Ein neues Auschwitz nach den Nazis

Artikel veröffentlicht am 15. September 2014
Artikel veröffentlicht am 15. September 2014

Das Team von Bulli Tour Europa veröffentlicht regelmäßig Artikel zu Themen, die ihnen auf ihrem Weg quer durch Europa begegnen. Nach einem kleinen Stopp in Krakau, fährt der Bulli in Oswiecim in Polen ein. Besser bekannt als Auschwitz. Das ehemalige Konzentrationslager prägt bis heute das Bild der kleinen Stadt. Und doch gibt es auch ein Leben nach dem Konzentrationslager. 

Der Zähler des Bullis zeigt beinahe 11 000 Kilometer an. Nachdem sie letzte Woche Ungarn besucht haben, erreicht das Team von Bulli Tour jetzt Polen, wo sie beschlossen haben in Auschwitz, oder wie es auf Polnisch heißt Oswiecim, Halt zu machen.

Klaudia Domzal ist in Oswiecim geboren und hat hier ihre Kindheit verbracht. Ihre Geburtstadt liegt direkt gegenüber des ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslagers in Auschwitz. Der Alltag in dieser kleinen polnischen Stadt ist friedlich. Aber immer, wenn sie angeben muss, wo sie herkommt, wird die Sache kompliziert: Wenn du sagst, dass du aus Auschwitz kommst, sind die Leute plötzlich schlecht drauf. Manche denken sogar, dass ich in einer der Baracken wohne. Niemand weiß, dass meine Stadt schon vor der Ankunft der Nazis existiert hat und man hier sehr gut leben kann.

Klaudia stellt sich als spontane Reiseführerin zur Verfügung und zeigt uns die kleinen Straßen ihrer Stadt mit rund 40 000 Einwohner. Hier zeigt sich das Bild einer ganz normalen Kleinstadt: Cafés, Restaurants und einige Clubs, zwei Kinos, ein Gymnasium, eine Universität, ein Tattoostudio und eine renovierte Bibliothek. Es ist einfach eine sehr nette Stadt, in der ich gerne lebe und auch gerne alt werden würde. Ich wünsche mir, dass die Menschen hierherkommen und sehen, wie glücklich man hier sein kann. Ja, das ehemalige Lager ist ganz in der Nähe der Stadt, aber eigentlich hat man keine Verbindung zur einstigen Geschichte im Alltag. Man weiß zwar, dass das Lager da ist, aber man lebt hier ohne immer daran zu denken.

Zweiter Weltkrieg? Themenwechsel

Klaudias Familie väterlicherseits hat schon immer in Oswiecim gelebt. Deswegen ist es besonders schwierig mit den Großeltern die Erinnerung an die 1940er Jahre aufkommen zu lassen. Mit ihnen redet sie lieber über andere Dinge. Aber das hinderte sie nicht daran, die Gedenkstätte bereits dreimal zu besuchen und an Geschichtsworkshops der ansässigen Akademie teilzunehmen.

Auf dem zentralen Platz in Auschwitz zeigt uns Klaudia einige erst kürzlich entstandene Cafés und die in bunten Farben angestrichenen Fassaden: Seit fünf Jahren wird hier alles renoviert. Die polnische Regierung hat unserer Gemeinde wichtige finanzielle Hilfe zugesichert. Früher gab es hier keine schönen öffentlichen Plätze, es gab nur die alten Cafés der Stammkundschaft, heute sieht man hier eine nette Innenstadt mit einer Eisdiele, Restaurants und Terrassen.

Zusammenleben                                          

Obwohl das ehemalige Konzentrationslager früher durch Mauern und Stacheldrahtzaun deutlich von der Stadt Auschwitz getrennt war, ist die damalige Atmosphäre immer noch spürbar. Die 200 Hektar von Auschwitz I und Auschwitz II sind in zwei Seiten gespalten und grenzen direkt an die Städte Oswiecim (Auschwitz) und Brzezinka (Birkenau). Dort, wo einst das Lager von Auschwitz endete, sieht man jetzt kleine Häuschen und ihre Gärten.  

Einige Anwohner hatten hier schon vor dem Krieg Grundstücke und verlangten später ihre Häuser zurück, wiederum andere kamen wegen der günstigen Grundstückspreise. Was aber immer blieb, ist die Erinnerung an das alte erschreckende Bild der Wohnhäuser die direkt neben den Konzentrationslagern in Birkenau standen. Das Bild von Bahnschienen, die durch Privatgärten in Richtung der Gaskammern führen. Über einigen verlassenen Schienen hängt heute eine grün-rote Schaukel.

Der jüdisch-amerikanische Künstler Danny Ghittis hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Phantom Auschwitz zu zeigen, indem er das Alltagsleben der Anwohner von Oswiecim und Brzezinka fotografiert. "Life in the shadow of Auschwitz" zeigt ein Mädchen auf Rollschuhen, wie es vor den ehemaligen Backsteinbaracken skatet, einen Bauern dabei, wie er unweit der ehemaligen Gaskammern Holz verbrennt oder eine Nonne, die vor dem ehemaligen Lager Badminton spielt. 

Auf dem Weg von Oswiecim erklärt uns Danny Ghitis: Die Idee ist uns vor zehn Jahren gekommen, als ich herausgefunden habe, dass Auschwitz auch eine Stadt war. Ich war sofort fasziniert von der Geschichte an die ich nicht mehr aufhören konnte zu denken. Und dann habe ich beschlossen, selbst zu gucken, wie es sich dort verhält, indem ich fünf Monate dort verbracht habe. Ich hatte vorher viele Vorstellungen von Polen und seiner Vergangenheit. Dann habe ich dort eine Jugend kennengelernt, die sich für die jüdische Kultur in ihrem Land interessiert. Meine Fotos bilden einen starken Widerspruch ab und den Wunsch, typische Symbole wie beispielsweise Rauch oder Feuer zu benutzen. Aber ich habe versucht es differenziert zu sehen und schließlich akzeptiertieren können: das Leben geht trotz allem weiter…“  

So geht das Leben also weiter, selbst hier, im Angesicht der enormen Zerstörungen des 20. Jahrhunderts. Man erkennt auch bei manchen eine gewisse Fähigkeit, Dinge einfach auszuhalten, und bei anderen findet man wiederum nur den Willen zu vergessen.

Das Team von Bulli Tour hat außerdem auch eine Reportage zum Thema des Erhalts des ehemaligen Lagers Auschwitz-Birkenau veröffentlicht. Diese befindet sich seit Anfang September auf der Seite von Bulli Tour Europa.

Dieser Artikel ist Teil einer Reportageserie im Rahmen des 

Projekts Bulli Tour Europa, einem Partner von cafébabel Straßburg. Weitere Artikel finden sich auf www.bullitour.eu.