Ein Nachruf: „Verbotene Liebe" wird abgesetzt

Artikel veröffentlicht am 29. Juli 2014
Artikel veröffentlicht am 29. Juli 2014

Seit 1995 flimmerte Verbotene Liebe über den Bildschirm. Die Glamour Queen unter den deutschen Soaps bot dramatische Verwicklungen und Herzschmerz. Jetzt wird sie eingestellt. Einer Generation, die inzwischen das Teenie-Alter hinter sich gelassen hat, bricht diese Nachricht das Herz.

Julia und Jan lieben sich. Sie: aus gutem Haus. Er: rebellischer Macho-Motorradfahrer. Aber wie sagt man so schön: Gegensätze ziehen sich an und so ist es nur eine Frage der Zeit, bis J&J sich „einander hingeben“ (Soap-Sprech). Aber da das Leben nicht fair ist und es ja sonst auch reichlich unspektakulär wäre, kommt natürlich ein tragisches Geheimnis ans Tageslicht: Jan und Julia sind Geschwister, bei der Geburt getrennt von ihrer berechnenden und stets akkurat frisierten Mutter Clarissa. Jan und Julia müssen also irgendwie aus der Serie ausscheiden – auf mysteriöse Art und Weise verschwindet Julia bei einem gemeinsamen Liebesurlaub auf Lanzarote. Später erfährt man, dass sie heiratet (unglücklich, versteht sich, denn ihr Mann entpuppte sich als geistesgestörter Entführer). Und Jan fährt auf seinem Motorrad in den Sonnenuntergang davon.

„Forbidden Love goes straight to your heart“

Klingt völlig unrealistisch und an den Haaren herbeigezogen? Willkommen bei Verbotene Liebe (VL)! Seit 1995 flimmert die Glamour-Queen unter den deutschen Soaps allabendlich zwischen 18 und 19 Uhr über die Bildschirme – untermalt von den typischen und so vertrauten Klängen: „Forbidden love goes straight to your heart/And I can't stand the pain when I call out your name/Forbidden love goes straight to your heart/And your soul, losing control“ (Oh ja, das ist extrem schmalzig). Über 4000 Folgen sind das bis heute. Ort des Geschehens ist Düsseldorf, eine Stadt, in der die Reichen und Schönen auf der Königsallee flanieren. Am reichsten und schönsten ist bei VL Familie von und zu Lahnstein, die auf Schloss Königsbrunn residiert. Sie bildet den Kontrast zum einfachen (aber trotzdem gutaussehenden und stylischen) Volk, das eher im No Limits bunte Cocktails trinkt, als im Schneider’s mit gut gekühltem Schneiders N°1 anzustoßen.

Teaser von VL

Die Geschichte von Jan und Julia bildete in den 1990ern den Ausgangspunkt von VL. Was nicht heißen soll, dass andere Leute in der Serie keine Probleme haben! Ein paar Beispiele aus den letzten zwei Jahren? Marlene heiratet Hagen, Spross der adeligen Lahnstein-Familie. Der findet aber Marlenes kleine Schwester Dana viel besser, im gräflichen Pferdestall kommt man sich näher. Demnächst werden die beiden heiraten, natürlich mit Marlenes Segen – die Trauung übernimmt Michaela Schaffrath, in der Realität eine zur Schauspielerin mutierte Ex-Pornodarstellerin („Gina Wild“). Tragisch auch Nicola und Philipp: Sie die rebellische Gräfin, er der arrogante Halunke. Nachdem sie endlich zueinander gefunden haben, überfährt Nicolas Cousine Helena Philipp mit dem Auto und begeht Fahrerflucht. Viele Folgen vergehen, in denen Helena aufgrund ihrer SCHULD fast wahnsinnig wird, sich dann selbst anzeigt, Nicola sie hasst – und sich dann wieder mit ihr versöhnt. Momentan bereisen Nicola und die Urne mit Philipps Asche Tibet. 

