Eine Reise nach Lwiw, ganz in der Nähe von Europa

Artikel veröffentlicht am 9. September 2014
Artikel veröffentlicht am 9. September 2014

Zwölf Stunden in Lwiw, oder Lemberg wie sie auf Deutsch genannt wird. Es ist wohl eine der lebendigsten Städte der Westukraine und gilt als kulturelles Zentrum mit ausgeprägtem nationalistischen und innovativem Geist. Ein persönlicher Reisebericht.

Bei meiner Ankunft am Bahnhof von Lwiw, an einem heißen Freitagmorgen im Sommer, schieben sich die Menschenmassen durch das eindrucksvolle Bahnhofsgebäude, das in zwei Bereiche unterteilt ist. Keine ungewöhnliche Szene in einer Stadt mit fast einer Million Einwohnern. Gemeinsam mit meiner Freundin Katya nehme ich eine alte Straßenbahn, in der der Fahrscheinentwerter noch mit der Hand betätigt werden muss, um die Fahrkarten für 2 Griwna zu lochen. Im Gegensatz dazu werden die Haltestellen auch in Englisch angekündigt und einige englische Schilder sind zu sehen. Neuheiten, die die Fußballeuropameisterschaft 2012 mit sich gebracht hat.

 

Lwiw, oder LwowLemberg oder Leopoli trägt die Namen, die ihm im Laufe der Zeit von den polnischenlitauischenösterreichischendeutschen und russischen Besetzern gegeben wurden. Darüber hinaus ist es aber auch von den hier lebenden jüdischen und armenischen Gemeinden geprägt worden. Aus diesen verschiedenen Einflüssen hat sich in der Bevölkerung eine Atmosphäre herauskristallisiert, die nicht nur vor Stolz strotzt, sondern sich auch, stärker als im Rest der Ukraine spürbar, für die Anerkennung der eigenen nationalen Identität einsetzt. Ein Anzeichen für diesen erstarkten Patriotismus ist die Flagge mit ihren leuchtenden Farben, die ich überall auf den Balkonen und Dächern, an den Türen der Geschäfte, an den Fahrrädern und auf den lackierten Nägeln eines Mädchens in einer Buchhandlung namens Knyharnia Ye sehe. Auf einem Flohmarkt, zwischen den vielen Gegenständen, die dem ukrainischen Stolz huldigen, werden sogar T-Shirts mit dem Abbild eines Kosaken verkauft, ein Symbol für die Wurzeln des ukranischen Volkes. In Anlehnung an diese traditionelle Gestalt tragen die Jugendlichen jetzt auch den Haarschnitt der Kosaken und geben den angesagten Hipster-Stil auf oder verändern ihn auf ihre Weise.

Die Flagge der Europäischen Union gleich neben der ukrainischen offenbart, wie stark an diesem Ort, mehr als an jedem anderen im Land, der Wunsch nach Annäherung an den Alten Kontinent ist. Während der Revolution auf dem Unabhängigkeitsplatz hörte ich, dass die Menschen nicht so sehr für einen Eintritt in die EU auf die Straße gingen, sondern vielmehr, um die Unabhängigkeit von jeglicher ausländischer Einmischung einzufordern. Anders also, als es in vielen Medien berichtet wurde. Und doch beruft sich diese Stadt einige Monate nach den Ereignissen mehr denn je durch ihre Architektur, die Sprache und das Bildungswesen auf die gemeinsamen Wurzeln ihres Landes und das seiner Nachbarn.

Wo man das Bild Putins "isst"

Diese Entwicklung wird von einer starken anti-russischen Propaganda unterstützt: Das Abbild Putins ist überall zu sehen und wird mit mehr oder weniger politisch korrekten Beschimpfungen verspottet. Der russische Präsident kann sogar „gegessen“ werden, wenn man ihn als Schokoladenfigur bei L’viv Handmade Chocolate kauft.

