Ein vorbildliches Modell?

Artikel veröffentlicht am 25. Juli 2005
Artikel veröffentlicht am 25. Juli 2005

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Skandinavien wird vom restlichen Europa oft als ein Wunderland betrachtet. Eine Gegend, in der wirtschaftliche Stärke und ein solides Sozialsystem eine harmonische Verbindung eingehen. Aber was denken Skandinavier über ihr "perfektes" System?

"In Dänemark zahlt man zwar hohe Steuern", begeistert sich ein Däne, "aber du bekommst eine funktionierende Gesellschaft für dein Geld. Es ist nicht wie in den USA, wo private Unternehmer bestimmen, wer was bekommt." Um diese uneingeschränkte Unterstützung für das eigene System zu verstehen, hilft es, einen Blick auf die Wirtschaft dieser Länder zu werfen, die "stark exportabhängig und international orientiert sind. Die Leute meinen, den Rest der Welt gesehen und das beste Modell für sich gewählt zu haben", erläutert ein schwedischer Beamter.

Eine korrupte Mentalität

Während viele von den skandinavischen Idealen begeistert sind, erscheint die Realität alles andere als rosig. Eine dänische Praktikantin in der Europäischen Kommission erklärt: „Das Modell funktioniert unter der Prämisse, dass die Menschen daran glauben. Heute sehen die Leute die Vorteile nicht mehr und deshalb hinterziehen sie Steuern, indem sie auf dem Schwarzmarkt arbeiten. 4 Milliarden dänische Kronen (500 Millionen Euro) gehen so jedes Jahr verloren.“ Andere bestätigen diesen Eindruck. Sie beklagen den Solidaritätsverlust der vergangenen Jahre: „Die Arbeitsmoral der Sechziger gibt es heute nicht mehr“, erklärt Magnus von Schéele, ein schwedischer Praktikant. „Unser einst gewissenhaftes, hart arbeitendes Volk lässt sich heute durch staatliche Ausgleichszahlungen beschwichtigen. Die Mentalität der Leute ist korrupt.“

Für diese Entwicklung werden die Regierungen verantwortlich gemacht, die, so glauben viele Skandinavier, unempfänglich sind für die Bedürfnisse des internationalen Marktes. Fehlende Risikobereitschaft und Investitionsanreize für

kleine Betriebe sind wiederkehrende Kritikpunkte. Magnus von Schéele erklärt: „Die Regierungen würgen allmählich den Unternehmergeist ab, die Leute dürfen einfach keinen Erfolg haben." Ein anderer Schwede macht den überführsorglichen Staat für die nationale Apathie verantwortlich. „Man kann von den Menschen nicht erwarten, etwas Neues auszuprobieren, wenn man ihnen 80% ihres Gehaltes als Arbeitslosengeld zahlt.“ Jacob von Oelreich, ein schwedischer Mitarbeiter der Europäischen Kommission stimmt zu: „Die Regierungen müssen es attraktiv machen zu arbeiten. Heute kann jeder einen Job nach dem anderen ablehnen, ohne dass es Konsequenzen hätte. Das System müsste mehr Engagement von den Leuten fordern.“

Das Ende des skandinavischen Traums?

Wenn es jedoch letztendlich an substantielle Reformen geht, kommt die Nostalgie. Jacob von Oelreich bedauert, das Sozialsystem in Schweden bröckeln zu sehen: „Die letzten 15 Jahre haben viele Veränderungen mit sich gebracht. Viele Privatschulen und eine private Gesundheitsversorgung sind entstanden. Das auf den Staat gestützte Versorgungssystem bricht zusammen und das ist sehr traurig. Die Dinge entwickeln sich definitiv in die falsche Richtung.“ Andere halten die Liberalisierung entgegen, die im Mittelpunkt der Reformdebatte stehen. „Es gibt heute keine Visionen in Schweden.“ kritisiert ein schwedischer Beamter. „Die Regierung müsste ein paar progressive Ideen entwickeln, aber sie wissen nicht, wie sie das anstellen sollen. Das ganze System fliegt ihnen um die Ohren.“ Ein in Brüssel lebender Finne ist ebenso pessimistisch. „Die finnische Regierung denkt wirtschaftlich und kürzt die staatlichen Leistungen, aber ein System, das nur halbwegs funktioniert, ist manchmal schlimmer, als gar kein System. Die Politiker denken nicht über Alternativen nach, weil große Veränderungen leichter Widerstand provozieren als kleine.“

Zwänge des Binnenmarkts

Was also ist die Lösung? Einige Skandinavier äußern ihre Besorgnis und fürchten, Europa würde ihre hausgemachten Sozialsysteme wegdekretieren. So wie Jacob von Oelreich: „Brüssel entfernt alle Hindernisse, die dem freien Markt entgegenstehen könnten, ohne ein soziales Gegengewicht zu schaffen.“ Andere sehen optimistischer in die Zukunft. Eine schwedische Praktikantin hofft, dass die Mitgliedschaft in der Europäischen Union auf Dauer einen Wechsel in der nationalen Mentalität bewirkt, denn „Teil der EU zu sein, bringt uns dazu, darüber nach zu denken, ob unsere Model das richtige ist oder nicht. Es ruft uns Alternativen ins Bewusstsein.“ In der Tat könnte die europäische Dimension einen Anreiz bieten, sich von alten Systemen zu verabschieden, die wenig an die Anforderungen eines größer werdenden liberalen Marktes angepasst sind. Doch während Brüssel den Druck für mehr Wettbewerb und Wachstum erhöht, bleibt abzuwarten, ob Skandinavien die Anpassung gelingt, ohne seinen Ruf als Sozialstaats-Europameister einzubüßen.