Ein Stück Zukunft

Artikel veröffentlicht am 19. Juni 2006
Artikel veröffentlicht am 19. Juni 2006

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In einem Warschauer Altenheim für Kriegsveteranen schaffen Menschen aus den Relikten der Vergangenheit eine Gegenwart frei von jeder Zukunft.

Die Sowjets hatten seltsame Visionen einer neuen Welt. Inmitten grauer Wohnblöcke, die einen Großteil Warschaus ausmachen, steht eine kleine Ansammlung von Gebäuden – mondän, sich wiederholend, funktionell. Sie sind das Vermächtnis einer Stadt, die im Zweiten Weltkrieg völlig zerstört und von den Sowjets wieder aufgebaut wurde. Erst jetzt zeigen die Läden an den staubigen Straßenecken glänzende Warenauslagen; die Grünfläche vor dem Altenheim für Kriegsveteranen erinnert an Los Angeles.

Auf dem kurzen Betonweg zum Eingang gehen ältere Ehepaare unendlich langsam an einem Kriegsdenkmal vorbei, während andere sich in Gruppen auf Steinbänken zu einem Gespräch niedergelassen haben. Willkommen in der neuen Welt. Europa wird alt, laut Schätzungen der Vereinten Nationen werden bis zum Jahr 2050 ein Drittel der Bevölkerung über 65 Jahre alt sein. Es geht nicht nur darum, ob die Renten sicher sind. Sondern darum, was diese Entwicklung für unser Leben bedeutet: Europa löst sich von einem System, das auf Reproduktion und Erhaltung der Art abzielte.

Die Alten sind die neue Jugend

Auch in Polen zeigt sich dieser Trend. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass bis zur Jahrhundertmitte 30 Prozent der polnischen Bevölkerung über 65 Jahre alt sein werden, während die Bevölkerung Polens um 15 Prozent geschrumpft sein wird. 1999 unternahm Polen mit der Einführung eines innovativen neuen Rentensystems den Versuch, die wirtschaftliche Krise abzuwehren, die eine solche Entwicklung auslösen würde.

Die Menschen im Warschauer Altersheim betreffen diese Reformen nicht. Jeder, der vor 1949 geboren wurde, erhält weiterhin Rentenzahlungen nach dem alten System. Es war genau dieses System, unter dem das Altenheim für Kriegsveteranen vor 25 Jahren gebaut wurde. Rund 130 Menschen arbeiten hier und sorgen für die rund 200 Heimbewohner. Trotz des fleckigen grünen Fahrstuhls und der engen, schwülen Flure scheint dies ein guter Ort zum Leben zu sein: Er ist sauber und ordentlich. Es gilt als eines der besseren Altenheime Warschaus.

Das Haus der Erinnerungen

Die Zimmer sind groß, aber voll. Als wir eines von ihnen betreten, tauchen überall Gesichter auf. Es sind Photographien der lange verschiedenen Angehörigen, Medaillen und Puppen – alles strahlend sauber. Die Geschichte von Irena Putkiewicz, die in diesem Zimmer wohnt, ist die verzwickte Geschichte Polens im Zwanzigsten Jahrhundert. Irena Putkiewcz wurde 1934 geboren. In den Furchen ihres Gesichts scheinen sich all die Ereignisse ihres Lebens zu spiegeln: Sie nahm an den Warschauer Aufständen teil und wurde deshalb von den Deutschen verfolgt, hat im Konzentrationslager überlebt, war politische Gefangene des Kommunistischen Regimes.

Relikte der Erinnerung erleuchten ihre Geschichte. Irena erzählt, wie sie gezwungen wurde, das Haus ihrer Familie und das Vermächtnis ihrer Eltern, beide Akademiker, aufzugeben – die gebildete Schicht Polens wurde während des Zweiten Weltkriegs zerstört. Ein Brief von Spielbergs Survivors of the Shoah Visual History Foundation liegt in ihrem Zimmer, doch er scheint fehl am Platz, ohne Aussagekraft neben den Erzählungen der alten Dame. Irena beugt sich vor und zeigt uns die Kriegswunde, die sie dazu berechtigt, hier zu wohnen. Ein Moment der Geschichte, den ihr Körper festhält.

