Eine Schule ist keine Kirche

Artikel veröffentlicht am 8. Dezember 2003
Aus der Community
Artikel veröffentlicht am 8. Dezember 2003

SOS: Dieser Artikel wurde weder von einem Editor überarbeitet noch in einer Gruppe veröffentlicht.

Nationalistisch gesinnte Staaten haben für sich die Wirksamkeit religiöser Erziehung entdeckt. In Spanien und Europa droht die säkulare Bildung einen Rückschlag zu erleiden.

Aufklärung und Laizismus

Nach der Errichtung der europäischen Nationalstaaten als Machteinheiten, die das Fortbestehen der Monarchien sicherten, brachen die Revolutionen aus, die den Staatsbürger und nicht mehr nur das gesamte Volk oder Reich als kleinsten gemeinsamen Nenner des Systems einstuften. Indem sie den weltlichen Staat ausriefen, führten sie die Gewaltenteilung sowie die Trennung von Kirche und Staat ein.

Jedes Individuum sollte sich seine Religion selbst wählen können, und jetzt war es ein vernunftgesteuertes, reifes und vor allem freies Individuum. Diese Auffassung stieß in der protestantischen Mentalität und im französischen Rationalismus auf breite Akzeptanz, wurde aber in katholischen Kreisen abgelehnt.

Frankreich war das Zentrum dieser aufgeklärten und vom Vernunftbegriff geleiteten Umwälzung. Der Verstand der Bürger sei unentbehrlich zur Schaffung eines gerechten und vernünftigen Staates. Deshalb waren Bildung und Erziehung den Aufklärern ein besonderes Anliegen. Und eine auf Verstand und wissenschaftlicher Erkenntnis beruhende und in jeder Hinsicht laizistische Bildung war unverzichtbare Bedingung für eine reife und freie Bevölkerung – denken wir nur zurück an den kantianischen Aphorismus „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“.

Der spanische Fall und die „Institución Libre de Enseñanza“

Leider gibt es in Spanien selbst in der heutigen Demokratie nur ein praktisches Beispiel für diesen laizistischen und modernen Bildungsbegriff ( in seiner historischen Bedeutung ): die berühmte „Institución Libre de Enseñanza“, also die „Freie Lehranstalt“, die in Madrid zur Zeit der Republik Schüler wie Lorca, Cernuda oder Dalí aufnahm, und Lehrer wie Antonio Machado einstellte. Der Franquismus mit seiner mythischen Vision von der Zurückgewinnung der imperialen Einheit Spaniens, die es unter den katholischen Königen erreicht hatte, führte zu einem „National-Katholizismus“: Religion, Nation, Staat und Erziehung waren unter ein- und demselben totalitären Projekt geeint, das 40 Jahre andauerte. Die Religion war auf diese Weise als wesentlicher kultureller Parameter an das Konzept der Nation gebunden. Aber der Staat steht über der Idee der Nation und somit auch über der Vorstellung von der Religion als Ganzheitslehre und Rechtfertigung der Nation.

Unsere aktuelle Verfassung erkennt die Trennung von Kirche und Staat in der Bildung und die religiöse Neutralität des Staates an. Diese Voraussetzungen waren unentbehrlich für den Eintritt Spaniens in ein weltliches und modernes Europa. Selbst die Türkei rühmt sich für ihren kämpferischen Laizismus. Aber im vom „Partido Popular“ (Volkspartei) regierten Spanien hat sich die Lage geändert. Geschickt darauf bedacht, nicht die Verfassung zu verletzen, hat sich die aktuelle Regierung mit ausreichend Mitteln ausgestattet, um durch die Hintertür einen abgemilderten National-Katholizismus einzuführen. Dieser ist jedoch langfristig so unerbittlich wie ein schwacher aber langanhaltender Regen. Die wachsenden Subventionen für die Lehre kirchlicher Institutionen, die offen geduldete Verschlechterung des staatlichen Erziehungswesens und eine Bildungsreform, durch die das Fach Religion im Lehrplan die gleiche Stellung wie spanische Sprache und Mathematik einnimmt, gehen in dieselbe Richtung.

Die Wiedereroberung des National-Katholizismus

Hinzu kommen einige schwerwiegende und bezeichnende Gegebenheiten, denen die regierende Rechte beistimmt. Das Erziehungsministerium zahlt weiterhin die Löhne für Religionslehrer, aber die Kirche ist es, die sie einstellt oder, was noch schlimmer ist, nach Gutdünken entlässt. Dazu reichen eine Scheidung oder „unbequeme“ Lebensformen, die sich nicht mit dem christlichen Glauben vereinbaren lassen, aus. Das setzt voraus, dass moralische Urteile über die Intimsphäre von Personen gefällt werden, die in einem laizistischen Staat nicht zulässig sind. Auf der anderen Seite breitet sich in der Hauptstadt der katholische Orden der „Legionäre Christi“ immer weiter aus. Ihm gehört auch Ana Botella an, die Gattin des Regierungspräsidenten José María Aznar und Stadträtin für Soziale Angelegenheiten im Rathaus von Madrid. Der Orden kauft staatliche Schulen und legt ihnen seine Regel der Geschlechtertrennung und andere bis dahin in solchen Institutionen unbekannten Maßnahmen auf. Die Eltern haben zwar theoretisch die Möglichkeit, ihre Kinder auf eine andere Schule zu schicken, aber das ist manchmal sehr schwer oder kaum durchführbar, und somit wird das Grundrecht auf die freie Wahl der Lehre verletzt. Dies wird durch die veränderte Gesetzeslage nach der letzten Bildungsreform noch gefördert, vor allem durch das „Gesetz zur Qualität der Lehre“. Dies sieht vor, dass gewisse Eigenheiten der kirchlichen Erziehung auch in staatlichen Schulen übernommen werden, wie die erneute Geschlechtertrennung in den Schulen, usw.

In Spanien erfährt der aufklärerische Traum einer weltlichen und vernunftgeleiteten Erziehung zurzeit einen deutlichen Dämpfer. Debatten über Multikulturalismus, dem Recht Angehöriger anderer Religionen auf freie Meinungsäußerung in Bildungseinrichtungen und andere problematische Aspekte, die von der immer näher rückenden heterogenen Gesellschaft herrühren, werden in Spanien und der EU nicht mit Gründlichkeit geführt werden können, wenn Erziehung und Bildung als Schlachfeld von Religionskriegen oder gar als christlicher Kreuzzug aufgefasst werden. Nur auf der Basis einer völlig weltlichen Lehre wird man die Probleme lösen können, die bei den Migrationsprozessen durch das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kulturen und Religionen auftreten. Deshalb erschreckt es, dass die spanische Rechte, die sich in der EU bestimmend und avantgardistisch gibt, zusammen mit einem europäischen Gleichgesinnten eine europäische Verfassung fördert, in der dem alten Kontinent eine christliche Gesinnung zugeschrieben wird.

Denn dadurch würde sich der Weg für die zunehmende Abschwächung der Trennung von Kirche und Staat in Erziehung und Bildung endgültig ebnen.