Ein Pole in Bosnien: Liebeserklärung an das herzförmige Land

Artikel veröffentlicht am 5. März 2013
Artikel veröffentlicht am 5. März 2013
Bosnien beschreibt sich zu Werbezwecken gern als herzförmiges Land. Die Message: du wirst auf jeden Fall dein Herz an das Land verlieren. Alle Expats und Touristen, die ich in den letzten 12 Monaten hier getroffen habe, bestätigen es.

Wenn du Bosniern die gleiche Frage stellst, werden sie wahrscheinlich antworten, dass sie die Nase voll haben und eigentlich keinen Grund sehen, dass man dieses Land lieben müsste.

Von Artur Krzykowiak

389700_10151749835215478_470847634_n.jpgTrotz der teuren und manchmal umständlichen Flugverbindungen, kommen Reisende und Expats immer wieder in Scharen nach Bosnien zurück. Aber Bosnier selbst beschreiben ihr Land als eine der schlimmsten Destinations auf der Welt : hohe Korruption, keine Perspektive für Karriere und hartes Leben. Hinzu kommt eine Arbeitslosenrate, die manchmal sogar höher als 45 % klettert und sichtbare Kriegswunden, die einfach nicht heilen wollen. „Der einzige Vorzug dieses Landes ist der Krieg, doch da Krieg kein Mehrwert sein kann, haben wir nichts“, sagt ein Freund. So oft haben mir Bosnier erklärt : „Du musst doch verrückt sein, hier leben zu wollen. “

Von Polen nach Bosnien

In, dem ehemaligen türkischen Stadtteil von Sarajevo, gibt es einen Springbrunnen neben der zentralen Moschee, der eine ganz eigene Geschichte hat : wenn du sein Wasser trinkst, wirst du früher oder später nach Bosnien zurückkehren. Auch ich habe daraus getrunken ; aber ich glaube nicht an die Geschichte. Die Menschen, die während des Kriegs ins Ausland gegangen sind und kurz darauf nostalgisch auf ihr Land zurückblickten, wollten tatsächlich zurückkommen. Woanders zu leben ist schön, aber Bosnien ist schöner. Mit all den Problemen, politischen Zankäpfeln und dem fehlenden Zusammengehörigkeitsgefühl, ist es trotzdem immer noch besser, in das eigene Land zurückzukehren.

BascarsijaBegova Djamija

Copie_de_DSCF3609_sq_small.jpgMan muss schon Ausländer sein oder eine Weile im Ausland gelebt haben, um zu erkennen, was die Leute hier hält. Und das ist einiges mehr als der Familienzusammenhalt. In gewisser Weise hatte ich die gleiche Meinung zu meinem eigenen Land, bevor ich Polen den Rücken kehrte. Ich ging weg als ich zwanzig war. Hätte mich damals jemand gefragt, ob es eine Zukunft in meinem Land gebe, hätte ich höchstwahrscheinlich einen ähnlich leeren Blick an den Tag gelegt und ebenso geantwortet wie die Bosnier heute – keine Zukunft, kein Sinn, auf keinen Fall ! Nach 10 Jahren ist mir aufgefallen, dass ich falsch lag. Mein Leben und das Leben meiner Freunde, die nicht weggegangen waren, war nicht besser oder schlechter – nur anders. Es gab Chancen – ich habe nur damals keine für mich selbst gesehen.

Kann man sich von Bosnien lösen?

Sechs Monate Bosnien sind für mich schlussendlich vierzehn Monate geworden. Ich habe so viele Gründe gefunden, um hier zu bleiben – Bars wie das « Balkan Express », trendige Orte wie die Opera Bar, geniale Theater-Performances, die manchmal billiger als Kino sind, Konzerte, kristallklare Flüsse - super für Rafting geeignet und deren Wasser man trinken kann - Berge mit wunderbarem Blick auf die Stadt, die man in 15 Minuten erklettern kann, hunderte von Cafés, die sich in den kleinen, ruhigen Straßen verbergen, und natürlich die Leute, die diese Stadt unverkennbar machen. Die meisten sind eine Inspiration für mich, andere sind Freunde und ständige Begleiter geworden.

418192_10151348367755478_998031843_n.jpgIch habe bemerkt, dass ich immer wieder alte Freunde nach Bosnien eingeladen habe, damit sie Teil davon werden können, noch bevor das Land seinen Stil und seine Charakteristika verliert. Bosnien verändert sich schleichend, und wird jeden Tag ein bisschen mehr wie alle anderen europäischen Länder. Momentan gehört es aber noch zu den wenigen Plätzen dieser Erde, auf denen man keine englische Speisekarte, ein Umtauschbüro oder organisierte Touristenführungen an jeder Ecke findet. Aber weil Tourismus auch hier einen schnell wachsenden Markt darstellt und der Traum eines EU-Beitritts zunehmend realistischer wird, wird sich das wohl bald ändern. Die skeptischen Bosnier sagen, dass würde wohl noch eine halbe Ewigkeit dauern. „Ich bin 60 Jahre alt, ich kann nicht auf den Wandel warten, ich habe keine Zeit mein Freund. Ich brauche den Wandel jetzt, aber ich weiß, dass er nicht stattfinden wird“, sagt mir ein Taxifahrer. Doch auch ein langsamer Wandel wird sichtbarer, man muss nur genau hinsehen. Der -Wasserfall ist ein Beispiel für einen dieser Plätze, die man als Bosnier heutzutage lieber meidet. Die meisten Besucher haben aber bereits davon gehört und pilgern in Scharen zu diesem Ort. „Da ist nichts zu sehen, aber es ist genau dieses Nichts, das wir suchen“, sagen mir zwei Freunde, die gerade zu Besuch sind. Nur 30 Minuten Busfahrt entfernt kann man den Berg auf einer 8 Kilometer langen Wanderroute erklimmen. Auf halber Strecke befindet sich ein genial-komisches Berghaus inmitten des Nichts, in dem den Wanderern Kaffee, hausgemachten Rakija und tolles, selbstgemachtes Essen serviert. Der Preis für alles zusammen ist so gering, dass man das Gefühl bekommt, hier stimmt was nicht.

dragan.jpgDoch selbst dieser kleine Ort im Nichts hat sich bereits verändert. Touristen lassen ihren Müll liegen, überall liegen Plastikflaschen im Wald. Dragan hat sich seinerseits einen Swimmingpool angeschafft – mit Sicht auf die Berge. Und was kommt als Nächstes ? Eine Autobahn ? Parkplätze für Touristenbusse ? Damit wird es hier bald aussehen, wie in jeder anderen Stadt auch.

Aber Dragan hatte den Weitblick und hat seine Chance ergriffen. Das herzförmige Land hat viele Glücksgräber wie Dragan, doch es ist nicht leicht, sie zu finden. Bosnien wird dich so lieben, wie du es zurückliebst. Das nächste Mal, wenn du hier vorbeikommst, sei vorsichtig. Solltest du Wasser vom Brunnen in Sarajevo trinken, bleibst du vielleicht länger als du ursprünglich geplant hattest.

Dieser Artikel ist Teil der cafebabel.com Reportagereihe Orient Express Reporter II, ein von der Europäischen Kommission und der Allianz Kulturstiftung finanziertes Projekt. Um Mitglied der Facebook Gruppe cafebabel-Sarajevo zu werden, hier klicken.