Ein resignierter Journalist. Beschwere dich!

Artikel veröffentlicht am 22. Oktober 2011
Artikel veröffentlicht am 22. Oktober 2011
Ein Interview von Emmanuel Haddad übersetzt von Jasmin Klötzing. Zwei Monate vor den Parlamentswahlen hätte Spanien beinahe eine, durch einen aus Politikern bestehenden Aufsichtsrat, kontrollierte staatliche Tagesschau bekommen. Kommt ihnen das normal vor? Alba auch nicht. Die Gründerin von Reset (http://theresetproject.tumblr.
com), einer Plattform für „junge, spanische Journalisten und Foto-Journalisten, die den gegenwärtigen Journalismus neu formulieren wollen, ihn noch einmal neu anfangen wollen“, hat damals nicht geahnt, dass zwei Monate nachdem sie ihre Entrüstung geäußert hatte eine Bewegung der Empörung geboren werden würde. Fragen an eine empörte Journalistin, am Vorabend des 15.Oktober [Am 15.Oktober fanden weltweit Demonstrationen gegen die Macht der Banken statt].

Cafebabel.com: Was verbindet dich als Journalistin mit dem 15.März? [Am 15.März begann die große Protestwelle gegen die staatlichen Kürzungen und die Politik der Banken in Spanien.]

Alba, unabhängige Journalistin, Gründungsmitglied von Reset www.theresetproject.com 

Die ersten Tage der Bewegung 15M erlebte ich als Bürgerin. Damit will ich sagen, dass ich mich von einer beginnenden Bewegung angezogen gefühlt habe, die eine Sehnsucht ansprach, die ich schon seit einiger Zeit hatte, jedoch weder teilen konnte, noch außerhalb des Internets genügend heranwachsen lassen. Diese Sehnsucht äußerte sich in dem Wunsch nach einem kritischen Blick auf die Wirklichkeit. Eine Wirklichkeit, die eine unsichtbare Diktatur ist. Als Journalistin bin ich auch sehr kritisch mit dem Berufsstand an sich, weshalb ich der Meinung bin, dass die Masse der etablierten Medien ihre soziale Funktion, sowie ihre Funktion als Gegengewicht der staatlichen Gewalten, verletzt haben. Das kommt daher, dass  die Hauptziele dieser Unternehmen Rentabilität und Einfluss auf die nationale Politik und die wichtigsten Lobbys sind (niemals zuvor war eine Redaktion ein luxuriöser Ort und ein Journalist auch kein wohlhabender Mann). Die Medien sind für viele Bürger, vor allem die jungen, nicht mehr interessant, weil sie sich von der Wirklichkeit des Alltags entfernt haben, um sich einem Informationsmodell von Agenturen und der Pflege von Inserenten zuzuwenden. 

Während die Tage verstrichen und man die äußerst schlechte Berichterstattung der staatlichen Massenmedien, über das was auf den spanischen Plätzen passierte, beobachten konnte - eine Tatsache, die das Eingreifen seitens der Aufsichtsratsmitglieder der politischen Parteien dieser Sender offenbarte - , ist mir klar geworden, dass ebendiese Berichterstattung den Bürgern endlich das [reale] Mediensystem entblößte. Selbst die Bürger begannen sich über die Berichterstattung der staatlichen Medien zu beschweren und contra-Informationen zu erzeugen, um neue Wege alternativer Kommunikation durch das Internet zu eröffnen. Das parallele Universum der Informationen, das bereits durch das Internet geboren worden war, entwickelte sich und breitete sich über viele andere Schichten der Gesellschaft aus. Auf diese Weise bewiesen die Massenmedien, die die vierte Macht im Staat sein sollten und eine demokratische Gesellschaft garantieren müssten, ihre Parteilichkeit, Zensur und Manipulation. Selbst die normalen Bürger hielten sie für Mitglieder des Dreizacks der Gewalten:  politische Parteien (politisches System), Banken (Finanzsystem) und die Medien (Mediensystem). Endlich sind sich die Leute über die Notwendigkeit und Bedeutung des Journalismus, der Kommunikation, und darüber das die gegenwärtigen Strukturen der traditionellen, verschmähten und verletzten Medien uns auch nicht repräsentierten, klar geworden.

Unser Projekt Reset für digitale, partizipative und multimediale Medien, haben wir schon Monate zuvor ins Leben gerufen und der 15M hat uns die Chance geben unseren Bestehensgrund und den wachsenden Bedarf nach einem Netz von alternativen Medien im Internet zu bestätigen. In der Tat sprachen wir in unserem Manifest, das wir Monate vorher veröffentlichten, bereits über dieses Gefühl der „Nicht-Repräsentation“, das die traditionellen Medien in uns hervorrufen, weil sie offensichtlich mehr und mehr in Richtung der mächtigen Gruppen streben.     

Cafebabel.com: Der 15M hat sich immer als offen und bodenständig definiert. Glaubst du, dass das der Grund dafür ist, dass die Protestwelle heute über verschiedene Bereiche der spanischen Gesellschaft, wie Bildungswesen, Journalismus und Gesundheitswesen vertreten wird? 

