beitragssystems“. Ein sehr ambitioniertes Vorhaben, die Veränderungen werden wohl noch länger auf sich warten lassen. In der Zwischenzeit wird der „medizinische Highway“ weiterhin florieren.

Die Autorin des Artikels, Celia Laherre, ist eine der 27 Finalisten (Frankreich) für den EU Health Journalism Prize 2010.

Foto: main (cc) weno/ Flickr/ weno ilustracao and design