Andere, sagt sie, haben nicht das Recht, hier zu wohnen. Es gibt eine lange Warteliste. Sie selbst wohnt seit 16 Jahren hier. Wenn man jedoch genug Geld hat, kann man die Liste überspringen – Irena behauptet, viele Einwohner des Heims seien gar keine Kriegsveteranen. „Heutzutage ist jeder korrupt“, beschwert sie sich. „Die Arbeiter stehlen das Essen, die Medikamente kommen nie an. Ich habe mich dafür eingesetzt, dass wir ein Auto bekommen, um die Leute herumzufahren. Jetzt haben wir eines, aber nur die Ehefrau des Direktors benutzt es und der Chauffeur schläft hier im Heim.“

Irena beklagt die Veränderungen nach dem Zweiten Weltkrieg: Warschau war zerstört, die intellektuelle Elite massakriert. „Leute vom Land“ übernehmen die Macht, „die sich einen Anzug anziehen und deshalb denken, sie seien wer.“ Der Kommunismus ist inzwischen verschwunden, aber die Korruption hat überlebt. „Bei allem geht es heutzutage ums Geld, es gibt keinen Respekt mehr.“

Irena gibt zu, dass sie selbst nicht besser sei. „Einmal musste ich ins Krankenhaus. Als ich dort ankam, ließen sie mich einfach allein – bis meine Familie kam und dem Arzt einen Umschlag zusteckte. Aber was sollen wir sonst machen? Wie sollen wir sonst eine Behandlung bekommen?“

Während sie spricht, ertönt draußen ein Glockenschlag, der den Beginn der Nachmittagsmahlzeit ankündigt. Eine kleine Schüssel mit Suppe, ein paar Würstchen – das reicht kaum, um satt zu werden. „Sehen Sie?“ ruft Irena gestikulierend. Doch irgendwie passt diese kleine Portion nicht zu den Schüsseln voller Erdbeeren und den Bergen von Kuchen, mit denen Irena uns willkommen geheißen hat.

Immer etwas zu tun

Dank ihres Ehemanns, der als Pilot diente, erhält Irena das Doppelte der sonst üblichen Rente und kann sich hin und wieder etwas leisten. Normalerweise zieht das Heim drei Viertel der Rente ein, den Bewohnern bleibt nur wenig. Heimbewohner mit einer niedrigeren Rente haben es schwer, erzählt uns eine Freundin von Irena. Sie hat bei den letzten Wahlen für Lech Kaczynski, den Chef der konservativen Partei für Recht- und Gerechtigkeit, gestimmt. Doch jetzt fühlt sie sich betrogen: „Die tun nichts für uns. Bei jedem sind es die gleichen Versprechungen und die gleiche Korruption.“

Irena ist immer beschäftigt. Sie steht jeden Tag um sechs Uhr morgens auf und arbeitet für einen Verein berenteter Piloten. Auch Maler und Bildhauer sind im Altenheim anzutreffen. Von den Forderungen der Gesellschaft scheinen die Rentner befreit und keiner verfällt dem Aufhol-Kapitalismus eines Rentnerurlaubs.

Sogar in der kleinen Kapelle im zweiten Stock herrscht Betrieb – Durchschnittlich 100 Menschen kommen zu den Sonntagsgottesdiensten. Vor einigen Jahren fand hier auch eine Hochzeit statt: ein 100-Jähriger und eine 50-Jährige gaben sich das Jawort. Auch die anderen Heimbewohner, mit denen wir sprechen, scheinen glücklich zu sein: Sowohl Rajmund (82) als auch Maigonata (96) genießen es, in diesem seltsamen Gebäude am Ende der Geschichte zu leben. Wir verlassen das Heim und sehen den alten Menschen dabei zu, wie sie, die Arme voller neuer Frühlingserdbeeren, langsam zurück ins Haus gehen. Wir können nicht umhin zu denken, dass wir soeben ein kleines Stück der Zukunft gesehen haben.