Einklang zwischen Mensch und Kosmos: Sport im Reich der Mitte

Artikel veröffentlicht am 5. August 2008
Artikel veröffentlicht am 5. August 2008
Die Olympischen Spiele in Peking bieten eine hervorragende Gelegenheit, über den Sport in diesem gigantischen Land zu sprechen. Denn auch der Sport braucht weniger Bürokratie und mehr Offenheit, um wirklich wettbewerbsfähig zu sein.

Wie man am Modell Wuxiapian (chinesisches, episches Filmgenre, A.d.R.) erkennen kann, stellt körperliche Betätigung einen zentralen Aspekt in der chinesischen Kultur dar. Der Körper ist das Instrument, mit dem der Mensch der Welt seine Ideen, seine Logik und sein Bedürfnis nach Einheit und Regeln mitteilt. So kommt man im Jahr der Olympischen Spiele in China nicht umhin, über Sport und Bewegung nachzudenken.

Der chinesische Weg zum Aberglauben

©shaolin.org/wikipediaDiverse Kommentatoren sind der Meinung, dass das Startdatum keinesfalls zufällig gewählt wurde. Die Olympischen Spiele beginnen am 8. August 2008 um 8 Uhr abends. Diese Glückszahl repräsentiert in der Kundalini (ursprünglich indische Philosophie, die sich später auch in China verbreitete, A.d.R.) die Schlange, den unendlichen Zyklus. In zahlreichen Blogs und auf verschiedenen Infoseiten im Web gibt es bereits erste Anzeichen von Aberglauben: Die Konflikte im Tibet begannen am 14. März (1 + 4 + 3 = 8), das Erdbeben in Sichuan war am 12. Mai (1 + 2 + 5 = wieder 8). Aber mal abgesehen von Aberglauben und Ritualen lebt China dieses Ereignis sehr intensiv. Seit über 4.000 Jahren ist Sport ein zweifellos zentraler Bestandteil der Landeskultur. Bereits in den Zeiten der Zhou-Dynastie (1066-771 v. Chr.) gab es archaische Formen dieser Kultur, mit Disziplinen wie Bogenschießen, Jiaodi (eine Art Ringkampf), Jujitsu, Polo und Fußball.

Sport und Gemeinschaft

Dieses Verhältnis ist an eine andere Wahrnehmung des Sports gebunden. In der westlichen Kultur ist Sport seit der griechischen Antike eine Ode an den Körper an sich, während er im Orient die Vollkommenheit des menschlichen Wesens und dessen Verschmelzung mit dem Kosmos symbolisiert. Im kommunistischen China wurde diese philosophisch-religiöse Theorie dann zu politischer Ethik. Der Einzelne exzelliert nicht für sich selbst, sondern als Teil einer Gemeinschaft. Er ist ein Partikel, das zum Glanz des Ganzen beiträgt. Seit 1995 fördert die chinesische Regierung ein Nationalprogramm für die Verbreitung und Ausübung körperlicher Aktivitäten, für die 620.000 Fitnessstudien, Stadien und Schwimmbäder zur Verfügung stehen. Die Lebenserwartung ist um 3,25 Jahre gestiegen und unter den Jugendlichen sind diverse, bislang weniger verbreitete Sportarten wie Jumping, Reiten, Bowling, Skateboarding, Damenboxen oder Taekwondo beliebt.

©Photograffiti Shangai/flickrDie Verantwortliche der amerikanischen Webseite China Sports Today, Maggie Rauch, kommentiert: “Dem Sport wird in China seit jeher große Aufmerksamkeit gewidmet, die Olympischen Spiele haben höchstens die Entwicklung einer Tendenz beschleunigt.“ Neben den traditionellen Schulen für Tischtennis (Deng Yaping ist und bleibt der bedeutendste Spieler aller Zeiten), Taijiquan (auch unter dem Namen Shadow Boxing bekannt), Xiangqi (chinesisches Schach), Weiqi (das antike Go) und Badminton haben sich in supermodernen Zentren mittlerweile auch Disziplinen verbreitet, für die früher Europa und die USA das Vorrecht beanspruchten.

Chinesen in der NBA

Seit 1994 werden die staatlichen Finanzierungsmittel, beim Fußball beginnend, nach und nach durch private ersetzt. Die Übertragungsrechte für große Sportevents werden von privaten Fernsehsendern erworben und der Berufssport befindet sich in stetiger Weiterentwicklung. Yao Ming war der erste chinesische Basketballspieler, der es in die NBA schaffte. Damit begeisterte er Tausende von Jugendlichen - die Kinder jener Generation, die den spektakulären Stil von Spielern wie Michael Jordan (in China Maike Qiaodan) bewundert haben - für die Sportart. Der Fußball strebt nach internationalem Ansehen, indem er auf die Erfahrung ausländischer Trainer setzt; Die Nationalmannschaft wird derzeit vom Serben Wladimir Petrović trainiert. Die Popularität des Rugby wächst von Tag zu Tag, die Disziplin wurde sogar zum offiziellen Sport der Armee gekürt (und Zhang Zhiqiang ist der erste asiatische Soldat, der bei den englischen Leicester Tigers spielt). Die herausragende Leistung der Tennisspielerin Zheng Jie beim letzten Wimbledon-Turnier begeisterte unzählige Mädchen für die Sportart. Und Ding Junhui ist einer der zehn besten Billardspieler der Welt und trug ebenfalls dazu bei, dass dieser Sport bei Kindern und Jugendlichen immer beliebter wird.

©pfcdayelise/flickr

Schlechte Karten haben hingegen Baseball und Golf. Letzteren lehnt die Regierung sogar offiziell ab, weil sie die großen Spielflächen als Verschwendung von Mitteln und öffentlichem Boden erachtet. Die Rose im Knopfloch Chinas sind hingegen der Schwimmsport und das Turmspringen. Zeugen hierfür sind Champions und internationale Werbestars wie Guo Jingjing und Tian Liang.

Mit der voranschreitenden Kommerzialisierung nähert sich die Volksrepublik immer stärker den liberal-kapitalistischen Modellen des Westens. “Der Sport in China folgt der Wandlung der Ökonomie in Richtung Marktwirtschaft“, so Maggie Rauch. “Ein zu starres und bürokratisches Modell behindert die Mannschaften in ihrer Wettbewerbsfähigkeit und China ist sich darüber klar geworden, dass man auch im Sport offener sein muss, um Erfolg zu haben.“ Und die Ergebnisse bei den Olympischen Spielen? “Für jede einzelne Disziplin kann ich nichts voraussagen, aber ich würde schon eine ordentliche Menge Renminbi (chinesische Währung, A.d.R.) darauf wetten, dass China viele Podienplätze belegt, wenn nicht sogar Goldmedaillen holt.“