Diese Kette, einer der beliebtesten Orte um seine Freizeit zu verbringen. Sie hat vor einigen Jahren eröffnet und sich seitdem schnell im ganzen Land verbreitet. Man kann den Schokoladenherstellern bei der Produktion zuschauen, während ein Mädchen im gelben Kleid Harfe spielt. Neben den Schokoladenfabriken öffnen auch viele andere Trendlokale in Lwiw: von Bars, die sich mit dem besten Kaffee des Landes rühmen bis hin zu kleinen Weinlokalen in unmittelbarer Nähe der belebten Straßen im Zentrum. Oder von der Champagnerie, wo man sich ein Glas des teuren prickelnden Schaumweins genehmigen kann, bis hin zu Fast Food-Restaurants, die traditionelle aber schnelle Gerichte anbieten. In Lwiw findet man alles. 

In einem dieser Lokale treffen wir eine Gruppe, die sich auf Spanisch unterhält. Es nähert sich eine ältere Frau, klein und gebückt, auf der Suche nach etwas Essbarem. Es scheint, als ob die Leute sie gleichgültig anschauen, aber es ist einfach nur der Blick der Ukrainer, nicht so ausdrucksvoll wie der südeuropäische. Eine Minute später findet sich die Frau mit einer Handvoll Geldscheine wieder. Wir geben ihr ein Brötchen, das wir sowieso nicht essen werden und sie fragt uns, ob wir auch genug zu Essen für uns selbst haben. Man erklärt uns, dass viele Restaurants in Lwiw ab einer bestimmten Uhrzeit den Obdachlosen die Essensreste überlassen.

Dynamische Jugend

Es wird Abend. Wir essen in einem eleganten vegetarischen Restaurant. Neben uns sitzen zwei Mädchen, vielleicht gerade einmal 15 Jahre alt, die miteinander diskutieren, als ob sie schon eine Reife erreicht hätten, die viele ihrer europäischen Altersgenossen nicht zu besitzen scheinen. Es werden zwei außergewöhnliche Mädchen sein, denke ich, aber Katya versichert mir, dass die ukrainischen Mädchen im Allgemeinen sehr reif sind. Draußen sehen wir eine Menschenmenge, die sich um zwei Jungen drängt, die Musik machen. Der Sänger macht eine Pause und stellt sich vor, er sagt, er komme aus Großbritannien und habe sich in die Ukraine verliebt. Er lädt die Zuschauer ein, zu klatschen und manche lassen sich anstecken und singen gemeinsam mit ihm die nationalen Hits. Später gibt ein Mann mit einer Schürze, der herausgekommen ist, um eine Zigarette zu rauchen, den Musikern ein paar Griwna.

Bei einem Glas Wein erzählt mein Freund Andrij mir von seinem “Travel Start-up”, mit dem er Reisegeschichten sammelt, die er im Internet auf Landkarten gefunden hat. Seine Freundin Valentyna erzählt uns, wie Lwiw sich öffnet und entwickelt, durch die Organisation von Festivals und Treffpunkten, die auch die Peripheriegebiete erreichen, die noch von der sowjetischen Industriearchitektur geprägt sind.

Der lange Spaziergang, der uns wieder zum Bahnhof führt, ist genau das Richtige, um die Eindrücke und Emotionen zu verarbeiten, die sich im Laufe des Tages angesammelt haben. Ein Jahr lang habe ich verschiedene Bewohner Lwiws getroffen, die ihre Stadt lieben, sowie andere Ukrainer, die stolz waren, diese Stadt besucht zu haben. Nach ihren Erzählungen erwartete ich etwas, was ich dann tatsächlich wahrgenommen habe: Stolz und Liebe für die Vergangenheit. Daneben aber auch viel Lust, in die Zukunft zu schauen, eine starke Identität auszudrücken und sich Europa zu öffnen, das wie ein Ort des Austauschs und der neuen Möglichkeiten gesehen wird.