Alba: Ich würde sagen, dass der Prozess andersherum stattgefunden hat. Die Bürger und Bürgerinnen, aller politischen Tendenzen, Berufe und Klassen, stimmen in dem Gedanken überein, dass die Immunität des Finanzsystems und dessen Vormacht in Bezug auf die Sozialrechte, Menschenrechte und demokratischen Rechte ein Ende finden muss. Wir stehen vor einer Fehlanpassung einer sozialen, extrem vernetzten, aktiven und kritischen Realität und den Institutionen, die sie repräsentieren. Ich denke, dass der 15M eine spontane und auch organisierte Antwort auf ein Rumoren war, das bereits in Bars, Schulen und medizinischen Einrichtungen und letztendlich in der Gesellschaft präsent war. Was denken wir woher der wachsende politische Unwillen, die Absatzkrise der Medien und das Misstrauen in die Justiz, die Korrupte und Diebe mit weißen Handschuhen aburteilen müsste, kommen? Woher kommt der Eindruck, dass uns die Banken bestehlen? Und die Abkehr der Leute von der Öffentlichkeit?

Cafebabel.com: Wie informiert ein empörter Journalist?

Alba: So wie es jeder Journalist machen müsste. Er sollte frei und ohne Verbote arbeiten. Er muss seinen Beruf vor den polizeilichen und politischen Kräften verteidigen. Ein Journalist sollte seine persönlichen Standpunkte, seine Vorurteile, beiseite lassen, auch wenn eine Objektivität an sich nicht existiert; Er sollte immer pluralisch sein, aber muss ein besonderes Interesse dafür haben, zu berichten, was auf der Straße geschieht, was sich an nicht sichtbaren Orten ereignet; das zu erzählen, was andere nicht erzählen können; die zu hören die die Mächtigen verstummen lassen wollen; sich für die Realität jenseits der Pressekonferenzen einzusetzen. Jeder Journalist der großen etablierten Medien weiß, dass die Berichterstattung der ersten Tage des 15M eine Schande für die Profession und für die Pressefreiheit sind.

Ein Journalist will und sollte kritisch mit den Strukturen sein, die ihn einbinden, denn mit der geschäftlichen Umwandlung, die die Massenmedien erlitten haben, wird verstärkt der Sinn und der soziale Wert des Berufstandes verringert und erstickt. Ein Journalist muss sich belastbar fühlen, um die Macht zu erforschen und die bürokratischen Hürden zu brechen, die dies verhindern wollen, und sollte das Dasein von Tabu-Themen vergessen. Obendrein soll er all dies umsetzen, ohne die Notwendigkeit sich dem 15M verbunden zu fühlen.

Cafebabel.com: Wo liegen die Fehler im spanischen Mediensystem?

Alba: Das spanische Mediensystem hat sich einerseits dadurch verdorben, dass es die Rentabilität, die Gewinne, der Qualität der Informationen voranstellt. Der Hund beißt sich selbst in den Schwanz: Um Kosten zu sparen, amputiert man die Produktion von eigenen Inhalten (Korrespondenten, Reporter, Recherchen: Alles was eine „Tageszeitung“ zur eigenen journalistischen Stärke beisteuern kann), um sich mehr und mehr von Informationen und Bildern der Agenturen zu ernähren. Die Bürger, die nicht dumm sind, wissen, dass es sich nicht lohnt für etwas zu zahlen, das mehr oder weniger überall veröffentlicht werden wird. Sie wissen, dass sie sich beim Öffnen der Tageszeitung nicht überraschen werden, sondern dass sie einem oberflächlichen Gutachten der Realität begegnen werden. Unter solchen Umständen verringern sich die Verkaufszahlen sogar noch mehr und die Vorstandsmitglieder machen alles, um die Inserenten zu halten - wie beispielsweise ein  Veto für unangenehme Informationen für diese einzulegen - und führen ihre Politik des Kostenabbaus fort, bis sie sich zu einem inhaltslosen Massenmedien machen. Sie führen dies auf ein günstiges Konzept zurück. Für mich ist es eine inhaltliche Notlage.

Auf der anderen Seite hat sich das spanische Mediensystem Investitionen in andere produktive Sektoren und dem Spiel auf dem Parkett der nationalen politischen Szene ausgeliefert. Sie geben ihre Seiten für eine parallellaufende parlamentarische Debatte her, die den gewidmeten Platz für Meinungen wesentlich wachsen lassen hat. Es gefällt ihnen Macht in der nationalen Politik auszuüben, während sie die Spanier und Spanierinnen vergessen. Im Hinblick darauf würde ich sagen, dass „Salvados“ [Wörtlich: Die Geretteten], ein Fernsehprogramm der Sexta [Privater Fernsehkanal], welches sich auf die Sparte Infotainment festgelegt hat und von Jordi Evole präsentiert wird, heutzutage in der Masse der Medien eine herausragende, journalistische Funktion verwirklicht. Wir stehen also Medien mit Belegschaften aus gut bezahlten ehemaligen Sternchen der Branche gegenüber, welche nicht auf die neuen Generationen setzen und die Posten der Vorstandsmitglieder von klassischen und erfahrenen Journalisten geräumt und mit politischen Unternehmern besetzen haben. Mit dem Einsatz für die informative Degradierung und die Ernährung durch Agenturen sowie mit einer Politik der Selbstzensur - durch Inserenten, eigene Investoren und politischen Einfluss-, fragt man sich, wofür diese überhaupt noch dienen. Also ich erinnere mich nicht.

Daher ist unser Ziel, dass junge Journalisten aus der ganzen Welt, aus einer generationsbedingten und transversalen Perspektive, an der Neuformulierung der Profession teilnehmen. 

Wir brauchen euch!!!  www.theresetproject.com