Ein Rechter im Radio: Die Nigel Farage Show

Artikel veröffentlicht am 10. Januar 2017
Artikel veröffentlicht am 10. Januar 2017

[Kommentar] Die Nachricht, dass der ehemalige UKIP-Chef und prominente Brexit-Vertreter Nigel Farage seine eigene Radioshow moderieren würde, erinnerte viele an Lord Haw Haw - den britischen Broadcaster, der während des Zweiten Weltkriegs prodeutsche Propaganda verbreitete. Aber die erste Sendung der Nigel Farage Show verlief überraschend ruhig.

Die Show beginnt mit apokalyptischer Chormusik und einer Sammlung der besten Sprüche von Nigel Farage (mit dabei seine “Independence Day”-Rede vom Tag nach dem Brexit-Referendum und sein beleidigender Kommentar gegenüber Herman van Rompuy). Somit wird gleich klar, dass die Produzenten von LBC wussten (Leading Britain’s Conversation, ein digitaler Radiosender, Anm.d.Übers.), warum sich die Menschen für ihre neueste Show interessieren würden. Aber alle, die erwartet hatten, dass Farage die Sendewellen unter Strom setzt, müssen von der Ausstrahlung am Montagabend enttäuscht sein. 

Wer überrascht ist, dass ein führender Politiker - und vor allem einer wie Farage - seine eigene Radioshow bekommt, dem sei gesagt, dass Farage bereits in der Vergangenheit bei LBC, einem der wenigen britischen Medienhäuser, die das ganze politische Spektrum abdecken, aufgetreten ist. Es wird von verschiedenen Moderatoren im Wechsel geführt, darunter die Skandal-Kolumnistin der Daily Mail Katie Hopkins aber auch der pro-EU Journalist James O’Brien, dessen Schlagabtausche mit Brexiteers regelmäßig viral gehen.

„In der Show dreht sich alles um dich“, sagte Farage in seinem Eröffnungsmonolog. „Egal ob du Remainer bist oder Brexiteer, ich will hören, was du denkst!“ Und damit öffnete er die Telefonlinien. Die Show, die daraus zu bestehen scheint, dass Farage den Zuhörern jedes Mal eine andere Farge stellt, beschäftigte sich in der ersten Ausgabe mit der Frage, ob Theresa May angesichts des Referendum-Ergebnisses 'zu vorsichtig' sei.

Wer währenddessen "UKIP Bingo" spielen wollte, hat schnell gewonnen: Alle der typischen Phrasen, wie 'Remoaner' und 'will of the people' kamen sofort auf, und Farage wurde aufgefordert, die Brexit-Verhandlungen zu führen (und sogar das Land). Aber der Ton der Show blieb fast surreal ruhig. Vielleicht erfordert dieses altmodische Format auch altmodische Höflichkeitsformen. Schließlich ist es einfacher, sich hinter einem Tweet zu verstecken, als bei einem öffentlichen Sender anzurufen und mit seiner eigenen Stimme für das Gesagte einzustehen. Aber vielleicht riefen auch einfach Anrufer von so fernen Orten wie den Philippinen und Dallas, Texas an, um sich in die Diskussion einzuklinken. 

Dazu hat auch beigetragen, dass die meisten Anrufer mit dem Resultat des Referendums einverstanden waren, und sich nur mit der Handhabung der Verhandlungen der Ministerpräsidentin nicht einverstanden zeigten. Die einzige Stimme von Unzufriedenheit kam von Chris aus Manchester, der Farage fragte, wie er dazu steht, „das britische Volk zu dieser Entscheidung geführt“ zu haben. Eine Anklage, die man nicht als vernichtend bezeichnen würde, und die Nigel einfach von sich wies.

Das interessanteste Gesprächsthema fiel durch seine Abwesenheit auf: Es gab fast keine Referenz zu den US-Wahlen und dem Kuschelkurs Farages mit dem zukünftigen Präsidenten Donald Trump - abgesehen von ein paar Kommentaren, in denen er darüber sprach,  „in den letzten Monaten viel zwischen Amerika und England unterwegs“ gewesen zu sein. Aber ein Anruf von 'Donald in Washington' irgendwann in der Zukunft sei nicht auszuschließen.

Natürlich ist es zu früh, über die Richtung zu spekulieren, die die Nigel Farage Show in Zukunft gehen wird. Vielleicht nimmt sie in ein paar Wochen einen anderen Ton an, wenn sich der Moderator sicherer fühlt und die Zuhörer engagierter sind. Der unterhaltsamste Moment gestern Nacht fand während einer Werbepause statt, die zufällig bedeutungsschwanger war. Die erste Anzeige lud zu Ferien in der umstrittenen Region Gibraltar ein. Die zweite bewarb einen Scheidungsanwalt.