Einmal ein echter Pariser sein!

Artikel veröffentlicht am 25. August 2009
Artikel veröffentlicht am 25. August 2009
Waschechte Pariser empfangen ausländische Besucher, um ihnen die Stadt der Liebe jenseits von Touristenbussen und Bateaux Mouches zu zeigen. Eine lange Tour durch Bars, Museen und die Hinterhöfe von Montmartre … zu Fuß.

Ich stehe an der Métro Station Anvers, es ist 10 Uhr morgens. Schon jetzt drängeln sich Touristenmassen durch die Straßen rund um Sacré Cœur (eine berühmte Basilika aus dem 19. Jh. im Norden von Paris; A.d.R.). Montmartre, ein ehemaliges Dorf über den Hügeln von Paris, ist wahrhaftig ein kleines Paradies. Jean-Michel kommt einige Minuten zu spät, hat uns aber schnell entdeckt und um sich gesammelt. Der fünfzigjährige Pariser in lässigem T-Shirt wird diesen Vormittag unser Touristenführer sein.Wir sind zu viert und die Besichtigungstour ist kostenlos, denn Jean-Michel gehört der vor zweieinhalb Jahren gegründeten Vereinigung Parisiens d’un jour (auf Deutsch „Pariser für einen Tag“; A.d.R.) an, die sich vom amerikanischen Phänomen der Big Apple Greeters (eine Organisation, die seit 1992 kostenlose Führungen von Einwohnern für Touristen in New York anbietet; A.d.R.) hat inspirieren lassen. Die Organisation zählt mittlerweile knapp 110 Führer in ganz Paris – Menschen allen Alters und allesamt Freiwillige. Die Mitglieder bieten Touristen die einmalige Möglichkeit, ihre Heimatstadt aus einem anderen Winkel, weit weg von ausgetrampelten Touristenpfaden und den üblichen Erinnerungsfotos zu entdecken.

Ein Blick in geheime Hinterhöfe und Gärten

© Parisiens d'un jourUnser Touristenführer macht da keine Ausnahme. Die Besichtigung beginnt entlang des Boulevard Rochechouard im Norden von Paris, einem Viertel, in dem man eher selten Touristen über den Weg läuft. Wir begegnen einigen Bobos auf ihren Fahrrädern, einer Gruppe Rentnern, die Boule spielen und einem jungen Paar mit ihren Kindern. Alles echte Pariser! Der Aufstieg nach Montmartre beginnt am Fuß von zehn Treppen und führt durch einen privaten Hof. „Ich weiß, dass die Tür den Tag über offen bleibt, also nutze ich das, um hier durchzugehen“, flüstert Jean-Michel. Das ist die Gelegenheit, großartige Gebäude und Gärten zu entdecken!

Wir kommen schließlich in der Rue des Trois frères heraus, passieren die Rue d' Orsel und die Rue des Matyrs, bevor wir den Place des Abbesses erreichen. Dort treffen wir auf andere Besucher und bedauern sie insgeheim: Zwanzig kamerabewehrte Touristen drängen sich um ihren Führer. Da ist es wirklich nicht ganz einfach, den Erklärungen zu folgen. Im Schneckentempo setzen wir unseren Weg in Richtung Montmartre fort. Ein Gang zum berühmten Gemüseladen aus dem Film Die fabelhafte Welt der Amélie, in dem wir leider nicht lange verweilen, ein kleiner Umweg zum Moulin de la Galette und weiter geht der steile Anstieg. Dieses Viertel von Paris ist besonders dafür bekannt, nur von Touristen bevölkert zu sein. Paradoxerweise sind die Straßen, die wir durchqueren, aber größtenteils verlassen. Aber genau das ist eben die Kunst der Mitglieder der Parisiens d’un jour: Sie bieten eine Besichtigungstour der anderen Art, dem eigenen Rhythmus folgend und gespickt mit den Anekdoten eines Touristenführers, der in diesem Viertel wohnt.

Einladung zum Aperitif inklusive

(francescominciotti/flickr)Es ist zwölf Uhr dreißig, als wir endlich die Basilika Sacré Cœur erreichen. Nach mehr als zwei Stunden Fußweg verabschiedet sich Jean-Michel. „Vergessen Sie nicht, unsere Homepage zu besuchen, um sich in unser Gästebuch einzutragen! Und Sie können sich natürlich auch immer für weitere Besichtigungen anmelden. Manchmal wird man sogar zum Aperitif eingeladen!“ Ein Schweizer Paar, das zufällig dazu gestoßen ist, scheint gänzlich dem Charme der Parisiens d‘un jour erlegen zu sein: „Ich habe den Eindruck, etwas ganz Neues entdeckt zu haben. Es ist so viel interessanter, die Stadt auf diese Art zu besichtigen!“ Zögern Sie nicht, Ihre Wünsche zu formulieren, das Thema ihres Besuchs, die gewünschte Sprache und das Alter ihres Führers zu bestimmen, kann man auf der Internetseite lesen. Ob Streifzüge durch die Bars oder doch lieber die obligatorischen Sehenswürdigkeiten: Es ist der „Pariser für einen Tag“, der hier entscheidet.