Eine Reise durch mein ganz anderes Norwegen

Artikel veröffentlicht am 10. Mai 2012
Artikel veröffentlicht am 10. Mai 2012
Zwei Jahre zwischen Italien und Norwegen, immer mit dem Gefühl, auf der Flucht und auf der Suche zu sein, voller Unruhe und Neugier. Während dieser Zeit entwickelte sich zwischen der nordischen Welt und mir ein Band. Gegenseitiger Austausch und Entdeckungen haben mein Leben bereichert und meine Sichtweise verändert, vor allem die fotografische.
Die Natur ist in Norwegen ein allgegenwärtiges Motiv: zwischen der Stille der Wälder und der Meeresbrise, die die Klippen umstreicht, dort, wo die Welt sich langsamer dreht und Gedanken aus dem Geist hervorsprudeln.

Mein Name ist Andrea, laut meinem Personalausweis bin ich 20 Jahre alt und komme aus einer Kleinstadt an der italienischen Adria. Oft verliere ich mich in diesem “Klick”, in dem kurzen Moment, den man braucht, um einen Ausschnitt des Lebens in ein Rechteck einzufangen, bevor sich die Blende schließt und alles dunkel wird. Manchmal ist dieser Moment nur ein flüchtiger Funke, der Bruchteil eines Lichtschimmers löst eine Wahrnehmung aus; andere Male aber entfacht dieser Funke eine lodernde Flamme, und ganze Sekunden, ja sogar Minuten lassen Gedanken in mir aufsteigen.

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Es gibt Ecken in Norwegen, die nichts mit den allgemeinen Klischees über dieses Land zu tun haben. Die großen Fjorde, die trostlosen Ebenen und die kalten, unendlichen Wälder überlassen wir dem Norden und Westen des Landes. Denn nun möchte ich Vestfold vorstellen, ein kleines Gebiet am Skagerrak. Von Schweden und Dänemark aus erreicht man diese Gegend westlich des Oslofjordes in nur wenigen Fährstunden. Sie ist die kleinste Provinz Norwegens, aber gleichzeitig eine der bevölkerungsreichsten. Dennoch verirren sich kaum Touristen hierher.

Die Wurzeln der Region reichen weit in die Geschichte zurück: Die Drachenschiffe, die entlang der Küste gefunden wurden, und Kaupang, die älteste in Norwegen entdeckte Siedlung (ihre Ursprünge gehen bis ins Jahr 760 n. C. zurück) lassen vermuten, dass hier die Heimat der Wikinger liegt. Jene Männer beherrschten die Nordsee und von solchen Stränden wie unten auf dem Bild stachen sie in See, um die Küsten von Island, Grönland oder Labrador anzusteuern.

Es ist also leicht nachzuvollziehen, warum die vier wichtigsten Städte allesamt an der Küste liegen. Sie erlebten über Jahrhunderte einen Aufschwung, da die Lage am Meer ihre Entwicklung begünstigte, durch den Fischfang und den Handel zwischen dem Atlantik und der Ostsee. Sandefjord, eine Stadt mit etwas über 40.000 Einwohnern, ist ein Beispiel dafür und hat sich dank ihres Industriehafens und des Walfangs entwickelt, der bis in die sechziger Jahre betrieben wurde. Nun erinnert das Walfangmuseum (Hvalfangst museet), das in Europa einzigartig ist, an seine Geschichte.

Doch Vestfold hat nicht nur Geschichte zu bieten. Für Kunstliebhaber lohnt sich auch eine Fahrt nach Stavern. Die kleine Hafenstadt mit ihrem exzentrischen Charakter ist berühmt für zahlreiche Künstler, die jeden Sommer in der umgebauten ehemaligen Werft und den Cafés und Museen zu Gast sind.

Wer sich jedoch einfach nur der Natur hingeben will, sollte sich Zeit nehmen und die Gegend langsam erkunden. Das typische Landschaftsbild ist geprägt von sanften Hügeln, hier und da sieht man rote Holzhäuser und Heuschober. Buchen- und Birkenhaine durchziehen die weiten Täler, und in den Buchten zwischen den harmonischen Felsformationen an der Küste findet man abgelegene, ruhige Strände oder kleine Inseln mit typisch norwegischen Sommerhäusern.

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Ein ganz anderes Norwegen. Hier ist die Natur nicht so imposant und ungezähmt wie im Westen; sie ist sanfter und harmonischer, auch dem Menschen gegenüber, der mit ihr im Einklang lebt. So liefert der Farris-See nicht nur sehr gutes Trinkwasser, sondern er ist gleichzeitig eine wichtige Ressource für die Wasserkraftwerke dieser Gegend, ganz zu schweigen von seiner natürlichen Schönheit. Wem es gelingt, in die Landschaft einzutauchen, wird sich wie durch einen Zauber beim Joggen im Wald wiederfinden, in einem Kanu auf einer spiegelnden Wasseroberfläche oder auf einem kühlen Felsen liegend, um das Lichtspiel der Natur der letzten Augusttage zu bewundern. Eine ruhige, aber zugleich intensive Stimmung voller leuchtender Farben, klarer Luft und kühlem Wind, der die Haut, aber auch die Sinne streichelt.

Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung von ©Andrea Briscoli. Weitere Werke dieses jungen Künstlers auf seinem Blog: Un ventenne tra i fiordi und seiner Webseite.