Eineinhalb Flugstunden und doch Lichtjahre auseinander: Wien - Brüssel

Artikel veröffentlicht am 11. März 2009
Artikel veröffentlicht am 11. März 2009
Von Verena Schiefer Jugendliche diskutieren mit politischen ExpertInnen über die Zukunft der Europäischen Union Die EU-Skepsis der Österreicher ist schon längst kein Geheimnis mehr. Gegen „die da in Brüssel“ zu wettern bzw. eine Gleichgültigkeit gegenüber der gemeinsamen Europapolitik zu haben, macht einen zum Star des Business-Smalltalks und Helden des Stammtischs.
Und der Gesprächsstoff geht auch nicht so schnell aus, denn zu schimpfen gibt es ja immer etwas.

Die Stimmung der Jugendlichen zur EU auszuloten und ein Gespür für ihre Fragen und Inhalte zu bekommen, war Ziel der Podiumsdiskussion „Mit Schwung für Europa“ (eine Veranstaltung der Reihe „Zukunft am Wort“, organisiert vom ORF und dem STANDARD). EU Außenkommissarin Dr. Benita Ferrero-Waldner und Politikwissenschaftler Dr. Peter Filzmaier stellten sich den kritischen Fragen der jungen Podiumsgäste und des Publikums.

So schaut’s aus

Die gute Nachricht: 50% der österreichischen Jugendlichen äußerten sich 2008 als Befürworter der EU und sehen sie auch in die richtige Richtung gehend. Diese Jubelbotschaft wird aber dadurch relativiert, dass ein Großteil der Bevölkerung eine passive Gleichgültigkeit bis hin zu einer tiefgehende n Abneigung  der EU gegenüber empfindet.  Die in der Studie geäußerten multiplen Gründe hierfür reichen von der Wahrnehmung Österreichs als zu klein um etwas in der Union zu bewirken über die Institutionen als abstraktes bürokratisches Konstrukt bis hin zu  arbeitsmarktpolitischen Nachteilen. Diese Ursachen bestätigen sich auch in der Podiumsdiskussion und werden um den Aspekt der Friedensmission erweitert: Frieden und innere Stabilität werden vorallem von den jungen Leuten als selbstverständlich wahrgenommen und der Zusammenhang mit der EU als Friedensunion ist weder für die jungen Leute noch für die ältere Generation präsent. Doch wie soll eine positive europäische Stimmung in einem Land aufkommen, wo die nationale Politik durchwegs anti-europäisch eingestellt ist und wo,  gemäß Ferrero-Waldner, Politiker Initiativen dahingehend verzerren, dass alle negativen Entscheidungen in Brüssel gefällt und alle positiven national getroffen werden?

So soll’s sein

„Die EU muss populistischer werden“, provoziert ein Diskutant die ExpertInnen und deutet dabei auf den Kommunikationsweg der EU-Gegner hin.  Greifbar und spürbar müssten die positiven Effekte der EU im Alltag werden und gehörten mit persönlichen Geschichten von Bürgern gewürzt. Diese Anregung  findet Anklang auf dem Podium und die Forderung nach einer vermehrten „Bottom-up Kommunikation“ wird laut.  Geschichten mit Identifikationspotenzial und Möglichkeiten der direkten Kommunikation mit den nationalen Europaabgeordneten geben der EU ein Gesicht und lösen Interesse für „mehr“ aus.

Von der vermeintlichen EU-Regelung zur Gurkenkrümmung hat jeder schon gehört, doch abgesehen davon ist der Wissenstand über die EU auch unter jungen Leuten sehr bescheiden. Das fehlende Informationsangebot abseits der Hauptstadt Wien macht eine Gymnasiastin aus Niederösterreich dafür verantwortlich. Ihre Kollegin aus Wien kontert, dass es allein an einem selbst liegt sich zu informieren und das vorrangig digitale Informationsspektrum zu nützen.  Einigkeit herrscht sowohl unter den SchülerInnen als auch unter den politischen ExpertInnen über die dringende Notwendigkeit einer fundierten fächerübergreifenden Europabildung in den Schulen. Zur Sprache kommen auch ein gemeinsamer multilingualer Fernsehsender mit niederschwelligen Berichten zu europäischen Themen und ein verstärkter visueller Fingerzeig auf von der EU geförderte Projekte auf lokaler Ebene.

Und so geht’s weiter

Das Fazit dieser lebendigen Diskussion ist schnell gezogen: Europäische Chancen abseits von günstigen Handytarifen und Billigflügen präsent im österreichischen Alltag zu verankern stellt eine immer wieder kehrende Herausforderung dar. Dabei gilt es kreative Methoden der Informationsweitergabe und der emotional positiven Konnotation der EU zu finden, so dass „I am European“ in Zukunft ein starkes Statement quer durch alle gesellschaftlichen Schichten ist.