Eine Untersuchung von Natur und Ursachen des gemeinen Studentenlebens: Der Vortrag

Artikel veröffentlicht am 5. April 2008
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Artikel veröffentlicht am 5. April 2008
Es gibt nichts aufregenderes als einen öffentlichen Auftritt, besonders wenn er auf französisch sein muss, eine Sprache, die auch nach sechs Monaten härtestem Einsatz noch immer nicht zu meiner zweiten Muttersprache geworden ist. Diese Woche hatte ich die ultimative Feuertaufe – mein erstes exposé en oral, einen mündlichen Vortrag. Auf dem Prüfstand auch die Frage, wie tief ich bereits in die Goldenen Regeln der méthode française eingetaucht bin.

Für jeden Kurs gibt es an der Sorbonne einen cours magistral, bestehend aus einer Vorlesung des Professors und zwei Stunden travail dirigé, also dem Arbeiten in kleineren Gruppen. Die Idee des Letzteren ist es, beim Stoff mehr ins Detail zu gehen und die Mitarbeit der Studenten zu fördern. Na ja, es wäre schön, wenn das so wäre! In Wirklichkeit aber wählt sich jeder Student ein Thema welches er dann vor den Kommilitonen präsentiert – für alle anderen also zwei weitere Vorlesungsstunden pro Kurs pro Woche. In den letzten sechs Monaten habe ich schon einige solcher travaux dirigés durchmachen müssen, und die méthode française mit ihren sich ewig wiederholenden „la première grande partie, la première sous-partie, la deuxième sous-partie, la deuxième grande partie etc etc“ erscheint mir bald wir eine karolingische Liturgie.

Lektion Nr. 1: So nicht!

Die Qualität der Präsentationen ist sehr unterschiedlich. Die meisten sind einfach nur langweilig, weil die Kommilitonen in irrsinniger Geschwindigkeit durch ihre duzenden von Seiten und Notizen rasen. Trotzdem ist der ein oder andere Performer dabei, der dir als Zuhörer den Eindruck gibt, es könnte möglicherweise gleich etwas Interessantes kommen. Die Einführung findet dann noch in menschlicher Geschwindigkeit statt. Und gerade wenn du dich in der schönen Illusion wiegst, dass der Vortrag verstehbar werden könnte, strecht der Kollege die Finger, greift zu seinem Papierstapel und fährt mit Lichtgeschwindigkeit fort. Was dann passiert nennt man auch ein Fast-tot-Erlebnis: Namen, Bilder und Daten  rasen vor deinem inneren Auge vorbei und werden zu Lettern und Ziffern ohne Sinn und Ziel. Wenn du nach einer halben Stunde noch so bei Bewusstsein bist, dass du den Weg auf dem Klassenraum findet, kannst du eigentlich alles überleben.

Lektion Nr. 2: Sondern eher so...

Tatsache ist aber, dass wenn alles in einer fremden Sprache passiert und du die ganze Zeit nichts anderes machst, als eine Person anzustarren aus deren Mund du kein einziges Wort verstehst, du eine große Sensibilität für andere Dinge entwickelst. Zur Zeit ist Artikulation mein Lieblingsthema. Die meisten Studenten murmeln 30 Minuten lang monoton vor sich hin, so dass es schon schwierig ist herauszufinden, wo ein Satz aufhört und der nächste beginnt. Während meiner eigenen Präsentation habe ich also genau darauf geachtet, wirklich J-E-D-E-S W-O-R-T deutlich auszusprechen. Mit dem Ergebnis, dass es sicher so aussah, als spräche ich zu einer Gruppe halb tauber Rentner, ohne dabei viel Respekt vor den Hörorganen meines Publikums zu haben.

Natürlich folgt jede Präsentation einem Plan, der meist an die Tafel gemalt wird. Hier wird die ganze Gefahr moderner Informationstechnologie deutlich, bei der jeder nur noch pausenlos auf Tastaturen herumtippt: die Handschrift wird dabei unmöglich zu entziffern. Ich hatte mich also entschlossen, meinen Kommilitonen die Aufgabe zu ersparen meine Schripse zu entschlüsseln, und den Plan ausgedruckt und an alle zu verteilen. So hat jeder die Möglichkeit auf das Papier zu starren, sehr interessiert drein zu schauen und dabei meine ganzen grandes parties und sous-parties mit hübschen Blümchen zu verzieren.

Fazit: Warum gehen wir eigentlich in solche Vorlesungen?

Wo liegt aber das Geheimnis? Was treibt uns um sieben Uhr morgens aus den Betten um an diesen Vorlesungen teil zu nehmen? Es ist die reprise, der magische Augenblick, in dem der Studentenvortrag fertig ist und der Professor übernimmt. Der Augenblick, in dem du den tieferen Sinn deiner akademischen Existenz erkennst und du dich plötzlich erstaunlich motiviert fühlst. Leider ist dieser Moment meist nur von kurzer Dauer, denn es gibt immer noch einen weiteren Studenten, der nur darauf wartet, dich in sein intellektuelles Abenteuer zu entführen.

Ok, der Fairness wegen: manche Präsentationen sind wirklich gut, man wird super unterhalten und ist heilfroh zu sehen, dass unsere Generation noch nicht vollends verloren ist, sondern möglicherweise kompetent genug, um in die Fußstapfen unserer Väter und Mütter zu treten. Und natürlich fühlt es sich noch besser an, wenn du es bist, der diese Mission erfüllt, d.h. eine halbe Stunde zu sprechen, ohne dass jemand zu schnarchen anfängt. Dann weißt du, es ist vorbei, und du wirst deine Kommilitonen nie wieder dieser Qual aussetzen müssen.

Soili Semkina