eine postalische odyssee

Artikel veröffentlicht am 8. Februar 2012
Artikel veröffentlicht am 8. Februar 2012

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Eine Quittung beantragen, Zugtickets kaufen oder ein Päckchen aufgeben: Was sich in Europa schnell erledigen lässt, kann in Indien Stunden dauern. Das lässt sich aber nicht nur auf dielaissez faire Einstellung der Inder, hier shanti(Friede) genannt, zurückführen. Oft ist an den tödlichen Wartezeiten die indische Bürokratie schuld. So kann ein einfacher Gang zur Post schnell zur Odyssee werden.

9.30h Obwohl ein Schild an der Hauptpost von Mangalore in großen Lettern verspricht, dass die Schalter jeden Tag um halb zehn öffnen, ist natürlich noch keiner da, als ich aus der Rickshaw steige. Drei Gläser Chai später stehe ich endlich am Schalter, nur um mir von der missgelaunten Postbeamtin anhören zu müssen, dass ich mein Paket nur beim Schneider nebenan nähen lassen könne. In Indien werden Päckchen nämlich nicht in Pappkartons sondern als hübsche Stoffwürstchen versandt. Nach längerem Suchen finde ich schließlich den Schneider, der natürlich noch geschlossen hat. Der Mann im Nebenladen, der gerade ein paar Röcke aufhängt, bedeutet mir grummelnd, ich solle nicht vor seiner Auslage warten.

10.26h Namasté! Ein rundlicher Mann mit Aktentasche springt von seinem Moped und kommt lächelnd auf mich zu. Noch bevor er hinter dem Tresen Platz genommen hat, beginnt er eine lebhafte Debatte über Korruption in Indien: „Das ist doch unmöglich! Alle sind korrupt, Politiker, Ärzte und vor allem die Polizei!“ Um Polizist zu werden, so belehrt er mich, müsse man ungefähr 50 Lakh Rupien (ca. 76.310 Euro) Schmiergeld zahlen, weswegen die meisten Anwärter einen Kredit aufnähmen. Der sei natürlich mit den regulären 15.000 Rupien (ca. 230 Euro), die ein Polizist im Jahr verdiene, nicht zurückzuzahlen und deswegen seien alle so bestechlich.

10.55h Während der Schneider sich über den Zustand Indiens erhitzt, schaue ich mich in seinem Laden um und wundere mich, dass er neben Nähmaschinen auch noch allerhand Küchenelektronik und Krimskrams verkauft. Da ich überhaupt keine Stoffe im Laden entdecken kann, nutze ich eine kurze Pause, um zu fragen, wann denn mein Päckchen genäht werden könne. Ohne mit der Wimper zu zucken nippt er an seinem Tee und meint: „Ich bin kein Schneider. Das macht der nebenan.“

11.00h Genervt wende ich mich erneut an den runzeligen Mann im Nebenladen, der mir in unverständlichem Englisch zu verstehen gibt, ich solle warten. Warum er mir nicht gleich gesagt hat, dass er der Schneider ist, sondern mich stattdessen in den falschen Laden geschickt hat? Solche Fragen darf man in Indien erst gar nicht stellen.

11.05h Nachdem er seinen Laden endlich in Schuss gebracht hat, reißt mir der Schneider fast meine Plastiktüte aus der Hand. Mit ein paar akkuraten Stichen verwandelt er das Ganze in Sekundenschnelle in ein rundes Päckchen. Kostenpunkt: 30 Rupien (50 Cent).

11.12h In der Zwischenzeit hat sich die Laune der Beamtin nicht gebessert. Nach langem Hin und Her legt sie mir ein Formular vor, das ich ausfüllen solle. Kaum beginne ich zu schreiben, reißt sie mir das Papier aber auch schon wieder aus den Händen und bedeutet mir hysterisch, dass ich es zuerst „xeroxen“ müsse, was in Indien so viel wie „kopieren“ heißt. Ich mache mich also auf die Suche nach einem Copyshop und werde schließlich in einem Hinterhof fündig.

11.27h Zurück in der Post meckert mich die Beamtin an, dass ich nicht genug Kopien gemacht habe. Während ich mir noch überlege, ob ich ihr einfach mein Päckchen an den Kopf knallen und die ganze Sache bleiben lassen solle, entschuldige ich mich höflich und trabe zurück zum Copyshop.

11.35h Erleichtert, nun endlich alles beisammen zu haben, fülle ich das erste Formular aus und lege es der Postbeamtin vor. Daraufhin bedeutet sie mir, dass ich auch die anderen sieben mit den exakt gleichen Angaben zu versehen habe. Meine genervte Frage, warum ich denn nicht zuerst das Papier ausfüllen und dann die Kopien habe machen können, versteht sie nicht. Als ich zum achten Mal die Heimatadresse meiner Eltern aufschreibe, gibt mein Stift seinen Geist auf.

11.56h Nachdem ich die Adresse auch noch zwei Mal auf das Päckchen geschrieben habe, beginnt die Beamtin, es abzutasten und das Gesicht zu verziehen. Aus einem mir unerfindlichen Grund scheint sie zu glauben, dass ich Whiskey nach Deutschland schicken wolle, und wirft mir strafende Blicke zu. Schließlich beäugt sie argwöhnisch die Adresse auf dem Päckchen und dem Formular und behauptet, es sei nicht dieselbe. Während ich ihr zunehmend genervter zu zeigen versuche, dass die Namen und Postleitzahlen alle übereinstimmen, schießt mir ein Zitat aus Shashi Tharoors The Great Indian Novel durch den Kopf: „Die Bürokratie ist gleichzeitig die schrecklichste Krankheit und die am Höchsten entwickelte Kunstform Indiens. Jeder offizielle Akt in unserem Land hat fünf Stufen mehr als woanders und es werden fünf zusätzliche Personen gebraucht, um ihn auszuführen – gleichzeitig bewahrt dieser Prozess aber auch fünf potentielle Arbeitslose davor, auf der Straße zu landen.“

12.00h Es dauert ungefähr noch einmal so lange, bis ich die Beamtin dazu bewogen habe, meine Hoteladresse als Absender zu akzeptieren. Schließlich druckt sie mir aber doch einen Sendeschein aus und klebt ihn auf das Paket.

12.14h Um 1055 Rupien (ca. 16 Euro) und viele Nerven ärmer trete ich vor das Postgebäude und trinke als erstes einen chai (Milchtee), um mich abzureagieren. Wenn Kafka Inder gewesen wäre, hätte er sicher nicht weniger beeindruckende Romane geschrieben. Abwarten und Tee trinken während man darauf wartet, dass sich eine Schlange auflöst oder dass ein Beamter aus seinem Büro tritt, gehört in Indien einfach dazu. Aber was wäre dieses Land schon ohne seine tödlich langen Wartezeiten? Wenigstens habe ich heute dazu beigetragen, fünf Inder in Lohn und Brot zu halten.

Vier Wochen später beweist sich die schier unglaubliche Effizienz der indischen Bürokratie dann aber doch. Mein Päckchen kommt wohlbehalten in Deutschland an, was ich schon kaum mehr erwartet hatte. Ganz wie die Inder so schön auf Hindi sagen: Saab kuch milega! Alles ist möglich!