Chrolli: Oberkörperfrei mit Handtuch

Das Grundmotiv ist immer das gleiche: Menschen, die aus offensichtlichen oder auch nicht so offensichtlichen Gründen nicht zueinander finden können, z.B. weil sie eng miteinander verwandt sind, nicht die gleiche sexuelle Orientierung haben oder es sich moralisch aus anderen Gründen nicht geziemt (siehe Dana und Hagen). Bei VL ist einfach alles schöner (kitschiger), komplizierter und dramatischer als im wahren Leben. Ein homosexuelles Paar darf natürlich ebenfalls nicht fehlen: Christian und Olli („Chrolli“) dürfen gerne und oft oberkörperfrei und nur mit Handtüchern bekleidet durch ihre WG laufen. Gar nicht so selten unterhalten sie sich dann darüber, wie verrückt sie nacheinander sind und man ja noch völlig fertig von letzter Nacht sei. Wenn die Drehbuchautoren einen besonders guten Tag hatten, dürfen Chrolli beim Sprechen dieser Zeilen noch ein deftiges Rühr- oder wahlweise Spiegelei braten (zum Ausgleich des Proteinverlusts, damit die ohnehin nicht besonders subtile Botschaft noch besser ankommt).

Weil die Quoten nicht mehr stimmten – erstaunlich bei dieser Ansammlung wirklich hochdramatischer und romantischer Ereignisse pro Folge – verfielen die Drehbuchautoren auf die großartige Idee, den Jan-Julia-Mythos wiederzubeleben. 2011 durften die beiden (Ex-)Liebenden auf Mallorca erneut aufeinander treffen. Julia ist mittlerweile zum zweiten Mal verheiratet, mit dem feschen Dr. Mendes, gemeinsam ziehen sie Julias Sohn Timo aus ihrer unglücklichen Ehe auf (der verrückte Ehemann, es musste ja so kommen, ist hinterhältig ermordet worden). Jan ist inzwischen zum katholischen Priester mutiert. Als das Budget für den Dreh auf Mallorca aufgebraucht ist, verlässt Julia ihren Mann, Jan schmeißt sein Priesteramt hin (nicht, ohne davor zu entdecken, dass er eine Teenager-Tochter hat, von der er nichts wusste) und die beiden beginnen gemeinsam ein neues Leben.

Und VL, sonst immer so bemüht, jede Handlung durch ausgiebige Gespräche, stimmungsvolle Hintergrundmusik und intensive Blicke der betroffenen Person zumindest in Ansätzen nachvollziehbar zu machen, versagt dieses Mal. Inzest lässt sich eben aus moralischer Sicht irgendwie schlecht plausibilisieren. Die bei einem anderen Serien-Paar bereits erfolgreich praktizierte Lösung (die Liebenden stellen fest, dass sie gar keine Geschwister sind, da einer von ihnen adoptiert ist) kam bei Jan und Julia natürlich nicht in Frage, schließlich basiert die ganze Serie auf dieser hochverbotenen Bindung.

Glamouröses Leben mit Adelstitel – schön wär‘s

Die Frage ist natürlich: Warum tut frau sich das an (von meinen männlichen Bekannten guckt tatsächlich kein einziger VL – oder wissen sie es nur gut zu verbergen)? Warum diskutieren mehrere vernunftbegabte und intelligente weibliche Weisen leidenschaftlich über (haarsträubende) fiktive Personen und Handlungen? Erstens: Ist doch klar, wir schauen das Ganze „ironisch“ – zumindest bilden wir uns das ein und unterscheiden uns so von den Hardcore-Fans, die ernsthaft im VL-Forum diskutieren („Diese Stimme *hrrrrr* purer nachtschwarzer Samt“). Zweitens liegt es vielleicht auch daran, dass VL so rein gar nichts mit der bundesdeutschen Realität zu tun hat. Stattdessen zeigen uns vor allem die von Lahnsteins, wie glamourös das Leben mit Adelstitel sein kann. Wie gerne würde ich mal zu meinem Butler sagen können: „Justus, Champagner!“ Darauf einen Schneider’s N°1 für alle!