Ein Türke bleibt für Erdogan immer ein Türke

Artikel veröffentlicht am 15. Februar 2008
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Artikel veröffentlicht am 15. Februar 2008
Bei seinem Besuch in Deutschland hat Erdogan die Türken vor Assimilation gewarnt und türkische Schulen gefordert. Dass hierzulande niemand mehr die Aufgabe der eigenen Kultur oder Sprache verlangt, scheint ihm ebenso entgangen, wie dass eine türkische Schulbildung kaum die Voraussetzung zur Integration in die Gesellschaft ist. Freitag 15.
Februar 2008

Es muss schon erstaunen, wenn der türkische Premierminister Recep Tayyip Erdogan in seiner Kölner Rede Assimilation als ein „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ bezeichnet, indessen in der Türkei Kurden, Armenier und Christen noch immer ihre kulturellen Rechte verweigert werden, da der Staat ihnen eine eigene Identität nicht zugesteht. Es muss schon erstaunen, wenn Erdogan die in Köln versammelten Deutschtürken als „Mitbürger“ vereinnahmt, indessen ihre Vertreter in Deutschland noch immer darum kämpfen, nicht länger als Ausländer ausgegrenzt zu werden.

Wer vor den Gefahren von Assimilation und Kulturverlust spricht, hat offensichtlich von der deutschen Debatte um Einwanderung und Integration keine Ahnung. Weder ist zu beobachten, dass sich die türkischen Migranten von ihrer kulturellen Herkunft abwenden und der deutschen Lebensweise angleichen, noch wird dies von der Politik gefordert. Mit dem Integrationsgipfel im Kanzleramt und der Islamkonferenz des Innenministeriums hat man vielmehr erste Schritte zur Anerkennung der Migranten, allen voran der Türken, als eigenständiger Teil der deutschen Gesellschaft gemacht.

Seine Politik ist ambivalent aber erfolgreich

Erdogan ist eine schillernde Persönlichkeit, die es versteht, verschiedenste Menschen anzusprechen, dessen Position dadurch aber oft schwer zu fassen ist. Seine Partei umfasst unterschiedlichste Gruppen von liberalen Unternehmern, die auf eine Öffnung der Wirtschaft hoffen, über Teile der städtischen Jugend, die sich von ihr Fortschritte auf dem Weg nach Europa versprechen, bis zu konservativen Muslimen, die von ihr die Bewahrung religiöser Werte erwarten. All diese Erwartungen zu erfüllen, führt notwendigerweise zu Widersprüchen in seiner Politik.

Zur Verwirrung trägt bei, dass er zuletzt versucht hat, durch sein hartes Auftreten gegenüber den kurdischen Rebellen, durch seine Zustimmung zum Einmarsch im Nordirak sowie durch seine Zurückhaltung bei der Abschaffung des den Nationalisten so wichtigen Paragraphen 301 (Beleidigung des Türkentums), die Militärs milde zu stimmen. Zugleich ist es ihm aber auch gelungen, mit der Aufhebung des Kopftuchverbots an Universitäten im Parlament einen wichtigen Erfolg zu verbuchen, selbst wenn das von den Nationalisten beherrschte Verfassungsgericht der Reform noch zustimmen muss.

Für ihn bleibt auch ein Migrant ein Türke

Ähnlich ambivalent war sein Auftritt in Deutschland. Einerseits sorgte er mit seiner Warnung vor der Assimilation und seiner Forderung nach der Gründung türkischer Schulen und Universitäten in Deutschland für Widerspruch. Andererseits suchte er in Ludwigshafen nach dem Brand eines Mehrfamilienhauses, bei dem neun Türken ums Leben gekommen waren und bei dem der Verdacht eines fremdenfeindlichen Anschlags in der Luft hing, die aufgebrachte Stimmung zu beruhigen. Und auch in seiner Kölner Rede rief er die Deutschtürken auf, sich nicht länger als Gast oder Fremder zu begreifen.

Dennoch wäre ein klarerer Appell für das frühzeitige Erlernen von Deutsch der Integration sicherlich dienlicher gewesen, als seine Forderung nach der Gründung türkischer Schulen. Wer hier geborene Menschen mit deutschem Pass noch immer als Türken begreift und sie auffordert, ihre türkischen „Wurzeln“ nicht zu vergessen, kommt letztlich nur all jenen Deutschen entgegen, die in diesen Menschen noch immer Fremde sehen.